ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Neurologie 1/2015Körperliche Aktivität und Sport: Unverzichtbar in der neurologischen Praxis

SUPPLEMENT: Perspektiven der Neurologie

Körperliche Aktivität und Sport: Unverzichtbar in der neurologischen Praxis

Dtsch Arztebl 2015; 112(33-34): [16]; DOI: 10.3238/PersNeuro.2015.08.17.05

Reimers, Carl D.

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Die Bedeutung körperlicher Aktivität für die Prophylaxe und Therapie neurologischer Erkrankungen wird vielfach noch unterschätzt. Doch sie unterstützt die Patienten, ihre Selbstständigkeit weitgehend zu erhalten.

Foto: Fotolia kasto
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Viele neurologische Erkrankungen sind inzwischen „Volkskrankheiten“ und daher von immenser sozialmedizinischer Bedeutung: So ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache in industrialisierten Ländern – glücklicherweise mit rückläufiger Tendenz. Aufgrund der stetig steigenden Lebenserwartung ist mit immer mehr demenzkranken Menschen zu rechnen. Analoges gilt für die Parkinson-Syndrome. Für keine dieser Erkrankungen steht derzeit eine evidenzbasierte medikamentöse Prophylaxe zur Verfügung.

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Regelmäßige körperliche Aktivität senkt nach den Ergebnissen zahlreicher epidemiologischer Studien mit multivariaten Analysen das Risiko des Auftretens dieser Erkrankungen. Das heißt: Auch unter Berücksichtigung wichtiger Risikofaktoren (zum Beispiel Hypertonie für den Schlaganfall) kann das Risiko der genannten Syndrome gesenkt werden:

  • So ist das Risiko eines Hirninfarkts bei den körperlich aktivsten Personen verglichen mit den inaktivsten um 23 Prozent bis 31 Prozent vermindert,
  • das einer Hirnblutung um 15 Prozent bis 42 Prozent und
  • das eines nicht spezifizierten Schlaganfalls um 23 Prozent bis 28 Prozent.
  • Das Risiko eines Morbus Parkinson lässt sich um circa 30 Prozent senken,
  • das eines kognitiven Abbaus bei älteren Personen um etwa 18 Prozent,
  • einer Demenz vom Alzheimer-Typ um 26 Prozent und das eines leichten kognitiven Defizits gar um 47 Prozent.

Besonders Personen mit Hypertonie, Diabetes mellitus und Adipositas sind gefährdet, einen Schlaganfall oder eine Demenz zu entwickeln. Nachgewiesen ist, dass gerade diese Personen von körperlicher Aktivität und Sport profitieren können: Der Blutdruck wird im Mittel leicht gesenkt, das Körpergewicht mindestens gehalten und der Glukosestoffwechsel optimiert.

Darüber hinaus stellt regelmäßige körperliche Aktivität, möglichst unter Einschluss gezielten Gleichgewichtstrainings, eine Sturzprophylaxe dar. Körperlich aktive ältere Personen stürzen etwa 25 Prozent seltener als inaktive. Insbesondere Krafttraining kann stärkeren Muskelabbau im Alter (Sarkopenie) hinauszögern oder verhindern.

Aktuelle Hinweise lassen nicht nur einen günstigen therapeutischen, sondern auch präventiven Einfluss auf das Restless-legs-Syndrom vermuten.

Selbstverständlich profitieren neurologisch erkrankte Personen genauso wie Gesunde von den sonstigen präventiven Effekten körperlicher Aktivität – zum Beispiel auf Adipositas, metabolisches Syndrom, Lipid- und Glukosestoffwechselstörungen, nichtalkoholische Fettleber, Hypertonie, koronare Herzkrankheit, Kolon- und Mammakarzinom, Osteoporose.

Die Gesamtmortalität körperlich aktiver Personen ist gegenüber inaktiven um circa ein Drittel bis ein Viertel vermindert, die Lebenserwartung entsprechend um mehrere Jahre verlängert.

