BÜCHER

Sexueller Missbrauch: Schwer erträgliche Lektüre

PP 14, Ausgabe August 2015, Seite 381

Kuck, Bernd

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Erst kürzlich hat die „Edathy-Affäre“ Schlagzeilen gemacht. Weil er „Kinderpornos“ aus dem Internet heruntergeladen hatte, wurde Sebastian Edathy zu einer geringfügigen Strafe verurteilt. Eines der Argumente war, dass er ja „nur“ Bilder heruntergeladen hatte. Die wenigsten Menschen machen sich klar, dass diese Bilder und/oder Filme auch hergestellt werden müssen, und jeder Betrachter oder Käufer somit billigend in Kauf nimmt, dass für seine Lust Kinder gequält werden. Das geht in satanistischen Kulten bis zu Kindstötungen in ritualisierten Handlungen.

Bereits 1996 erschien das Buch erstmals. Es wird die Therapie einer damals 30-jährigen Frau geschildert, die schon eineinhalbjährig durch ihren Vater sexuell misshandelt wurde und im Umfeld einer satanistischen Sekte unvorstellbare sexualisierte Gewalt erfuhr. Sie entwickelte eine dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung), zu der etwa 100 Teilpersönlichkeiten gehören. Dieses Krankheitsbild wurde lange Zeit geleugnet, wie auch die Existenz von sexualisierter Gewalt gegen Kinder, zumal in ritualisierter Form, geleugnet wurde und wird.

Die Lektüre ist schwer erträglich und dürfte bei einigen Lesern Abwehr und vor allem Unglauben auslösen. Der Text könnte für einen Krimi einer Autorin mit blühender Fantasie gehalten werden, und das war lange Zeit das Argument, mit dem Opfer zurückgewiesen wurden. Wer allerdings mit komplex traumatisierten Menschen therapeutisch arbeitet, der weiß, wovon in dem Buch die Rede ist, selbst wenn er noch kein Opfer ritualisierter Gewalt in Behandlung hatte.

Das Buch schildert die traurige und entsetzliche Wahrheit, die seit den öffentlich gewordenen Skandalen um Dutroux in Belgien und die organisierte sexuelle Ausbeutung in Rotherham (England) nicht mehr so leicht zu leugnen ist. Gleichwohl haben die Opfer weitere Qualen zu erleiden, wenn sie etwa Täter anzeigen. Die Art und Weise, wie komplex traumatisierte Menschen von unqualifizierten Gutachtern retraumatisiert werden, macht sie zu Agenten der Verleugnung. Angela Lenz erhielt die Anerkennung nach dem Opferentschädigungsgesetz, nachdem sie diverse „Begutachtungen“ überlebt hat. Viele andere Kinder und Frauen bleiben ungeschützt, ihr Leid wird verleugnet, und die therapeutischen Hilfen münden oftmals in Selbstausbeutung der Therapeuten, da es für die Opfer keine Lobby gibt und auch Krankenkassen die Bezahlung der mühevollen und langwierigen Behandlungen ablehnen. Politisch geschieht nicht viel. Niemand mag sich die Hände in der Aufklärung schmutzig machen, und schnell sind Verschwörungstheorievorwürfe bei der Hand. Immerhin heißt es in dem Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages: „Von der Existenz solcher Kulte ist auszugehen.“ Bernd Kuck

Ulla Fröhling: Vater unser in der Hölle. MVG, München 2015 480 Seiten, kartoniert, 12,99 Euro

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