ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2015Arzneimitteltherapie: Medikationsplan für mehr Sicherheit

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Arzneimitteltherapie: Medikationsplan für mehr Sicherheit

Dtsch Arztebl 2015; 112(35-36): A-1410 / B-1188 / C-1160

Krüger-Brand, Heike E.

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Beratungsgespräch in der Apotheke: Patienten, die viele Medikamente einnehmen müssen, haben meist einen hohen Informationsbedarf. Foto: Your Photo Today
Beratungsgespräch in der Apotheke: Patienten, die viele Medikamente einnehmen müssen, haben meist einen hohen Informationsbedarf. Foto: Your Photo Today

Medienbrüche, fehlende Informationen und mangelnde Prüfung auf Interaktionsrisiken – die Arzneimittelversorgung ist bislang ein Stiefkind im Gesundheitswesen. Der bundeseinheitliche patientenbezogene Medikationsplan soll das ändern.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation geht davon aus, dass etwa zehn Prozent der Krankenhausaufnahmen auf unerwünschte Arzneimittelereignisse zurückzuführen sind. In Deutschland gibt es zur Häufigkeit und zu den Ursachen von Medikationsfehlern in der Krankenversorgung bislang nur wenig Daten. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte führen unerwünschte Arzneimittelwirkungen durch vermeidbare Medikationsfehler hierzulande zu etwa 500 000 Krankenhausnotaufnahmen jährlich. Die Risiken für Patienten sind dabei besonders hoch, wenn etwa mehrere Ärzte am Medikationsprozess beteiligt sind, die Medikation geändert wird oder ein Übergang zwischen den Sektoren stattfindet.

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Die Arznei­mittel­therapie­sicherheit (AMTS) wurde daher mit gutem Grund als freiwillige Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) im § 291 a Sozialgesetzbuch (SGB) V aufgenommen, allerdings ist man von einer Umsetzung immer noch relativ weit entfernt. Mit dem im geplanten E-Health-Gesetz vorgesehenen einheitlichen Medikationsplan könnte es jedoch Fortschritte auf diesem Gebiet geben. Der vom Kabinett abgesegnete Gesetzentwurf sieht in § 31 a SGBV die Einführung eines strukturierten papierbasierten Medikationsplans für alle Patienten vor, die täglich mehr als drei verschiedene Medikamente einnehmen müssen. Mit der Ausgestaltung des Plans sind die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Bundes­ärzte­kammer und der Deutsche Apothekerverband betraut.

„Der Einführung eines Medikationsplans liegt die Annahme zugrunde, dass bereits eine aktuelle Liste der vollständigen Medikation eines Patienten dazu beitragen kann, die AMTS zu verbessern“, erläutert der AMTS-Experte Dr. rer. biol. hum. Gunther Hellmann, Erlangen. „Bislang wird jeder fünfte Plan vom Patienten selbst erstellt – das muss als Hilfeschrei nach strukturierter Information verstanden werden. Diesen Ruf hat der Gesetzgeber verstanden und den § 31a Medikationsplan im SGB V nun folgen lassen.“

Dem Heilberufler soll der Überblick über die Gesamtmedikation eines Patienten zu einem besseren Informationsstand verhelfen, so dass Medikationsfehler etwa durch Unkennntnis bereits verordneter Arzneimittel vermieden werden können. Der Patient hingegen erhält eine verständliche Information darüber, welche Medikamente er warum, wie und wann einnehmen soll.

Langwieriger Kompromiss

Die Idee eines einheitlichen Medikationsplans (MP) hat die Bundesregierung seit dem Jahr 2007 in mehreren Aktionsplänen AMTS verfolgt. Unter Federführung der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) wurde schließlich im zweiten Aktionsplan AMTS (2010–2012) eine gemeinfreie Spezifikation für den bundeseinheitlichen patientenbezogenen MP (Bundes-MP) erarbeitet, die jetzt im dritten Aktionsplan (2013–2015) implementiert wird.

