KULTUR

Josef Beuys (1921–1986): Transformation und Heilung

PP 14, Ausgabe August 2015, Seite 382

Kattermann, Vera

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Wie schaffen es Künstler, seelische Verletzungen in schöpferische Kraft zu verwandeln? Joseph Beuys hat mit seiner Kunst diese Frage besonders energisch gestellt.

Fotos: VG-Bild-Kunst, Bonn, 2015/absolut medien
Fotos: VG-Bild-Kunst, Bonn, 2015/absolut medien

Was befähigt eigentlich Menschen, ihre seelischen Verletzungen so zu verarbeiten, dass Schmerz, Ressentiment oder Depression sich wandeln in schöpferisches Lebendigsein? Diese Frage steht nicht nur im Zentrum jeder Psychotherapie – auch im Bereich der Kunst präzisiert sie eine wesentliche innere Suchbewegung. Joseph Beuys, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, hat mit seiner Kunst diese Frage besonders energisch gestellt und darin auch eine eigene Symbolsprache gefunden. Seine stets heftig umstrittenen Werke und öffentlichen Aktionen stellen bis heute eine Art assoziativen Schmelztiegel zur Verfügung, wie die Transformation von Schmerz, Erstarrung und Einsamkeit versucht werden kann.

„Zeige deine Wunde“ – vielleicht begann seine innere Auseinandersetzung mit dieser Überschrift, die zumindest der programmatische Titel eines seiner Werke ist, das heute im Münchner Lenbachhaus zu sehen ist. „Zeige deine Wunde“ ist denn auch der Titel des jüngst vom Autor Rüdiger Sünner erschienenen Films und seinem begleitenden Buch über Beuys, die schon vor dem 30. Todestag des Künstlers im kommenden Jahr Lust auf eine vertiefte Auseinandersetzung machen. Sünner spürt darin auf feinfühlige und sehr persönliche Weise seiner Faszination für das Werk dieses Künstlers nach. So gelingt es ihm, eine bis heute anhaltende Irritation oder auch Ablehnung angesichts der teilweise bizarren Kunstschöpfungen und Installationen Beuys umzuwandeln in ein neugieriges und zunehmend beteiligtes Hinspüren.

Oben: „Den teuersten Sperrmüll aller Zeiten“ nannte man polemisch die Installation „Zeige deine Wunde“ (1974–1975) von Joseph Beuys. Dieses Werk wurde 1980 für 270 000 DM vom Münchner Lenbachhaus angekauft. Es wurde sehr kontrovers diskutiert und löste, wie viele andere Werke des Künstlers, heftige Kritik und bundesweite Proteste aus.
Oben: „Den teuersten Sperrmüll aller Zeiten“ nannte man polemisch die Installation „Zeige deine Wunde“ (1974–1975) von Joseph Beuys. Dieses Werk wurde 1980 für 270 000 DM vom Münchner Lenbachhaus angekauft. Es wurde sehr kontrovers diskutiert und löste, wie viele andere Werke des Künstlers, heftige Kritik und bundesweite Proteste aus.

Viele von Beuys’ Werken thematisieren die Erfahrung existenzieller Schutzlosigkeit. Das verletzliche Geworfensein in die Welt wird von Beuys als prinzipiell gedacht – folgerichtig tituliert er schon seine Geburt ironisierend als Kunstaktion und nennt sie „Ausstellung einer mit Heftpflaster zugezogenen Wunde“. Geburt als Verwundung? Oder spiegelt sich hier retrospektiv auch die schwere Kriegstraumatisierung, die Beuys mit Anfang 20 erleidet? Er hatte sich 1941 freiwillig zum Kriegsdienst verpflichtet, wurde unter anderem von Heinz Sielmann zum Bordfunker ausgebildet und überlebte als solcher 1944 schwer verwundet einen Flugzeugabsturz über der Krim. Auch wenn die wiederherstellende Pflege durch Krimtartaren, wie man heute weiß, wohl erfieberte Legende ist, hat sie seine spätere Karriere als Künstler wesentlich bestimmt. Die Kunst wurde ihm spätestens jetzt zum Spür- und Experimentierfeld einer lebenslangen Suche nach Heilung. Beuys‘ Aufforderung „Zeige deine Wunde“ will die Scham angesichts der Erfahrung tiefer seelischer Abgründe wenden in das Wagnis der Veröffentlichung, in der verwandelnde Kraft auch darin steckt, dass sie geteilt wird. So sind Transformationsprozesse das zentrale Motiv seiner künstlerischen Auseinandersetzung.

