ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2015Antidepressiva-Gabe bei Benzodiazepin-Abhängigkeit
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Janhsen und Kollegen stellen das beunruhigende Ausmaß des Benzodiazepingebrauchs dar und geben jährliche GKV-Verschreibungen von 230 Millionen definierten Tagesdosierungen (DDD) an (1). Noch häufiger werden Antidepressiva verordnet; 1 341 Millionen DDD im Jahr 2013 (2).

Zur häufigen gleichzeitigen Verordnung beider Substanzgruppen findet sich lediglich die knappe Aussage: „Die Verwendung von Antidepressiva sollte nur bei gleichzeitig vorliegender depressiver Symptomatik empfohlen werden.“ Verwiesen wird irritierenderweise auf eine Studie (3), in der bei explizit nichtdepressiven Patienten untersucht wurde, wie ein Antidepressivum auf den Benzodiazepinentzug wirkt. Die Empfehlung von Janhsen et al. ist nicht hilfreich, da depressive Symptome bei nahezu jedem Abhängigkeitskranken als Teil der Suchterkrankung vorliegen.

Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) hat sich kürzlich ausführlich zu den Problemen des Erkennens und der Pharmakotherapie einer depressiven Erkrankung bei alkoholabhängigen Patienten geäußert (4). Die Empfehlungen können weitgehend auf benzodiazepinabhängige Patienten übertragen werden. Zentrale Aussagen sind: Symptome wie Antriebsschwäche, sozialer Rückzug, Schlafstörungen und Schuldgefühle sind zumeist typische Symptome der Suchtkrankheit und nicht einer eigenständigen affektiven Erkrankung. Die Diagnose einer depressiven Erkrankung ist verlässlich frühestens nach zwei- bis vierwöchiger Abstinenz möglich. Eine konsequente Suchttherapie ist unumgänglich, auch um die depressiven Symptome zu bessern. Unter konsequenter Abstinenz tritt häufig eine deutliche Besserung des depressiven Syndroms ein.

Durch eine Antidepressiva-Verordnung werden zwangsläufig suchttypische Überzeugungen unterstützt, so die Annahme, dass das seelische Befinden durch die orale Einnahme von Stoffen zu steuern ist. Ärzte sollten selbstkritisch prüfen, ob sie hierdurch nicht die unangenehme Diskussion über die Abhängigkeitserkrankung vermeiden. Es ist unklar, ob und wie Antidepressiva wirken, wenn kontinuierlich gleichzeitig Suchtstoffe eingenommen werden.

Die S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression gibt gleichlautende Empfehlungen.

DOI: 10.3238/arztebl.2015.0603c

Prof. Dr. med. Tom Bschor
Abteilung für Psychiatrie, Schlosspark-Klinik, Berlin
und
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie,
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
bschor@schlosspark-klinik.de

Interessenkonflikt

Prof. Bschor bekam Kongressgebühren- und Reisekostenerstattung von den Firmen Lundbeck und Astra Zeneca. Er erhielt Vortragshonorare von den Firmen Lilly, BMS, esparma (Aristo), Servier, Astra Zeneca, Sanofi und Lundbeck.

1.
Janhsen K, Roser P, Hoffmann K: The problems of long-term treatment with benzodiazepines and related substances—prescribing practice, epidemiology and the treatment of withdrawal. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 1–7 VOLLTEXT
2.
Schwabe und Paffrath (eds.): Arzneiverordnungs-Report 2014: Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare. Berlin: Springer 2014; 923.
3.
Tyrer P, Ferguason B, Hallström C, et al.: A controlled trial of dothiepin and placebo in treating benzodiazepine withdrawal symptoms. Br J Psychiatry 1996; 168: 457–61 CrossRef MEDLINE
4.
AG Psychiatrie der AkdÄ: Empfehlungen zum Einsatz von Antidepressiva bei alkoholabhängigen Patienten. Arzneiverordnung in der Praxis (AVP) 38: 27–29. www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/Ausgaben/2003–2014/20112.pdf#page=3&view=fitB (last accessed on 7 February 2015).
1.Janhsen K, Roser P, Hoffmann K: The problems of long-term treatment with benzodiazepines and related substances—prescribing practice, epidemiology and the treatment of withdrawal. Dtsch Arztebl Int 2015; 112: 1–7 VOLLTEXT
2.Schwabe und Paffrath (eds.): Arzneiverordnungs-Report 2014: Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare. Berlin: Springer 2014; 923.
3.Tyrer P, Ferguason B, Hallström C, et al.: A controlled trial of dothiepin and placebo in treating benzodiazepine withdrawal symptoms. Br J Psychiatry 1996; 168: 457–61 CrossRef MEDLINE
4.AG Psychiatrie der AkdÄ: Empfehlungen zum Einsatz von Antidepressiva bei alkoholabhängigen Patienten. Arzneiverordnung in der Praxis (AVP) 38: 27–29. www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/Ausgaben/2003–2014/20112.pdf#page=3&view=fitB (last accessed on 7 February 2015).

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