ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2015Versorgung von Flüchtlingen: Weniger kostet mehr

POLITIK

Versorgung von Flüchtlingen: Weniger kostet mehr

Dtsch Arztebl 2015; 112(33-34): A-1361 / B-1143 / C-1115

Hillienhof, Arne

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Die Flüchtlingszahlen in Deutschland steigen. Während die Politik um angemessene Unterbringungsmöglichkeiten ringt, ist die medizinische Versorgung der Asylsuchenden noch nicht ausreichend geregelt.

Der eingeschränkte Zugang zur medizinischen Versorgung für Asylsuchende ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch ökonomisch nicht sinnvoll. Foto: dpa
Der eingeschränkte Zugang zur medizinischen Versorgung für Asylsuchende ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch ökonomisch nicht sinnvoll. Foto: dpa

Die hohen Flüchtlingszahlen machen es immer drängender, die medizinische Versorgung dieser Menschen auf eine sichere Grundlage zu stellen. Denn der eingeschränkte Zugang zur medizinischen Versorgung für Asylsuchende ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch ökonomisch nicht sinnvoll. Das berichten Wissenschaftler der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld in der Zeitschrift PLoS One. (10(7): e0131483).

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Behandlungschein notwendig

Asylbewerber werden während der ersten Wochen des Asylverfahrens in der Regel in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Das Asylverfahrensgesetz sieht für diese Zeit unter anderem eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten vor. Sind die Betroffenen in die entsprechenden Kommunen umgezogen, erhalten sie dort Leistungen gemäß des Asylbewerberleistungsgesetzes. Bei Krankheit müssen sie sich zunächst beim Sozialamt einen Behandlungsschein holen. Erst danach dürfen sie einen Arzt aufsuchen, der sie bei akuten und schmerzhaften Erkrankungen, die zur Sicherstellung der Gesundheit unabdingbar sind, behandelt. Eine Ausnahme machen Hamburg und Bremen: Dort können Flüchtlinge direkt mit einer Krankenkassenkarte zum Arzt gehen.

Die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für die eingeschränkte medizinische Versorgung bei Asylsuchenden lagen der Studie zufolge in den vergangenen 20 Jahren (1994 bis 2013) um circa 40 Prozent und damit 376 Euro höher als bei Asylsuchenden, die bereits einen regulären Anspruch auf die Leistungen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung hatten. „Und dabei sind die erheblichen Verwaltungskosten, die im Rahmen der Einzelbegutachtungen zur Leistungsgewährung bei eingeschränkter Versorgung in den Ämtern entstehen, noch nicht einmal berücksichtigt“, erläutert Dr. med. Kayvan Bozorgmehr von der Uniklinik Heidelberg gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Seine Forderung: „Rationale, gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Grundsätze müssen dringend stärker berücksichtigt werden!“ Das haben auch die Abgeordneten des 118. Deutschen Ärztetages in Frankfurt/M. beschlossen: „Alle Flüchtlinge müssen vollen Zugang zu allen Gesundheitsleistungen der gesetzlichen Krankenkassen, also zum vollen Umfang des fünften Sozialgesetzbuches bekommen. Sinnvoll wäre, dass Flüchtlinge – wie bereits in Bremen und Hamburg – Chipkarten zur normalen Abrechnung der Gesundheitsversorgung erhalten, ohne den Umweg über eine Behörde machen zu müssen.“

Die Regierungsfraktionen von Linken, SPD und Grünen in Thüringen wollen bis zum Herbst einen Vorschlag erarbeiten, um die „diskriminierenden Praktiken” zu beenden. „Wir brauchen Gleichstellung. Flüchtlinge müssen ebenso wie Einheimische Termine beim Arzt machen können, Wartezeiten müssen und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen können“, fordert auch die Geschäftsführerin des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Der Verein hat zusammen mit der Ärztekammer Rheinland-Pfalz Infomaterial und Anamnesebögen für Ärzte erstellt, die Flüchtlinge betreuen.

Krankheiten sind vielfältig

Versorgungsbedarf besteht für alle Facharztbereiche: „Die Krankheiten, bedingt durch Flucht, Folter, Vertreibung, Vergewaltigung, Entbehrungen jeglicher Art, und das über einen meist langen Zeitraum verbunden mit den psychischen Belastungen, sind vielzählig“, berichtet der Menschenrechtsbeauftragte der Bundes­ärzte­kammer und Präsident der Ärztekammer Baden-Württemberg, Dr. med. Ulrich Clever.

Dr. med. Arne Hillienhof

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