ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2015Tierversuche: Genaue und differenzierte Darstellung wichtig
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Zu der Meinung von Frau Dr. Bee sind einige Anmerkungen von wissenschaftlicher Seite nötig, da leider der Leserschaft in dem entsprechenden Kommentar wichtige Informationen vorenthalten werden und einige Aussagen von Frau Bee einfach sachlich falsch sind:

Es wird leider von Frau Bee verallgemeinert, „Tierversuche sind aus medizinischen Gründen abzulehnen.“ Weiter meint Bee fälschlicherweise, Tierversuche seinen verantwortlich, dass es bei der Bekämpfung von Massenkrankheiten „keinen Durchbruch“ gebe. Richtig ist, dass für Mausmodelle („Knock-out“-Technologie) im Jahr 2007 der Medizinnobelpreis verliehen wurde, weil sehr wichtige Erkenntnisse für die medizinische Forschung durch transgene und „Knock-out“-gene-targeting-Technologie erzielt wurden und so wichtige Krankheitsmodelle entwickelt werden konnten. Unter anderem wurde die Funktion von Zytokinen (Botenstoffe des Immunsystems), wie Interleukin 17 (IL-17, CTLA-8) und Interferone, und deren Rezeptoren anhand von Mausmodellen untersucht und erkannt. Hierauf beruhen heute bahnbrechende Erkenntnisse und Therapien für Autoimmunkrankheiten und Infektionen. Ebenso wurde die Funktion von in die Apoptose (programmierter Zelltod) involvierter Gene in Mausmodellen erkannt – dies hat nicht nur für onkologische Therapien immense Bedeutung. (Die Bedeutung für die Entwicklung von Impfstoffen ist in dem Pro-Kommentar geschildert.)

Sicher gab es in der Vergangenheit, und unter Umständen in einigen Ländern dieser Erde auch noch heute, Tierversuche für Kosmetika oder Tierversuche, die keinen so strengen Auflagen unterliegen wie heute hier in der EU. Für deutsche forschende Mediziner gilt, dass vor Erteilung einer Tierversuchsgenehmigung durch ein Team von wirklich ausgewiesenen Experten auf dem entsprechenden Gebiet (wie Hochschulprofessoren, Ärzten des Fachgebiets und Mitgliedern von Ethikkommissionen) jedes Detail des Versuchs überprüft und diskutiert wird. Ohne eine ausgewogene Mischung aus Versuchen in einem komplexen Modell (zum Beispiel Mausmodelle, in denen sich Entwicklungsvorgänge und unterschiedliche Organsystems untersuchen lassen), Computersimulationen und später gegebenenfalls klinische Testungen sind viele Fortschritte in der Medizin undenkbar. Daher ist vor jeder einseitigen und zu stark an negativen Einzelbeispielen orientierten Meinung zu warnen.

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Diese mag oft von Personen kommen, die selber keine ausgewiesene, umfassende und geschulte Forschungserfahrung mit Modellorganismen haben oder selber vorwiegend an Kosmetikaforschung interessiert sind, für die Tiermodelle tatsächlich größtenteils verzichtbar seien sollten. So hat auch Bee vorwiegend zum Thema „Botulinumtoxin“ (angewendet zur Faltenbehandlung) wissenschaftlich gearbeitet – und da ist ihre Meinung, auf Tierversuche für Botox besser zu verzichten, auch vertretbar.

Aufgrund meines breiten Interesses an unterschiedlichen Methoden finde ich eine genaue und differenzierte Darstellung der Vor- und Nachteile von Modelorganismen, Zellkulturen, Computersimulationen, „Biochips“ und Arbeit mit Patientenproben – und gegebenenfalls deren Kombination – für die jeweilige biologische und medizinische Fragestellung wichtig. Nur so wird weiter effektiver medizinischer Fortschritt möglich sein.

Dr. med. Tina Gatzka, 89231 Neu-Ulm

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