THEMEN DER ZEIT

Gesundheitsinformationen: Google als Anbieter eigener Inhalte

Dtsch Arztebl 2015; 112(33-34): A-1370 / B-1152 / C-1124

Koch, Klaus; Thranberend, Timo

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Über seine Rolle als Suchwerkzeug hinaus will der Internetkonzern künftig selbst Gesundheitsthemen aufbereiten und online bereitstellen.

Das Internet ist längst zu einem üblichen Informationskanal für Gesundheitsfragen geworden. Oft ist ein Arztbesuch der Anlass, sich Informationen zu beschaffen, nicht selten soll „Dr. Google“ aber auch den Kontakt zu einem Arzt erübrigen. Die Konsultation des Webs ist rund um die Uhr möglich, und auch unangenehme Themen lassen sich anonym recherchieren.

Gute und schlechte Qualität nur einen Klick auseinander

Die Schwäche ist oft die Qualität der Information. Suchmaschinen wie Google und Co. sind nicht in der Lage, die inhaltliche Qualität einer Gesundheitsinformation zu erkennen: Gutes und Schlechtes, Evidenzbasiertes und auf Behauptungen Beruhendes liegt häufig nur einen Klick auseinander. Wie die Logik von Google mit dem Qualitätsanspruch an Gesundheitsinformationen einhergeht, war darum Thema einer Diskussionsrunde bei der Digitalkonferenz re:publica im Mai 2015 in Berlin. Hintergrund: Google ist insbesondere in Deutschland für die allermeisten Nutzer des Internets der Einstieg in die Online-Gesundheitsrecherche. Der Suchmaschinenbetreiber lenkt schon heute, was die Nutzer zu Erkrankungen und Behandlungen erfahren – und baut jetzt auch ein eigenes Informationsangebot auf.

Wie eine aktuelle – noch unveröffentlichte – Analyse des Gesundheitsmonitors von Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK zeigt, suchen 53 Prozent der „Onliner“ in Deutschland mindestens einmal pro Jahr im Web nach Gesundheitsinformationen – etwa um sich bei einem akuten Gesundheitsproblem selbst zu helfen oder die Empfehlungen des Arztes zu überprüfen. Demnach ist für 81 Prozent der Nutzer immer oder meist eine Suchmaschine Startpunkt der Recherche. Und für 38 Prozent sind die ersten Suchtreffer ausreichend. Das Suchmaschinen-Ranking determiniert also zu einem großen Teil, welche Seiten und Informationen in die Wahrnehmung der Nutzer gelangen. Wer bei Google nicht unter den ersten zehn Treffern zu finden ist, wird kaum wahrgenommen.

Seit Jahren zeigen Untersuchungen, dass die Reihenfolge einer Trefferliste jedoch keine Gewähr für inhaltliche Qualität bietet. Jens Redmer, Vertreter von Google Deutschland bei der Podiumsdiskussion, sieht das Problem, er bleibt aber allgemein. Google geht zwei Wege. Erstens: Hinter den Kulissen wird der Algorithmus zur Sortierung der Trefferlisten stetig weiterentwickelt – wie, gehört zu den gut gehüteten Geschäftsgeheimnissen. Redmer sagt, dass Trefferlisten im Bereich Gesundheit mit den gleichen Mechanismen sortiert werden wie in anderen Themen. Allerdings gebe es „über tausend Ingenieure“, die sich jeden Tag Gedanken machten, „wie man den Such-Algorithmus verbessern kann“. Dazu gehören auch spezielle Fragen, die die Besonderheiten des Themas Gesundheit berücksichtigen.

Googles zweiter Weg ist es seit Anfang dieses Jahres, eigene Informationen zu Gesundheitsthemen aufzubereiten. In den USA ist das Angebot bereits gestartet. Wer auf google.com (Spracheinstellung: Englisch) nach häufigen Erkrankungen sucht, erhält zusätzlich zur Trefferliste einen Informationskasten zum Stichwort; aktuell sind rund 400 Krankheitsbilder abgedeckt.

Knowledge Graph soll validierte Inhalte liefern

Redmer berichtet, dass Google zunehmend nicht nur Links anbieten will, sondern selbst Antworten auf die Fragen der Nutzer geben will – dort, wo es aus Sicht des Suchmaschinenbetreibers naheliegt: „Man kann schon heute einfach eine Matheaufgabe in die Sucheingabe eingeben oder nach dem Alter von berühmten Persönlichkeiten fragen, und Google liefert die Antwort sofort auf der Ergebnisseite.“

Google sei nicht für Webseitenbetreiber oder Verlagshäuser gebaut, sondern für die Nutzer. „Wenn wir es schaffen, die Ergebnisse einer Suchanfrage direkt auf der Ergebnisseite zu präsentieren, vielleicht sogar bevor der Nutzer die Eingabetaste gedrückt hat, weil wir schon antizipieren können, wonach er vielleicht sucht, dann haben wir einen richtig guten Job gemacht“, sagt Redmer.

Diese Entwicklung macht jetzt auch vor Gesundheitsinformationen nicht halt. Fünf Prozent der Suchanfragen über Google haben Redmer zufolge einen Gesundheitsbezug.

Die Informationskästen neben den Trefferlisten nennt Google „Knowledge Panels“, das Gesamtprojekt „Knowledge Graph“. „Dort werden validierte und verifizierte Inhalte zur Verfügung gestellt, wenn man etwa nach Mandelentzündung sucht“, so Redmer. Diese Informationen seien jedoch kein Ersatz für Beratung durch einen Arzt.

Ob die Lösung, die Google anbietet, den Bedürfnissen der Nutzer entspricht, muss sich zeigen. Bislang bleiben die in den USA angebotenen Artikel nur an der Oberfläche, enthalten eher triviale Angaben, Wirkstoffe und Behandlungsverfahren werden aufgezählt, jedoch ohne vertiefende Information. Ergänzt werden sie durch Illustrationen.

