ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Narzissmus: Altbewährtes wertschätzend genutzt

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Narzissmus: Altbewährtes wertschätzend genutzt

Flassbeck, Jens

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Die Verhaltenstherapie ist wie keine andere Psychotherapieschule störungsbezogen breit aufgestellt. Allerdings war das Thema Narzissmus bisher tiefenpsychologisch besetzt. Als Verhaltenstherapeut machte man besser schamhaft einen großen Bogen darum oder triumphierte schadenfreudig, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung keinen Eingang in die ICD-10 gefunden hat. Lammers Anspruch ist es, das zu ändern und einen verhaltensorientierten Ansatz zu entwerfen.

Nach Lammers wird unter dem Begriff des Narzissmus Verschiedenes verstanden: Es ist eine gesunde Eigenschaft, ein Entwicklungsstadium, eine gestörte Dynamik, die anderen psychischen Krankheiten zugrunde liegt, eine Persönlichkeitsstörung, eine Gesellschaftskritik und eine negativ konnotierte Etikettierung. All diese Facetten werden im Buch angesprochen, doch im Fokus der Aufmerksamkeit wird der klinisch pathologische Narzissmus als dysfunktionales Bewältigungsmuster im Sinne einer Persönlichkeitsstörung behandelt.

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Das erste Kapitel umreißt Geschichte, Klassifikation und Diagnostik, Komorbidität, Epidemiologie, Subtypen, Störungs- und Persönlichkeitsmodelle, Psychodynamik und verschiedene Aspekte narzisstischen Erlebens und Verhaltens. In diesem Kapitel wird auch in das Kernkonzept der doppelten Selbstwertregulation eingeführt. In den folgenden drei Kapiteln werden Voraussetzungen einer Psychotherapie vorgestellt: Therapieziele, die Motivation und die therapeutische Beziehung. Hierbei werden die Bedeutung von Ressourcen, Empathie, Kongruenz und auch Übertragungsphänomenen in der Klient-Therapeut-Beziehung vertieft.

In den Kapiteln fünf bis sieben werden spezielle psychotherapeutische Methoden vertieft, unter anderem die Arbeit an der doppelten Selbstwertregulation, die Analyse und Disputation dysfunktionaler Kognitionen, emotionsfokussierte und biografische Interventionsformen oder Verhaltenstrainings von unter anderem sozialen Kompetenzen. Das achte Kapitel schließt mit einer kritischen Auseinandersetzung des gesellschaftlichen Gebrauchs und Missbrauchs des Begriffs des Narzissmus ab.

Lammers ist zu danken, dass Verhaltenstherapeuten in Zukunft das Thema nicht mehr vermeiden müssen. Allerdings ist der Untertitel „verhaltensorientiert“ ein wenig irreführend. Der Autor vertritt in lobenswerter Weise einen modernen, allgemeinen Psychotherapieansatz. So finden gleichberechtigt und umfassend sowohl verhaltenstherapeutische Interventionstechniken als auch tiefenpsychologische Erklärungsmodelle und personenzentrierte Strategien der Beziehungsgestaltung Eingang. Lammers erfindet dabei das Rad nicht neu. Er nutzt Altbewährtes wertschätzend und integriert es in einen neuen schlüssigen und umfassenden Rahmen, an dem auch Psychotherapeuten anderer Schulen viel Freude haben werden. Das ist die beachtenswerte Leistung des Autors und diese ist unprätentiös und überzeugend. Jens Flassbeck

Claas-Hinrich Lammers: Psychotherapie narzisstisch gestörter Patienten. Schattauer, Stuttgart 2015, 296 Seiten, gebunden, 39,99 Euro

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