ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2015Antibiotika: An einem Strang ziehen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Als ich vor fast 18 Jahren als junger Arzt eine kleine ländliche Hausarztpraxis übernahm, machte die Konfrontation mit der irrationalen Erwartungshaltung vieler Patienten einen großen Teil meiner Arbeit aus.

Die Patienten wollten Massagerezepte, bekamen diese von mir nicht und wechselten den Arzt.

Die Patienten wollten Benzos, bekamen diese nicht und wechselten den Arzt.

Anzeige

Die Patienten wollten damals Ginko auf Kassenrezept, bekamen dieses nicht und wechselten.

Und ganz häufig wollten viele Patienten für ihre banalen Virusinfekte ständig Antibiotika, bekamen diese nicht – und – was wohl? Genau, sie wechselten den Arzt.

Damals war das für mich eine existenzielle Krise, die ich nur durch die Unterstützung meiner treuen Mitarbeiterinnen und meiner Familie überstand.

Liebe Kollegen, Ihr braucht die Patienten jetzt nicht mehr durch überflüssige Antibiotika an Euch zu binden. Erstens entsteht auch bei den Patienten endlich ein Bewusstsein für das Risiko der Resistenzentwickelung. Und zweitens ist zu Zeiten des Ärztemangels (ich bin nach diesen langen Jahren immer noch einer der jüngsten Hausärzte hier) und des ständig anschwellenden Patientenzustroms diese Art von Konkurrenz überflüssig geworden.

Jede ärztliche Verhaltensänderung erfordert Kraft und Überzeugungsarbeit. Aber diese Arbeit lohnt sich. Sie nimmt etwas von dem täglichen Rechtfertigungsdruck weg und zeigt den Arzthoppern, dass Ärzte an einem Strang ziehen – zum Wohle der Patienten und gegen die Resistenzentwicklung von Bakterien.

Achim Peter, Facharzt für Allgemeinmedizin,
33014 Bad Driburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #539999
klausenwächter
am Mittwoch, 19. August 2015, 20:51

Verordnungsdruck auf dem Lande

Der Praktiker stellt einfordernde Verordnungswünsche fest. Bei Nichterfüllung wechselt der Patient den Anbieter. Die Landarztpraxis ist stärker vom Auskommen mit den Anliegern als die Stadtarztpraxis abhängig. Einkommen resultiert aus Bedienung.
Junge Ärzte werden von Arbeitsbedingungen abgeschreckt, bei welchen Patientenverlust wohl das kleinere Übel ist. Nicht verfolgbare Sachbeschädigung schüchtert schon mehr ein. Die Bedrängung der Familie durch Freunde der nicht zufriedengestellten Kranken erzeugt familiäre Belastungen.
Appelle an Zusammenarbeit und Pflichtbewußtsein helfen da nicht. Die erfahreneren Kollegen haben sich dem sozialen Druck gebeugt. Sie haben nicht wie in der Stadt ergänzende Einkommensmöglichkeiten.
Die klare Ansage "wollten und wechselten ... bekamen nicht und wechselten" ist eine ehrliche Aussage über den Quell unnützer Verordnungen. Es ist nicht der graduierte Arzt mit Facharztqualifikation, der hier einer Schulung bedarf. Versorgungsstudien beugen sich der sozialen Konvention und bekennen affirmativ ein rationales Menschenbild. Der Studienpatient benötigt nur die richtige Ansprache und schon handelt er im Sinne der Gemeinschaft.

Forscher sollten mit teilnehmenden Beobachtungen serielle Fahrzeugeinbrüche, Vandalismus am eigenen Besitz erfahren, um qualitative Studienergebnisse zu liefer. Likert-skalierte Beliebigkeitsskalen lassen sich im Rechner transformieren, dehnen und bei mangelnder Fallzahl auch aufpeppen. Stand ein Forscher dagegen nächstens dem Verordnungsdruck kräftiger Männer gegenüber, dann vermag er dies auch in seinem Forschungsbericht abzubilden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote