ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/201525 Jahre deutsche Einheit: Ostdeutsche leben heute gesünder

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25 Jahre deutsche Einheit: Ostdeutsche leben heute gesünder

Bühring, Petra

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Die Unterschiede zwischen Ost und West sind ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung immer noch groß – auch beim Gesundheitsverhalten. Das befand eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Eine Erzieherin macht einen Ausflug mit Kitakindern im sogenannten Krippenwagen im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg um 1990. Foto: dpa
Eine Erzieherin macht einen Ausflug mit Kitakindern im sogenannten Krippenwagen im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg um 1990. Foto: dpa

Auch 25 Jahre nach der Wende leben Menschen in Ostdeutschland und in Westdeutschland größtenteils noch in getrennten Welten. So sind im Osten mehr Menschen arbeitslos, die Bevölkerung schrumpft mit Ausnahme von Berlin und Brandenburg, es leben dort weniger Menschen mit Migrationshintergrund, das freiwillige Bürgerengagement ist geringer, deutlich mehr Menschen wählen Die Linke und kein ostdeutscher Fußballverein spielt in der Ersten Bundesliga. Auch verdienen Ostdeutsche nur drei Viertel des Durchschnittseinkommens Westdeutscher, wenngleich sie im Jahresschnitt länger arbeiten. Zu diesen Erkenntnissen kommt die Studie „So geht Einheit“, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am 22. Juli vorgestellt hat. „Die Ergebnisse haben uns selbst erstaunt“, sagte Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts.

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Mehr Geburten im Osten

Doch nicht alles ist schlechter im Osten: Bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen und bei der Kinderbetreuung liegt der Westen weit unter Ostniveau. Im Osten werden deutlich mehr Kinder unter drei Jahren fremd betreut. „Frauen im Westen kämpfen immer noch mit dem Vorurteil, eine Rabenmutter zu sein, wenn sie trotz kleiner Kinder arbeiten wollen“, erläuterte Klingholz. Doch die Zustimmung wachse. Mütter im Osten steigen früher wieder in ihren Beruf ein und arbeiten dann deutlich häufiger in Vollzeit als Westmütter. Die Geburtenrate im Osten lag in der DDR zuletzt aufgrund familienfördernder Maßnahmen deutlich über Westniveau, sank dann nach der Wende extrem ab (sogenanntes Geburtenloch) und liegt heute leicht über dem Westschnitt von 1,4 Kindern pro Frau.

Der Gesundheitszustand der Ostdeutschen hat sich seit der Wende deutlich verbessert. Neugeborene im Osten können heute mit etwa sechs Lebensjahren mehr rechnen als kurz vor 1989 Geborene. Vor allem in den 1970er Jahren lebten die Menschen in der DDR in vielem ungesünder: Sie tranken mehr Alkohol als die Westdeutschen und die Männer rauchten mehr. Bluthochdruck und Adipositas waren deutlich stärker verbreitet als im Westen.

„Das hat auch mit den unterschiedlichen Gesundheitssystemen zu tun: Die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von der hauptsächlich Ältere profitieren, war in der DDR zweitrangig“, erläuterte Klingholz. Die Arbeitskraft der erwerbstätigen Bevölkerung zu erhalten, habe im Fokus gestanden. Die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag für beide Geschlechter laut der Studie zu Beginn der 1990er Jahre um eineinhalb mal höher als im Westen, wo die moderne Medizin wesentlich dazu beitrug, diese zu senken.

Heute tritt Adipositas, die zu den Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählt, im Osten nach wie vor häufiger auf als im Westen. Die Werte nähern sich jedoch an, weil der Anteil der Erkrankten im Westen seit der Wende stärker zugenommen hat (Grafik 1). Wenngleich sich die Lebenserwartung weitgehend angeglichen hat, wiesen die fünf ostdeutschen Bundesländer 2012 die höchste Herzinfarktsterblichkeit auf, angeführt von Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Sozioökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit und geringere Bildung sind mitverantwortlich für Herzerkrankungen. Beide Risikofaktoren sind im Osten ausgeprägter – Letzterer vor allem wegen der Abwanderung gebildeter junger Menschen in den arbeitsplatzreicheren Westen.

