ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Neurologie 1/2015Früherkennung der Demenz in der Hausarztpraxis: Subjektive Gedächtnislücken sind kein geeigneter Indikator

SUPPLEMENT: Perspektiven der Neurologie

Früherkennung der Demenz in der Hausarztpraxis: Subjektive Gedächtnislücken sind kein geeigneter Indikator

Dtsch Arztebl 2015; 112(33-34): [15]; DOI: 10.3238/PersNeuro.2015.08.17.04

Eichler, Tilly; Thyrian, René; Teipel, Stefan; Hoffmann, Wolfgang

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Untersuchungen der DelpHi-Studie zeigen keine Übereinstimmung von selbst berichteten Gedächtnisproblemen mit den Ergebnissen eines Screeningtests.

Demenzielle Erkrankungen werden in der primärärztlichen Versorgung häufig nicht oder zu spät diagnostiziert. Auswertungen der Daten aus der Studie „Demenz: lebensweltorientierte und personenzentrierte Hilfen in Mecklenburg-Vorpommern“ (DelpHi-MV) haben gezeigt, dass bei etwa 60 Prozent der positiv auf Demenz getesteten Hausarztpatienten keine formelle Diagnose (ICD-10) in der Patientenakte dokumentiert war (1). Eine leitliniengerechte Behandlung ist dadurch erschwert. Doch wie kann die Identifikation von Patienten mit Demenz in der Hausarztpraxis verbessert werden?

Eine Möglichkeit bestünde darin, ältere Patienten nach Gedächtnisproblemen zu fragen. Denn es wird angenommen, dass subjektive Gedächtnislücken die ersten manifesten Symptome einer Alzheimer-Demenz darstellen. Sie gelten zudem als bedeutsame Risikofaktoren für das Auftreten einer Alzheimererkrankung bei Menschen ohne objektive kognitive Beeinträchtigungen (2). Diejenigen Patienten, die von Gedächtnisproblemen berichten, könnten zur Abklärung des kognitiven Status einer standardisierten Testung unterzogen werden. Bei bestehendem Verdacht auf Demenz sollte anschließend eine ätiologische Differenzialdiagnostik erfolgen.

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Im Rahmen der Rekrutierung von Teilnehmern für die DelpHi-Studie, einer laufenden bevölkerungsbasierten, cluster-randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie im hausärztlichen Bereich (3), wurden 5 106 zu Hause lebende Patienten ab 70 Jahren in 110 Hausarztpraxen nach subjektiven Gedächtnisbeschwerden befragt. Unabhängig von der gegebenen Antwort wurden die Patienten anschließend mit dem DemTect (4) systematisch auf Demenz getestet.

Insgesamt bejahte die Hälfte der Patienten (n = 2 556 Patienten) die Frage nach subjektiven Gedächtnisbeschwerden. Bei 17 Prozent (n = 892) deutete das Ergebnis des DemTect (Wert < 9) auf eine Demenz hin (Tabelle). Lediglich 54,3 Prozent der anschließend positiv auf Demenz getesteten Patienten hatten zuvor die Frage nach subjektiven Gedächtnisbeschwerden bejaht. Wäre also das Vorliegen von subjektiven Gedächtnisproblemen die Vorbedingung für die Durchführung einer kognitiven Testung gewesen, hätte der Hausarzt nahezu die Hälfte der Patienten mit Verdacht auf Demenz „übersehen“.

Übereinstimmung zwischen subjektiven Gedächtnisproblemen und dem Ergebnis des Demenzscreenings bei Hausarztpatienten über 70 Jahren
Tabelle
Übereinstimmung zwischen subjektiven Gedächtnisproblemen und dem Ergebnis des Demenzscreenings bei Hausarztpatienten über 70 Jahren

Andererseits gaben nur 50,8 Prozent der negativ gescreenten Patienten an, keine Gedächtnisprobleme zu haben. Die Ergebnisse zeigen damit, dass subjektive Gedächtnisbeschwerden sowohl eine niedrige Sensitivität (54,3 Prozent) als auch eine niedrige Spezifität (50,8 Prozent) für die korrekte Klassifikation von Screeningergebnissen besitzen. Dafür sind verschiedene Gründe denkbar. Zum einen sind subjektive Gedächtnisbeschwerden mit Depression assoziiert (5). Andererseits klagen kognitiv gesunde ältere Menschen häufig über Gedächtnisprobleme (6), wogegen sich Menschen mit Demenz ihrer Gedächtnisprobleme oft nicht bewusst sind (7).

