ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Selbstkontrolle: Wahlfreiheit: Warten oder genießen

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Selbstkontrolle: Wahlfreiheit: Warten oder genießen

Koch, Joachim

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Mit dem Marshmallow-Test ist der amerikanische Psychologieprofessor Walter Mischel berühmt geworden: Ein Kind bekommt einen Marshmallow (eine beliebte Schaumzuckerware) vorgesetzt und hat die Wahl, ihn sofort aufzuessen oder zu warten, um später zwei zu bekommen. Mischel fand heraus, dass die Fähigkeit der Kinder zum Belohnungsaufschub mit dem Erfolg im späteren Leben zusammenhängt.

Im Buch hat Walter Mischel, der 1930 in Wien geboren wurde und im Alter von acht Jahren mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten nach New York floh, sein Leben als Forscher zusammengefasst und präsentiert es in einem populärwissenschaftlichen Stil in drei Buchteilen. Im ersten schildert er die Geschichte des Marshmallow-Tests und der Experimente mit Vorschulkindern. Er beschreibt die mentalen Prozesse und Strategien, mit denen heiße Verlockungen abgekühlt, Belohnungen aufgeschoben werden und Selbstkontrolle entwickelt wird. In diesem Zusammenhang betont Mischel die besondere Formbarkeit des menschlichen Gehirns und die Bedeutung von Erziehung und Umwelt.

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Im zweiten Teil des Buches wird beschrieben, wie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle den Lebensweg beeinflusst, wie sie den Weg zu Erfolgserlebnissen und positiven Erwartungen ebnet. Ein starkes Selbstwertgefühl wird erzeugt, und Selbstkontrolle hilft auch dabei, schwierige Entscheidungen zu treffen und sich genügend anzustrengen, um Ziele zu verwirklichen. Aber bei der Lebensgestaltung ist nicht nur die Selbstkontrolle wichtig, sondern auch die Verinnerlichung von Werten und Zielen sowie die Motivation, um unvermeidliche Rückschläge wegzustecken. Optimismus und Selbstbestätigung können aber auch zu Selbstüberschätzung und gefährlicher Risikobereitschaft führen. „Aufschub-starke“ Personen sind zwar besser vor Stress geschützt, aber auch weniger empfänglich für Gefahrensignale. Bei der Optimismus-Verzerrung bemühen sich risikofreudige Akteure nicht hinreichend darum, die Höhe der Risiken herauszufinden.

Im letzten Teil des Buchs beschäftigt sich der Autor mit den Konsequenzen seiner Forschungsergebnisse für die Politik und beschreibt gezielte pädagogische Maßnahmen, die schon im Kindergarten ansetzen und wissenschaftliche Kenntnisse über Selbstkontrolle berücksichtigen sollen. Mischel macht mit dem Konzept der Exekutiven Funktionen vertraut und bemerkt, dass schon einfache Meditations- und Achtsamkeitsübungen die Steuerungsfunktionen erheblich verbessern können. Er warnt davor, dass ein Leben mit zu viel Belohnungsaufschub genauso trist sein kann wie eines mit zu wenig und schlussfolgert, dass die größte Herausforderung ist zu lernen, wann wir auf weitere „Marshmallows“ warten und wann wir sie einfach genießen sollten. Aber über diese Wahlfreiheit verfügen wir erst, wenn wir gelernt haben zu warten. Joachim Koch

Walter Mischel: Der Marshmallow-Test. Siedler, München 2015, 396 Seiten, gebunden, 24,99 Euro

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