Neurologische Erkrankungen lassen sich vielfach durch körperliche Aktivität günstig beeinflussen. Beispiele sind motorische Defizite nach zerebrovaskulären Erkrankungen, Parkinson-Syndrome, die Migräne, die Multiple Sklerose, Muskelentzündungen, kognitive Störungen und das Fibromyalgie-Syndrom. Die therapeutische Wirkung ist jedoch im Allgemeinen geringer als die primär präventive.

Speziell bei Schmerzsyndromen sollte körperliche Aktivität wegen ihres hypoalgetischen Effektes stets Bestandteil des multimodalen Therapiekonzeptes sein.

Neurologische Krankheiten können Hindernisse für bestimmte körperliche Aktivität darstellen. Die Folge können immobilitätsassoziierte Erkrankungen wie Osteoporose sein. Da es jedoch für nahezu jede – auch noch so schwere – Erkrankung gegebenenfalls eine Möglichkeit der Aktivitätssteigerung gibt, sollte diese individuell gemeinsam mit dem Betroffenen gesucht werden (Möglichkeiten siehe Literatur).

Nicht-neurologische Begleiterkrankungen (zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Dyslipidämien, koronare Herzkrankheit, periphere arterielle Verschlusskrankheit, Asthma bronchiale, Kreuzschmerzen, Depression, Dysmenorrhoen, Arthrosen) profitieren ebenfalls von körperlicher Aktivität.

Somit sollten Hemmnisse – zum Beispiel durch überzogene Ängste vor möglichen Gesundheitsschäden – gemeinsam mit dem Patienten abgebaut werden. So müssen überzogene Restriktionen bezüglich Sportausübung bei Epilepsie-Patienten (Mannschaftssportarten, Radfahren) ebenso abgebaut werden wie die Ängste von Fibromyalgie-Patienten vor belastungsabhängigen Schmerzen. Selbst Krafttraining wurde in Studien bei langsamer Aufdosierung von drei Viertel der Erkrankten mit einer Fibromyalgie toleriert und mit leichter Schmerzlinderung beantwortet.

Wichtig ist zudem, dass Bewegungstherapie – im Gegensatz zur medikamentösen Therapie – die Selbstwirksamkeit der Patienten stärkt.

Wie viel Bewegung ist notwendig?

Ideal wären etwa dreimal wöchentlich 30 bis 45 Minuten Ausdauersport und zweimal wöchentlich Krafttraining.

Da die gesundheitlichen Effekte körperlicher Aktivität jedoch nicht linear, sondern asymptotisch mit dem Umfang der Aktivität korrelieren, kann bereits die Hälfte des optimalen Aktivitätsniveaus schon deutlich über die Hälfte der Wirkung zeitigen.

Übrigens: Ausreichende Alltagsaktivität kann durchaus gleiche Wirkungen erzielen. Wichtig ist das Vermeiden allzuviel Sitzens, welches sich auch durch kompensatorische Bewegung nicht vollständig ausgleichen lässt.

Tipps zum Umgang mit Patienten

  • Die Frage nach körperlicher und speziell sportlicher Aktivität sollte zur Anamneseerhebung genauso dazugehören wie die Frage nach Rauchen, Alkohol- und gegebenenfalls Drogenkonsum. Körperliche Inaktivität steht diesen Gesundheitsrisiken wenig nach: Körperliche Inaktivität ist inzwischen weltweit die vierthäufigste Todesursache. Sie wird für sechs bis zehn Prozent aller Todesfälle verantwortlich gemacht.
  • Hilfreich für ein strukturiertes Vorgehen im Umgang mit körperlich nicht ausreichend aktiven Patienten können die fünf „A“s sein (Kasten 1). Weitere Empfehlungen finden sich in Kasten 2.