Der Medikationsplan, auf den man sich dabei in einem mühsam ausgehandelten Kompromiss aller am Medikationsprozess beteiligten Interessensgruppen verständigt hat, enthält eine Übersicht über sämtliche einzunehmenden verschreibungspflichtigen und frei verkäuflichen Arzneimittel eines Patienten mit Einnahmegrund, Dosierung und Einnahmehinweisen. Zusätzlich ist ein 2-D-Barcode (Data-Matrix-Code) auf dem ausgedruckten MP aufgebracht, der die Datenfelder digital verschlüsselt und unabhängig von der jeweiligen Praxis- oder Apothekensoftware per Scanner eingelesen und aktualisiert werden kann. Er ermöglicht so einen unkomplizierten digitalen Austausch zwischen Praxen, Apotheken und Krankenhäusern. „Das ist vielleicht keine elegante Lösung, aber eine schnelle Einlesehilfe, die Übertragungsfehler vermeidet und einen Anreiz bietet, den MP zu erstellen“, meint Dr. med. Amin-Farid Aly von der Koordinierungsgruppe Aktionsplan AMTS bei der AkdÄ. Die Lösung setze zudem die wesentlichen Anforderungen der Ärzte um: Sie biete ausreichenden Datenschutz, sehe eine lokale Speicherung vor und bleibe weitgehend in der Hand der Ärzte. Gleichzeitig bleibe der Patient Träger der Information.

Vor einem flächendeckenden Einstieg in elektronische Prozesse etwa mit der eGK ermöglicht der MP Aly zufolge daher einen „Schnupperkurs“: „Klappen die Prozesse überhaupt? Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten? Was verändert sich an den Arbeitsabläufen?“ Eine Reihe von Modellprojekten soll diese Fragen beantworten und mögliche Probleme vorab aus dem Weg räumen. So fördert das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit insgesamt 700 000 Euro drei Modellprojekte für zwei Jahre, in denen der Bundes-MP erprobt wird. Daneben gibt es auch regionale Projekte, etwa in Rheinland-Pfalz (eKasten, www.aerzteblatt.de/151410).

Eines der BMG-Projekte ist PRIMA (Primärsystem-Integration des MP mit Akzeptanzuntersuchung). Es legt den Schwerpunkt auf die berufsgruppenübergreifende Erstellung und Pflege eines elektronischen Medikationsplans im ambulanten Sektor. „Eine Besonderheit ist, dass Hausärzte und Apotheker jeweils aus ihrer Praxissoftware heraus Medikationspläne erstellen und bearbeiten können“, erläutert Projektleiter Prof. Dr. rer. nat. Martin Schulz, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der Deutschen Apotheker. „Dadurch soll aufseiten der Leistungserbringer eine hohe Akzeptanz erreicht werden – auch im Hinblick auf die Routinebetreuung.“

Die Akzeptanz bei den Patienten wird dabei ebenfalls genau unter die Lupe genommen. Ein Vorprojekt zur Verständlichkeit des MP hatte ergeben, dass vor allem Verständnisprobleme bei den dargestellten Tageszeitangaben auftraten, weil die Abkürzungen Mo, Mi, Ab, zN für das Dosierungsschema von manchen Patienten als Wochentage interpretiert wurden, so dass es zu Dosierungs- und Einnahmefehlern kam. Inzwischen wurde die Spezifikation des Bundes-MP dahingehend abgeändert, dass die Abkürzungen ausgeschrieben werden.

PRIMA im ambulanten Sektor

An der Hauptuntersuchung nehmen jeweils acht Apotheken und Arztpraxen sowie hundert Patienten teil, die mindestens fünf Medikamente dauerhaft einnehmen. Kooperationspartner sind die AOK PLUS, die KBV sowie die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Apothekerverbände in Sachsen und Thüringen sowie die Freie Universität Berlin. Die Ergebnisse sollen in das ARMIN-Projekt („Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen“) einfließen, das bereits seit längerem in der Region läuft und darauf abzielt, ein Medikationsmanagement zu implementieren, in dem ein gemeinsam von Arzt und Apotheker erstellter Medikationsplan eine zentrale Komponente darstellt.

Zu den größten Herausforderungen im Projekt zählt laut Schulz die Integration der Software für den Medikationsplan in die Primärsysteme. „Einerseits durch die Vielfalt der Systeme sowohl auf Arzt- als auch Apothekerseite, andererseits durch die Nutzung unterschiedlicher Arzneimitteldatenbanken und Datenformate“, erläutert Schulz.

Um einen Datenaustausch zwischen den Systemen von Arzt und Apotheker überhaupt zu ermöglichen, wurde zunächst ein einheitliches Austauschformat geschaffen, über das in den Primärsystemen der MP erstellt, geändert und ausgedruckt werden kann. Die MP-Daten werden auf einem Server im Rahmen des sicheren Netzes der KVen gespeichert. Will der Arzt beispielsweise die Medikation eines Patienten ändern, lädt er sich dessen MP per KV-SafeNet in sein Praxisverwaltungssystem (PVS) herunter, gibt die neuen Daten ein und lädt den aktualisierten Plan anschließend wieder auf den Server hoch – wobei zusätzlich eine Kopie automatisiert in seinem System abgespeichert wird. Wesentliche Vorarbeiten etwa zur Abstimmung der Prozesse und Verantwortlichkeiten bei der Erstellung und Pflege des elektronischen MP erfolgten dabei bereits im Projekt ARMIN.

