ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2015Kohlekraftwerke: Panikmache
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Der Artikel entspricht der üblichen Panikmache von Greenpeace und Germanwatch, indem winzige Risiken (jedenfalls in unseren Breiten) aufgebauscht werden. Nachdem die Luft hierzulande und in den Industrienationen ungleich sauberer wurde im Vergleich vor 30 oder 40 Jahren, werden vergleichsweise niedrige Gesundheitsrisiken als todbringend gebrandmarkt. Im Vergleich zu anderen, tatsächlich vorhandenen Risiken (Rauchen, Übergewicht, Diabetes usw.) ist Feinstaub aus Kohlekraftwerken vernachlässigbar. Der Feinstaubeffekt mag tatsächlich bei 0,5 verlorenen Lebensjahren pro Kopf liegen, der von Rauchen liegt aber bei zehn bis 15 Jahren. Zudem steigt die Lebenserwartung in den modernen Staaten kontinuierlich – trotz Feinstaub. Besser gesagt – wegen Feinstaub, denn Feinstaub ist das Restrisiko, nachdem hochwirksame Filter und moderne Technik 95 bis 99 Prozent der gesundheitsschädlichen Emissionen aussondern. Zudem wird in dem Artikel nicht deutlich, bei welchem Grad der Exposition jene beschriebenen Gesundheitsbeeinträchtigungen eintreten. Die 3 000 vorzeitigen Todesfälle in Deutschland sind lediglich statistisch ermittelt.

Es dürfte nicht schwerfallen, in der gleichen Größenordnung vorzeitige Todesfälle für Kaugummikauen oder Milchtrinken zu ermitteln . . .

Priv.-Doz. Dr. phil. Gerald Mackenthun, 14050 Berlin

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 22. September 2015, 00:29

ich bleibe dabei: Panikmache

Werter Kollege Bolle,
Anlass des Disputs sind ja nicht arbeitsplatzbezogene Risiken, die sich wohl so selten verwirklichen, dass ich in dem von mir in 36 Jahren ärztlicher Tätigkeit, davon 30 Jahre als Hausarzt in einer Industriestadt des Ruhrgebiets, beobachteten Kollektiv nichts von einer auffälligen Häufung bemerkt habe. Ausnahme ist natürlich Asbest, aber auch da eher als Asbestose, meist in Form der Mitteilung der BG, dass die jährliche Kontrolluntersuchung keine auffälligen Befunde ergeben habe (bei 60-80-jährien Patienten) und dass weiter keine entschädigungspflichige Erkrankung vorliege.

Es geht ja darum, ob Feinstaubemissionen von Kohlekraftwerken (nicht etwa Strassenverkehr oder Haushaltsheizungen oder gar aus natürlichen Quellen) einen nennenswerten Anteil am Krankheitsgeschehen haben.

Sie KÖNNEN natürlich hingehen und sagen: Nanoskalige Partikel einiger, möglicherweise auch vieler weiterer Substanzen können bestimmte Krankheiten verursachen, Sie können das für GROSSE APL-Konzentrationen bestimmter Stoffe nachweisen. Sie können allerdings nur VERMUTEN, dass in einer von nanoskaligen Agentien freien Umwelt (ist die überhaupt möglich?) bestimmte Krankheiten nicht (mehr) auftreten würden.
Nanopartikel sind ubiquitär und werden weltweit vertragen - 99% aller vorhandenen Nanopartikel in der Atmosphäre entstehen außerhalb Deutschlands - so wie 99% aller CO2-Emissionen außerhalb Deutschlands entstehen. Ob die Nanopartikel aus den 200m hohen Kraftwerksschloten überhaupt Auswirkungen in Deutschland haben, ist sicher nicht beweisbar, im Gegensatz zu radioaktiven Isotopen tragen Nanopartikel keine Absenderbezeichnung.
Sicher ist eine Welt ohne antropogene Nanopartikel wünschenswert - aber sie ist wohl so wenig machbar wie eine Welt ohne CO2-Emissionen .
Und Menschen Angst vor etwas zu machen, was nicht beeinflussbar ist, bleibt eben eines: Panikmache!

Avatar #83550
bolle3
am Donnerstag, 17. September 2015, 15:46

Bitte um einen offenen und fairen Gedankenaustausch

Hallo Herr Kollege "Pracitus",

es wäre schön, wenn Sie sich in der Diskussion mit Namen und Hinweis auf Ihre Profession und Ihren Arbeitsbereich "offen zeigen könnten", ich denke das gebietet die kollegiale Fairness.

Ich habe als Betriebsarzt entgegen Ihren Schilderungen schon genug Tumoren bei jungen Arbeitnehmern bei z.B. Isolierern / Schweißern / etc. im Rahmen meiner arbeitsmedizinischen Untersuchungen "diagnostizieren müssen"(und damit zumindest etwas wenn nicht die Morbidität aber Mortalität senken können).