Zusammenfassend zeigen die Daten der DelpHi-Studie (8), dass – anders als bei der Erkennung von Risikopersonen – die Frage nach subjektiven Gedächtnisproblemen ungeeignet erscheint, um Patienten mit Demenz in der Hausarztpraxis zuverlässig zu identifizieren. Vielmehr ist die Anwendung validierter Screeningtests wie dem DemTect erforderlich – das Risiko, Patienten mit Demenz zu übersehen, wäre ansonsten zu hoch.

DOI: 10.3238/PersNeuro.2015.08.17.04

Dr. rer. med. Tilly Eichler, Priv.-Doz. Dr. René Thyrian

Prof. Dr. Stefan Teipel, Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann

Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
in der Helmholtz-Gemeinschaft, Greifswald

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3315

1.
Eichler T, Thyrian JR, Hoffmann W: Frühe, spezifische Diagnostik durch Hausärzte ist möglich und sinnvoll. Deutsches Ärzteblatt 2015; 112(8): A332 VOLLTEXT
2.
Jessen F, Wiese B, Bachmann C, Eifflaender-Gorfer S, Haller F, Kolsch H, et al.: Prediction of dementia by subjective memory impairment: effects of severity and temporal association with cognitive impairment. Arch Gen Psychiatry 2010; 67: 414–22 CrossRef MEDLINE
3.
Thyrian JR, Fiss T, Dreier A, Bowing G, Angelow A, Lueke S, et al.: Life- and person-centred help in Mecklenburg-Western Pomerania, Germany (DelpHi): study protocol for a randomized controlled trial. Trials 2012; 13: 56 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Kalbe E, Kessler J, Calabrese P, Smith R, Passmore AP, Brand M, et al.: DemTect: a new, sensitive cognitive screening test to support the diagnosis of mild cognitive impairment and early dementia. Int J Geriatr Psychiatry 2004; 19: 136–43 CrossRef MEDLINE
5.
Riedel-Heller SG, Schork A, Matschinger H, Angermeyer MC: Subjektive Gedächtnisstörungen – ein Zeichen für kognitive Beeinträchtigung im Alter? Ein Überblick zum Stand der Forschung. Z Gerontol Geriatr 2000; 33: 9–16 CrossRef
6.
Tobiansky R, Blizard R, Livingston G, Mann A: The Gospel Oak Study stage IV: the clinical relevance of subjective memory impairment in older people. Psychol Med 1995; 25: 779–86 CrossRef
7.
Lin F, WhartonW, Dowling NM, Ries ML, Johnson SC, Carlsson CM, et al.: Awareness of memory abilities in community-dwelling older adults with suspected dementia and mild cognitive impairment. Dement Geriatr Cogn Disord 2010; 30: 83–92 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
Eichler T, Thyrian J, Hertel J, et al.: Subjective memory impairment: no suitable criteria for case-finding of dementia in primary care. Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment and Disease Management 2015; 1: 179–86 CrossRef
Übereinstimmung zwischen subjektiven Gedächtnisproblemen und dem Ergebnis des Demenzscreenings bei Hausarztpatienten über 70 Jahren
Tabelle
Übereinstimmung zwischen subjektiven Gedächtnisproblemen und dem Ergebnis des Demenzscreenings bei Hausarztpatienten über 70 Jahren
1.Eichler T, Thyrian JR, Hoffmann W: Frühe, spezifische Diagnostik durch Hausärzte ist möglich und sinnvoll. Deutsches Ärzteblatt 2015; 112(8): A332 VOLLTEXT
2.Jessen F, Wiese B, Bachmann C, Eifflaender-Gorfer S, Haller F, Kolsch H, et al.: Prediction of dementia by subjective memory impairment: effects of severity and temporal association with cognitive impairment. Arch Gen Psychiatry 2010; 67: 414–22 CrossRef MEDLINE
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4.Kalbe E, Kessler J, Calabrese P, Smith R, Passmore AP, Brand M, et al.: DemTect: a new, sensitive cognitive screening test to support the diagnosis of mild cognitive impairment and early dementia. Int J Geriatr Psychiatry 2004; 19: 136–43 CrossRef MEDLINE
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7.Lin F, WhartonW, Dowling NM, Ries ML, Johnson SC, Carlsson CM, et al.: Awareness of memory abilities in community-dwelling older adults with suspected dementia and mild cognitive impairment. Dement Geriatr Cogn Disord 2010; 30: 83–92 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.Eichler T, Thyrian J, Hertel J, et al.: Subjective memory impairment: no suitable criteria for case-finding of dementia in primary care. Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment and Disease Management 2015; 1: 179–86 CrossRef

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