Faszination für Wandlungen

Das legendäre Beispiel der „Fettecke“ oder auch die „Honigpumpe“ auf der Documenta in Kassel 1977 illustrieren Beuys tiefe Faszination für Wandlungen zwischen den Polen von Wärme und Kälte, zwischen Verflüssigung und Erstarrung, zwischen Chaos und Form. Ein eindrückliches Bild auch für psychotherapeutische Prozesse? Entsteht Verwandlung auch in Therapien nur durch „emotionale Verflüssigung“? Wie transformieren sich eigentlich Gefühle? Beuys Vorliebe für archaische Materialien wie Filz, Fett, Talg, Kupfer oder Honig ruft assoziativ wärmende Gefühlsqualitäten wach, die vielleicht eine tiefe Sehnsucht spiegeln. Man weiß, dass Beuys unter depressiven Episoden litt. Sein Werk aber bleibt eben nie nur der Ausdruck tiefer Verwundung und Einsamkeit, sondern umkreist immer auch Metaphern der Fürsorge und Heilung. Schon als Kind habe er sich als Hirte einer imaginären Herde erlebt, so berichtete er, und entsprechend suchte er transformierende Heilung nie nur für sich selbst, sondern auch für die gesellschaftliche und politische Situation. Zwar werden die Erfahrungen von Nationalsozialismus und Krieg in Beuys Werken wenig explizit thematisiert, doch sie sind assoziativ in den meisten seiner Arbeiten fühlbar. Rückblickend mutet sein Werk wie eine Fieberkurve der deutschen Nachkriegsgesellschaft an, pendelnd zwischen kollektiver traumatischer Erstarrung und ihrem heißen traumatischen Kern. Und ähnlich therapeutischen Kontexten war es Beuys Anliegen, erstarrte Emotionalität auch auf kollektiver Ebene zu verflüssigen. Er liebte die Provokation, gerade weil sie transformieren kann: „Wenn das alles schon so verhärtet ist, dann muß man doch das mal wirklich generell anstoßen, richtig anstoßen, daß das alles mal hochkommt. Dann fangen sie auch an zu schimpfen. Von mir aus können sie auch schlagen, das macht nichts. Aber das habe ich ja erreicht durch meine Plastiken, daß die Leute sich darüber aufgeregt und dann darüber gesprochen haben. Das ist doch wichtig, daß etwas provoziert wird. Provozieren heißt hervorrufen. Das ist an sich schon ein Auferstehungsprozeß, wenn etwas hervorgerufen wird“ (1).

Vor diesem Hintergrund lassen sich Beuys Arbeiten, die in den 60er und 70er Jahren auf empörte Ablehnung stießen und tatsächlich heftigste Kontroversen entfachten, auch als impliziter Heilungsversuch einer nachhaltigen ideologischen Zerstörung lesen: Seine Werke wirken wie inszenierte Assoziationen zum nationalsozialistischen Schlagwort „Entarteter Kunst“. Beuys konfrontierte die Nachkriegsgesellschaft also implizit mit der Frage, inwiefern ein solch zerstörtes ebenso wie zerstörerisches Kunstverständnis unbemerkt fortwirkte. Zugleich forderte er mit Vehemenz und im Ausprobieren völlig neuer Zugänge die radikale Wieder-Erweiterung des Kunstbegriffs. Damit gelang ihm der Brückenschlag von persönlichen hin zu kollektiven Verwundungen auf einer weiteren Ebene – Beuys zeigt sich hier als zumutender, aber auch fürsorglicher Hirte. So ist es nur folgerichtig, dass er sich in späteren Jahren auch intensiv politisch betätigte. Beuys war – auch inspiriert durch seine Auseinandersetzung mit dem Werk von Rudolf Steiner – an einer Wiederverbindung des Menschen mit dem Übersinnlichen gelegen, und die Voraussetzungen dafür werden, so machte er unermüdlich deutlich, auch politisch geschaffen. Sein Engagement für eine freie Kunstakademie und später in einer Bewegung für direkte Demokratie war vermutlich eine weitere Resonanz auf die totalitären Erfahrungen im Nationalsozialismus – über die der sehr wortreiche Künstler retrospektiv übrigens auffallend wenig sprach. Spiegelt sich hier die traumatische Abwehr der Gesellschaft, die er nur in seiner Kunst, nicht aber in der bewussten Auseinandersetzung auflösen konnte?

Der Film „Zeige deinen Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys“ von Rüdiger Sünner ist als DVD bei www. absolutmedien.de erschienen. Länge: 85 Minuten, Preis: 14,90 Euro.
Der Film „Zeige deinen Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys“ von Rüdiger Sünner ist als DVD bei www. absolutmedien.de erschienen. Länge: 85 Minuten, Preis: 14,90 Euro.

Schöpferisches Lebendigsein

Der Film und das Buch von Rüdiger Sünner können diese Fragen nicht beantworten, aber sie machen neugierig darauf, noch einmal und mit neuer Wachheit die Auseinandersetzung mit Beuys zu suchen. Sein berühmtes Schlagwort „Jeder Mensch ist ein Künstler“ erinnert jedenfalls daran, den kreativen Akt schöpferischen Lebendigseins immer wieder neu zu versuchen – in Psychotherapien und jenseits davon. „Das einzige, was sich lohnt aufzurichten, ist die menschliche Seele. Ich meine jetzt ‚Seele‘ im umfassenden Sinn. Ich meine jetzt nicht nur das Gefühlsmäßige, sondern auch die Erkenntniskräfte, die Fähigkeit des Denkens, der Intuition, der Inspiration, das Ichbewußtsein, die Willenskraft. Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Dann ist alles andere sowieso gerettet“ (2).

Dr. phil. Vera Kattermann

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1.
Bojescul W: Zum Kunstbegriff des Joseph Beuys. Essen: Verlag Die Blaue Eule 1987.
2.
Sünner R: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Berlin: Europa Verlag 2015.
1.Bojescul W: Zum Kunstbegriff des Joseph Beuys. Essen: Verlag Die Blaue Eule 1987.
2.Sünner R: Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Berlin: Europa Verlag 2015.

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