Das passt nicht zu dem, was über Informationsbedürfnisse von Internetnutzern bekannt ist. Meist ist es eine konkrete Frage, die zum Beispiel die Wahl von Behandlungsalternativen betrifft. Dazu braucht es eine andere Qualität der Information. Die Informationen müssen in die Tiefe gehen, gleichzeitig aber verständlich bleiben und für den Nutzer in Aufbereitung und Menge erfassbar sein. Und: Sie müssen dem aktuellen Stand des Wissens entsprechen (Kasten).

Dass Qualität essenziell ist, ist Google jedoch klar. Zur inhaltlichen Absicherung der „Knowledge Graph“-Informationen setzt Google bislang auf ein – eher konventionelles – Experten-Review; in den USA unter anderem durch Ärzte der Mayo Clinik. Jeder Artikel sei von mindestens elf Experten begutachtet, berichtet Redmer. Zudem werden Informationen anderer, als verlässlich beurteilten Anbieter genutzt, darunter „Medscape“, „WebMD“ oder die „National Institutes of Health (NIH)“. Auffällig jedoch, dass dabei übliche redaktionelle Standards im Internet nicht beachtet werden – und keine direkten Links auf die Quellen gesetzt sind.

Redmer räumt ein, dass der Knowledge Graph derzeit noch recht oberflächliche Informationen biete. Eine denkbare Ausbaustufe wäre, dass der Graph auf validierte Informationsquellen im Internet verweist, die als weitere Informationsquelle genannt werden.

Steuern, wohin die Nutzer gelenkt werden

Redmer deutet an, dass der Knowlegde Graph ausgebaut werden soll, aber Google keine eigene Redaktion aufbauen wird. Wann das genau passiert, lässt er offen.

Klar sein dürfte, dass Google mit dem Angebot auch auf einen Werbemarkt zielt. Der ist aber zum Beispiel in Deutschland durch das Heilmittelwerbegesetz ganz anders reglementiert als zum Beispiel in den USA. Dort ist auch Publikumswerbung für verschreibungspflichtige Medikament erlaubt.

Man darf gespannt sein, wie sich die Aktivitäten von Google auswirken. Aufgrund der Marktdominanz, gegen die sich auch auf EU-Ebene längst Widerstand regt, könnten die Auswirkungen deutlich spürbar sein. Aus Sicht von Patienten wäre jede Änderung zu begrüßen, die inhaltliche Qualität angemessen bewertet. Denn die Suche nach Informationen im Web wird künftig sicher noch selbstverständlicher. Durch ein eigenes Angebot wird Google eher noch stärker steuern, wohin die Nutzer gelenkt werden. Wer schon heute Gesundheitsinformationen im Internet anbietet, muss sich darauf einstellen, dass Google einen Teil der potenziellen Nutzer „abzweigt“.

Und auch auf Ärzte und andere Gesundheitsberufe kommt eine neue Rolle zu: Patienten holen sich Informationen im Internet, das ist nicht zu ändern. Wenn Ärzte (sich und) ihre Patienten nicht dem Dschungel des Internets überlassen wollen, müssen sie mehr und mehr eine vorsortierende, einordnende Aufgabe übernehmen. Sie müssen zum Kurator von Informationen werden.

Dr. Klaus Koch

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

Timo Thranberend

Bertelsmann Stiftung

Knackpunkt Qualität

Die Anforderungen an inhaltliche Qualität sind in der „Guten Praxis Gesundheitsinformation“ beschrieben (www.ebm-netzwerk.de/pdf/publikationen/gpgi.pdf/view). Die jetzt vor dem Abschluss stehende zweite Version der „Guten Praxis“ konkretisiert Anforderungen an die Qualität von Gesundheitsinformationen. Sie beschreibt Aspekte, die Ersteller bei der Recherche und Schreiben einer Information beachten sollen. Sie fordert insbesondere, dass Ersteller transparent darstellen, wie ihre Informationen entstehen. Wie recherchieren sie den aktuellen Stand des Wissens? Was tun sie, damit die Informationen verständlich bleiben? Wie werden zum Beispiel die wesentlichen Vor- und Nachteile einer Behandlung so beschrieben, dass Patientinnen und Patienten sich ein realistisches Bild machen können?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Anforderungen umzusetzen, die Gute Praxis macht deshalb keine Vorschriften. Sie fordert aber, dass Ersteller ihre grundsätzlichen Methoden und Prozesse aufschreiben und veröffentlichen. Die Gute Praxis ist eine Hilfestellung, welche Aspekte dabei angesprochen werden sollen.

Bislang ist nicht erkennbar, ob und wie Qualitätsanforderungen dieser Art für Google in Zukunft eine Rolle spielen. Inhaltliche Qualität ist maschinell kaum zu beurteilen, Insider spekulieren darüber, dass Google künftig auch (stärker) die generelle Verlässlichkeit eines Anbieters in das Ranking einfließen lassen könnte.

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re:publica, Podcast: https://voicerepublic.com/
talks/die-logik-von-google-und-der-anspruch-an-gute-gesundheitsinformationen
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Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=_gPUgigmgtE
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GPGI: www.ebm-netzwerk.de/was-wir-tun/fachbereiche/patienteninformation/gpgi
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    Bemerkenswert
    am Mittwoch, 2. September 2015, 11:47

    Diabetes mit Aspirin selber behandeln - Google Qualitätssicherung

    Das ist sehr schlechte Qualität was Google selber produziert.
    Hier ist es exakt beschrieben:
    http://www.frag-den-professor.de/ist-dr-google-krank-ein-offener-brief-an-eric-schmidt/

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