ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2015Medizinische Indikationsstellung und Öko­nomi­sierung: Indikation als Kernstück der ärztlichen Identität

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Medizinische Indikationsstellung und Öko­nomi­sierung: Indikation als Kernstück der ärztlichen Identität

Dtsch Arztebl 2015; 112(33-34): A-1375 / B-1157 / C-1129

Klinkhammer, Gisela

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Die Zielsetzung ärztlichen Handelns darf nicht in ein ökonomisch orientiertes Handeln umdefiniert werden, fordert die Bundes­ärzte­kammer in einer Stellungnahme.

Die medizinische Indikation ist ein Kernstück der ärztlichen Identität. Mit ihr bringt der Arzt zum Ausdruck, dass er dem Patienten nur das empfehlen wird, was für ihn, den Patienten, im Prinzip zuträglich ist“, betont Prof. Dr. med. Giovanni Maio vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Freiburg. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt befürchtet er aber, dass Ärzte durch ökonomische Anreize dazu verleitet werden könnten, die Bedeutsamkeit einer sorgsamen Indikation zu unterschätzen (dazu „3 Fragen an . . .“). Vor diesem Hintergrund hat der Ausschuss für ethische und medizinisch-juristische Grundsatzfragen der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) unter Maios Federführung grundlegende Aussagen zur Indikation erarbeitet. Diese Stellungnahme „Medizinische Indikationsstellung und Öko­nomi­sierung“ wurde vom BÄK-Vorstand verabschiedet und vor kurzem veröffentlicht.

Die Grundlage für die Erstellung einer medizinischen Indikation bilden der Stellungnahme zufolge drei Aspekte:

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  • Mit der Indikation sei eine medizinisch-fachliche Ebene angesprochen. Die medizinische Indikation sei an objektive Parameter, an den Stand der Wissenschaft und an den allgemein anerkannten medizinischen Standard gebunden.
  • Zudem müssten diese objektiven Befunde und dieser Standard zu allgemein anerkannten Zielsetzungen medizinischen Handelns zurückgespiegelt werden.
  • Ein weiterer Aspekt zur Bestimmung der medizinischen Indikation sei die Individualität des Patienten.

Die medizinische Indikation ist also der Stellungnahme zufolge nicht im Sinne eines Algorithmus zu verstehen. Daher sei für eine gute Indikationsstellung neben der externen Evidenz auch die gute Anamnese, das Verständnis des Patienten und vor allem ärztliche Erfahrung notwendig, ergänzt Maio.

Die Bundes­ärzte­kammer sieht jedoch die Gefahr, dass in vielen Arbeitsverträgen von Ärzten Anreizsysteme eingebaut sind, die das Ziel verfolgen, die Entscheidungen der Ärzte so zu steuern, dass sie der Erlösoptimierung des Krankenhauses dienen. Es bestehe die Gefahr, dass Ärzte dazu verleitet würden, ertragreiche Diagnostiken und Behandlungen vorzunehmen, obwohl deren Notwendigkeit weniger evident ist, oder auf notwendige Maßnahmen zu verzichten, wenn diese durch das System der Budgetierung nicht angemessen oder gar nicht honoriert würden.

In der Stellungnahme wird außerdem darauf hingewiesen, dass gerade in den letzten Jahren der Stellenwert der medizinischen Indikation im Vergleich zum Stellenwert der Einwilligung weiter relativiert worden sei. „Gerade die Zunahme ärztlicher Entscheidungen im Kontext der wunscherfüllenden Medizin macht deutlich, dass immer mehr Eingriffe in der Medizin alltäglich werden, für die es keine medizinische Indikation gibt und die lediglich auf Wunsch der Patienten vorgenommen werden.“ Die medizinische Indikation stelle jedoch nach wie vor eine zentrale Voraussetzung ärztlicher Maßnahmen dar, heißt es in den Schlussfolgerungen. Sie fungiere als Filter, durch den die Medizin rückgebunden werde an die etablierten Ziele ärztlichen Handelns.

Gisela Klinkhammer

@Die Stellungnahme im Internet: http://d.aerzteblatt.de/BS61
Ein ausführliches Interview
mit Prof. Maio:
www.aerzteblatt.de/n63717

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Giovanni Maio, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Freiburg

Inwieweit ist eine Kopplung der Indikation mit vorrangig ökonomisch ausgerichteten Zielsetzungen problematisch?

Maio: Die Indikation ist ein Kernstück der ärztlichen Identität. Zwar wird der Patient selbst entscheiden müssen, aber ein Arzt wird dem Patienten eben nicht etwas empfehlen, was von vornherein gar nicht gut oder gar nicht notwendig für den Patienten wäre. Die Indikation ist somit eine Art Vorfilter.

Welchen Einfluss hat die zunehmende Öko­nomi­sierung der Medizin auf die Versorgung der Patienten?

Maio: Das Gravierendste an der Öko­nomi­sierung der Medizin ist die stillschweigende innere Umpolung der Ärzte. Im Grunde findet gegenwärtig eine Kapitalisierung der ärztlichen Tätigkeit mit dem impliziten Appell zur Übernahme einer ökonomischen Vorteilslogik statt, die sich à la longue gegen das Soziale wendet. Vor diesem Hintergrund war es uns wichtig, zu verdeutlichen, dass der Arzt zwar ein Angestellter des Krankenhauses sein mag, dass er aber in seiner medizinischen Entscheidung unabhängig bleiben muss.

Warum halten Sie die Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer für wichtig?

Maio: Mit dieser Stellungnahme ist die Hoffnung verbunden, alle in der Medizin Tätigen für die Bedeutsamkeit einer sorgfältigen Indikation zu sensibilisieren, damit deutlich wird, dass die Ärzteschaft eine Profession ist, die die Ausrichtung ihrer Tätigkeit an Prinzipien orientiert, die nicht primär der Erlösoptimierung dienen, sondern dem Patienten.

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