Bevölkerungsanteil mit Adipositas nach Bundesländern, in Prozent
Grafik 1
Bevölkerungsanteil mit Adipositas nach Bundesländern, in Prozent

Im Jahr der Wiedervereinigung waren in der ehemaligen DDR deutlich mehr alkoholbedingte Todesfälle zu verzeichnen als in Westdeutschland (Grafik 2). In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise starben 1990 dreimal so viele Menschen an den Folgen des Alkoholmissbrauchs wie im Bundesdurchschnitt. Das lag vor allem daran, dass Schnaps nach Bier das zweitbeliebteste Rauschmittel in der DDR war. Von 1950 bis 1989 stieg der Konsum hochprozentiger Spirituosen von 1,3 Liter pro Einwohner auf über 15 Liter an. „Es gab – im Gegensatz zu allem anderen – eine große Auswahl an Schnaps in den Regalen und viele brauten auch selbst“, berichtete Klingholz. Im Westen dagegen war Wein deutlich beliebter als Hochprozentiges.

Alkoholbedingte Sterbefälle je 100 000 Einwohner 1990 und 2013
Grafik 2
Alkoholbedingte Sterbefälle je 100 000 Einwohner 1990 und 2013

Weniger Brustkrebs im Osten

Nach wie vor sterben in den ostdeutschen Bundesländern deutlich mehr Menschen an den Folgen von missbräuchlichem Alkoholkonsum, die Älteren aber auch an den Folgewirkungen früheren Trinkens. Zudem ist die Zahl der alkoholbedingten Verkehrsunfälle im Osten höher. „Ostdeutsche setzen sich häufiger alkoholisiert hinter das Steuer“, sagte der Leiter des Berlin-Instituts.

Deutlich mehr Todesfälle durch illegale Drogen gab und gibt es dagegen in Westdeutschland und vor allem in den beiden größten Stadtstaaten. In Berlin und Hamburg sterben dreimal so viele Menschen an den Folgen harter Drogen wie im Bundesdurchschnitt. In der DDR spielten illegale Drogen aufgrund der strengeren Grenzkontrollen keine Rolle. Heute gelangen zunehmend synthetisch hergestellte Drogen wie Crystal Meth aus Tschechien vor allem nach Sachsen, Thüringen und nach Bayern.

Hinsichtlich der allgemeinen Krebssterblichkeit unterschieden sich zur Wendezeit Ost und West wenig. Unterschiede gibt es aber bei einzelnen Krebsarten: So weisen Frauen im Osten bei Brustkrebs bis heute deutlich niedrigere Sterbe- und Neuerkrankungsraten auf. Die Autoren der Studie führen dies auf das jüngere Alter bei der Geburt des ersten Kindes zurück, das im Osten bei durchschnittlich 22 Jahren lag. Frühe und mehrfache Geburten mindern das Brustkrebsrisiko. Auch erkranken Ostfrauen seltener an Lungenkrebs. Der Abstand hat sich von 1990 bis 2012 im Vergleich zum Westen sogar vergrößert. Als Grund wird angenommen, dass Westfrauen früher zu rauchen begonnen haben.

Petra Bühring

@ www.berlin-institut.org/publikationen/studien/so-geht-einheit.html

Bevölkerungsanteil mit Adipositas nach Bundesländern, in Prozent
Grafik 1
Bevölkerungsanteil mit Adipositas nach Bundesländern, in Prozent
Alkoholbedingte Sterbefälle je 100 000 Einwohner 1990 und 2013
Grafik 2
Alkoholbedingte Sterbefälle je 100 000 Einwohner 1990 und 2013

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