Und man kann durchaus auch nach Latenzen von 40 Jahren Tumoren pathophysiologisch zuordnen, z.B. das Pleuramesotheliom bei Asbestkontakt, was auch von BG Seite anerkannt ist. Bei "Allerweltstumoren" wie z.B. dem Bronchial CA ist die kausale Zuordnung natürlich dann kaum möglich.

Und es geht mir natürlich nicht "nur" um die Kanzerogenität der nanoskaligen Schadstoffe sondern auch um andere Erkrankungen (Cor / Pulmo / Gefäße / etc.).
Als konkretes Beispiel kann ich die Schweißererkrankungen (Schweißerfibrose) nennen. Zu meinen arbeitsmedizinischen Lehrzeiten vor über 25 Jahren war nur die "Lungenkrebserkrankung durch Chrom-Nickel (VA-) Schweißen" von Aufsichtsseite (und der Arbeitsmedizin) anerkannt. Meine Versuche, auch bei Bearbeitung von Normalstahl (Schwarzmaterial) und Aluminium sowohl beim Schweißen als auch Schleifen Arbeitsschutzmaßnahmen in den Firmen zu empfehlen, trafen auf enorme Widerstände sowohl von Arbeitgeberseite ("Kosten") als auch der BG ("steht doch gar nicht in der Liste der gefährdenden Tätigkeiten").
Vor einigen Jahren mussten dann sowohl die staatlichen als auch die berufsgenossenschaftlichen Aufsichtsbehörden zugeben, dass zwischenzeitlich viele "Aluminosen und Schwarzmaterial Schweißerlungen" als Berufskrankheiten anerkannt und entschädigt werden müssen. Sowohl die Einstufung der Schweißrauche (welche hohe Anteile von Nanopartikeln haben) als "ungefährlich" als auch die dadurch fehlenden Schutzmaßnahmen (wie Absaugung / Abtrennung / PSA / etc.) waren also falsch.
Nur haben Arbeitnehmer mit einer VC und FEV1 von 50-60% nicht so furchtbar viel von dem Geld einer anerkannten Berufskrankheit, geschweige denn ein langes Leben. Viele dieser Erkrankungen hätten vermieden werden können, was ich in einigen Firmen nachweisen kann, die schon damals "auf mich gehört haben" und in zusätzliche Schutzmaßnahmen investiert haben (und keine erhöhten Erkrankungsraten der Mitarbeiter haben).
Und mittlerweile ist auch von offizieller Seite anerkannt (s. Weldox Studie des BG Institutes IFA), dass wohl die (nicht ausreichend berücksichtigten) nanoskaligen Partikel für diese Erkrankungen verantwortlich zeichnen. Dieses ist mittlerweile auch im Biomonitoring (Chrom/Nickel / Alu) nachzuweisen.

Wenn Sie diese Patienten mit "unnötigen" Erkrankungen vor sich haben, weiß ich nicht, wie Sie das als "Panikmache" abtun wollen.
Sind denn alle (WHO- etc.) Studien Ihrer Ansicht nach "gefälscht"?
Schauen Sie sich doch einfach einmal selbst offizielle "Nanoportale" der Unfallversicherungsträger und der EU und WHO an, welche genau diese Punkte bestätigen und mittlerweile (endlich) auch zu Vorsichtsmaßnahmen raten, womit sich der Kreis zur Ursprungsthematik Kohlekraftwerke und etwaige Umweltauswirkungen schließt.

Viele Grüße

Dr. med. Joern-Helge Bolle
Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 11. September 2015, 00:43

Lieber Kollege Bolle

genau das ist es, was zu Recht als Panikmache bezeichnet wird!
Das Leben ist grundsätzlich lebensgefährlich und endet absolut sicher tödlich.
Die wirklichen und großen Risiken werden verdrängt und marginale Risiken fantastisch aufgeblasen.
Alterskorrigiert nehmen Malignome seit Jahrzehnten ab - die Zunahme der absoluten Zahlen liegt ausschließlich an der wachsenden Zahl von Menschen, die die gefährdeten Altersgruppen überhaupt erreichen - und nach 40 Jahren Latenz ein Malignom einer bestimmten Schadstoffbelastung zuordnen können, ist schon ein statistisches Meisterstück.
Sie wissen sicher, dass jede 10. Krebserkrankung von Männern und jede 30. von Frauen allein auf den ganz normalen Alkoholkonsum zurückzuführen ist - wo bleibt der öffentliche Aufschrei?
Übergewicht ist ein wesentlicher Kofaktor für die Entstehung von Brustkrebs - aber Anprangern von Adipositas als Gesundheitsrisiko ist Diskriminierung, und das ist wohl wichtiger...
Verglichen mit diesen nachgewiesenen und trotzdem ignorierten Risiken sind die von Ihnen beschworenen Gefahren sozusagen "Peanuts".
Sie erinnern an die Karikatur, die einen Mann zeigt, der bei Tempo 200 auf der Autobahn mit dem Handy telefoniert und sich fragt, ob die Handystrahlung vielleicht einen Hirntumor auslösen könnte...
Avatar #83550
bolle3
am Mittwoch, 9. September 2015, 14:12

Vielleicht doch keine Panikmache!?