DOI: 10.3238/PersNeuro.2015.08.17.05

Prof. Dr. med. Carl D. Reimers

Neurologie Neuer Wall, Neuer Wall 19, 20354 Hamburg

Interessenkonflikt: Der Autor erhielt Vortragshonorare für Vorträge zum Thema Sport (nicht von Firmen), Honorare für Autoren oder Co-Autorenschaften zum Thema Sport vom Elsevier-Verlag sowie Honorare für verschiedene Vorträge.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3315

Kasten 1: Die fünf „A“s für eine strukturierte Beratung

  • Assess: Bewertung des bisherigen Aktivitätsniveaus und relevanter Faktoren, die die Art und Weise einer Verhaltensänderung mitbestimmen (zum Beispiel medizinische Risiken, Lebensstil und Motivation).
  • Advice: Individualisierte Empfehlung für körperlich-sportliche Aktivitäten einschließlich Informationen über persönliche Gesundheitsnutzen und -risiken.
  • Agree: Gemeinschaftliche Formulierung von Zielen und Plänen zur Verhaltensänderung unter Berücksichtigung der persönlichen Interessen und Änderungsbereitschaft.
  • Assist: Unterstützung des Patienten bei der Erreichung der vereinbarten Ziele. Für Patienten mit eher abwehrender Haltung bieten sich Techniken der motivierenden Gesprächsführung an (Face-to-face-Beratung, telefonische Kontakte, schriftliche Informationsmaterialien).
  • Arrange: Nachkontakte zur Steigerung der Nachhaltigkeit von Verhaltensänderungen und/oder eventuellen Anpassungen.

Kasten 2: Tipps zur Kommunikation

Foto: mauritius images
Foto: mauritius images
  • Bewegung hat vielfach ähnliche Effekte wie andere Therapieformen.
  • Vermeiden Sie Vorwürfe wegen körperlicher Inaktivität.
  • Da der Begriff „Sport“ für manche Personen negativ besetzt ist, sollte der Begriff „Bewegung“ präferiert werden.
  • Bewegung fängt im Alltag an (Arbeitsweg, Freizeitaktivität).
  • Fragen Sie nach möglichen Hindernissen für eine Aktivitätssteigerung.
  • Nehmen Sie Ängste vor möglichen negativen gesundheitlichen Folgen sportlicher Aktivität. Es gibt für jede Krankheit eine geeignete Sportart (u. U. sportärztliche Vorsorgeuntersuchung).
  • Entwickeln Sie mit dem Patienten realistische Ziele („Rezept für Bewegung“).
  • Schon mit 50 Prozent der empfohlenen Aktivität erreicht man möglicherweise 75 Prozent des maximalen Effektes.
  • Empfehlen Sie den Betroffenen, an frühere Aktivitäten anzuknüpfen.
  • Die Benutzung eines Schrittzählers kann die tägliche Aktivität erhöhen.
  • Gleichgesinnte (Familienangehörige) mit ins Boot zu holen (Aktivität in der Gruppe).
  • Dokumentation der Aktivität (Trainingspläne) fördert die Selbstevaluation.
  • Selbstbelohnung bei Erreichen von Aktivitätszielen.
1.
Mewes, Knapp G, Reimers CD (Hrsg.): Prävention und Therapie durch Sport: Grundlagen. Elsevier Urban & Fischer, München 2015.
2.
Reimers CD, Reuter I, Tettenborn B, Mewes N, Knapp G (Hrsg.): Prävention und Therapie neurologischer und psychischer Krankheiten durch Sport. 2. Aufl., Elsevier Urban & Fischer, München 2015
3.
www.sportprogesundheit.de/tr/sport-und-gesundheit/service/news/detail/news/interview_zum_rezept_fuer_bewegung/
1.Mewes, Knapp G, Reimers CD (Hrsg.): Prävention und Therapie durch Sport: Grundlagen. Elsevier Urban & Fischer, München 2015.
2.Reimers CD, Reuter I, Tettenborn B, Mewes N, Knapp G (Hrsg.): Prävention und Therapie neurologischer und psychischer Krankheiten durch Sport. 2. Aufl., Elsevier Urban & Fischer, München 2015
3.www.sportprogesundheit.de/tr/sport-und-gesundheit/service/news/detail/news/interview_zum_rezept_fuer_bewegung/

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