Der Kollege Mackenthun als Psychotherapeut ist aus meiner Sicht als Arbeitsmediziner mit dem Schwerpunkt Gefahrstoff-Management "sehr mutig" mit seiner Behauptung, die genannten Zahlen zur Erkrankungsrate durch die Feinstaubbelastungen seien "übliche Panikmache" von Interessenvertretern. Nach über 25 Jahren Facharzterfahrung ist mir mittlerweile klar geworden, dass bezüglich der Langzeitwirkung vor allem von CMR (Cancerogen/mutagen/reproduktionstoxisch) Stoffen die toxikologischen Spätfolgen häufig über Jahre bis Jahrzehnte "übersehen" und leider auch verharmlost werden (Stichworte Asbest / Hochtemperaturkeramik / PCB / Glyphosat / Feinststaub und Nanopartikel / etc.). Die Grenzwertlisten werden immer länger, immer häufiger werden vor allem die kanzerogenen Schäden zum Teil erst nach Latenzzeiten von über 10-40 Jahren erkannt (uups, war wohl doch gefährlicher als angenommen / s. aktuelle Neueinstufung von Formaldehyd als 1B Kanzerogen nach WHO).
Und gerade bei den nanoskaligen Schadstoffen (wie bei Verbrennungsprozessen) bestehen sehr vorsichtig formuliert erhebliche Kenntnis- und Regelungslücken. Sämtliche zugelassene Schadstoff Messstellen wie TÜV / Berufsgenossenschaften sind (bis auf wenige BG- und Uni-Forschungsinstitute) nicht ich der Lage, die Anzahl und Partikelgrösse der nanoskaligen Schadstoffe in der Umgebungsluftmessung darzustellen. Ich hatte über Jahre als Betriebsarzt teils erhebliche Diskussionen bei angeblich völlig unauffälligen BG-Luftmessungen (mit diesen veralteten Messmethoden) bei deutlich erhöhten Schadstoffwerten in meinem Biomonitoring (z.B. bei Schweißern auf Chrom / Nickel / Aluminium). Ganz aktuelle Fachliteratur (und Fachkollegen auf Expertenkongressen in Einzelgesprächen) haben mir mittlerweile zugestimmt, dass die gesundheitlich extrem relevanten Nanopartikel (wie bei Kohlekraftwerksemissionen) durchaus eine sehr hohe pathologische Potenz haben. Leider sind aber weder die Messvorgaben / -methoden / -grenzwertsetzungen in der Lage, diese Gefahr ausreichend abzubilden. Und offiziell gibt es zwar immer weitere Reduktionen des allgemeinen Staubgrenzwertes (von anfangs 10 mg/m3 auf 5/3/1,25 mg/m3), dieser berücksichtigt aber leider überhaupt keine gefährdenden Nanopartikel. Auf
Anfragen sowohl bei den Bundes- und Landesministerien und dem DGUV und seinen Forschungsinstituten kann man "an dieser Regelungslücke aufgrund der Erfordernis einer EU einheitlichen Lösung leider nichts ändern". Na super, also warten wieder Jahre ohne die (in der Praxis vorhandenen und bezahlbaren) Schutzmaßnahmen präventiv anzuwenden und riskieren wieder im Nachhinein zahlreiche unnötige Berufs- und Umwelterkrankungen.
Da finde ich es zusammenfassend von Herrn Mackenthun als wohl psychologischem Psychotherapeuth schon offen gesprochen anmassend, den DÄ Blatt Artikel 26/2015 als "Panikmache" zu bezeichnen.
Ich bin eher der Meinung der Kollegin Nebe-Bauer (Leserforum Heft 35-36), welche zurecht "das politische Handeln derzeit als verantwortungslos und fahrlässig bezeichnet".
Allerdings sind auch die (vor allem dem Eu- und weltweiten Konkurenzdruck in der Energie- und allgemeinen Produktion geschuldeten) zurückhaltenden Aktivitäten der staatlichen und unfallversicherungsrechtlichen Institutionen nicht besonders hilfreich.
Und wenn dann (leider auch zahlreiche Betriebsärzte und Arbeitsmediziner) lieber bei dem komplexen Gefahrstoffthema wegschauen ("das ist doch die Aufgabe der Sicherheitsleute und -fachkräfte") und etwaig unangenehme Diskussionen mit der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite scheuen, ist das leider auch kein Ruhmesblatt für uns dem Patientenwohl verantwortliche Ärzte.
Wenn man jedoch diese Diskussionen führt, die Firmenchefs- und mitarbeiter ausreichend informiert (z.B. im Rahmen einer qualifizierten arbeitsmedizinisch toxikologischen Beratung nach Gefahrstoffverordnung), kann man durchaus erhebliche Verbesserungen zumindest in der Arbeitswelt erreichen. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.
Dr. med. Joern-Helge Bolle / Facharzt für Arbeitsmedizin

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