Der obere Teil des Bundes-Medikationsplans enthält persönliche Angaben wie Name, Geburtsdatum sowie Angaben zu Körpergewicht und Allergien. Rechts oben ist ein 2-D-Barcode aufgedruckt, der alle aufgeführten Informationen verschlüsselt enthält. Die Tabelle in der Mitte umfasst Angaben zu Wirkstoff, Handelsname, Dosierung, Darreichungsform, Einnahmehinweise und Behandlungsgrund. Abgesetzt davon wird die Selbstmedikation erfasst. Unterhalb der Tabelle können wichtige zusätzliche Hinweise ergänzt werden.
Der obere Teil des Bundes-Medikationsplans enthält persönliche Angaben wie Name, Geburtsdatum sowie Angaben zu Körpergewicht und Allergien. Rechts oben ist ein 2-D-Barcode aufgedruckt, der alle aufgeführten Informationen verschlüsselt enthält. Die Tabelle in der Mitte umfasst Angaben zu Wirkstoff, Handelsname, Dosierung, Darreichungsform, Einnahmehinweise und Behandlungsgrund. Abgesetzt davon wird die Selbstmedikation erfasst. Unterhalb der Tabelle können wichtige zusätzliche Hinweise ergänzt werden.

Intersektoraler Ansatz

Im „Medikationsplan Erfurt“, einem weiteren BMG-Projekt, sollen vor allem die Akzeptanz und Praktikabilität des Bundes-MP untersucht werden. „Das Besondere hierbei ist der intersektorale Ansatz, der Übergang von stationär–ambulant steht im Vordergrund“, erläutert Projektleiterin Prof. Dr. med. Petra Thürmann, Lehrstuhl für klinische Pharmakologie der Universität Witten/Herdecke. „Wir haben je zwölf Hausarztpraxen und Apotheken als Projektteilnehmer selektiert, die häufige Einweiser in das Helios-Klinikum sind. Darüber hinaus sollen 150 Patienten, die regelmäßig mindestens drei Medikamente einnehmen, kassenunabhängig ein Jahr lang als Teilnehmer eingeschlossen werden. Sie können entweder vom Hausarzt, etwa vor einer elektiven Einweisung in das Helios-Klinikum, oder auch dort kurz vor der Entlassung in den ambulanten Sektor rekrutiert werden.“ Der Hausarzt erhält ein Lesegerät zum Einscannen des Barcodes und eine Software, die internetunabhängig ist und eine Eingabemaske enthält, in die er den Medikationsplan einpflegt und für den Patienten ausdrucken kann. Parallel dazu senden die niedergelassenen Ärzte eine PDF-Datei des MP verschlüsselt per E-Mail an den geschützten Server der Helios-Klinik. Dort werden die Daten für die Auswertung von Änderungen der Arzneimitteltherapie über einen Zeitraum von zwölf Monaten herangezogen.

Auch Ärzte ohne Internetanschluss können teilnehmen. „In diesem Fall wird der Medikationsplan nicht gespeichert“, so Thürmann. Verliert also bei dieser Konstellation ein Patient seinen Medikationsplan, muss dieser, basierend auf dem zuletzt gespeicherten, manuell komplett neu erstellt werden. „Es ist Sinn des Projekts, gerade auch diese Brüche wahrzunehmen“, betont Thürmann. „Die Patienten erhalten ein Tagebuch, um Vorfälle wie diese zu dokumentieren.“ So sei denkbar, dass Patienten mit mehreren Medikationsplänen beim Arzt erscheinen oder dass ihr Plan handschriftliche Ergänzungen enthält, etwa wenn sie eine Apotheke oder eine Praxis aufgesucht haben, die nicht am Projekt teilnehmen.

Die teilnehmenden Patienten werden nach sechs Monaten und am Ende des Projekts befragt – nicht nur zu ihren Erfahrungen im Umgang mit dem MP, sondern beispielsweise auch zum Wissen über ihre Medikamente und zur Adhärenz. Parallel dazu wird auch die Einschätzung der Ärzte und Apotheker erfasst und ausgewertet.

Das Projekt „eMediPlan“ (2013/ 14) mit dem Folgeprojekt MMP16 (MetropolMediplan 2016) in Erlangen-Fürth geht noch einen Schritt weiter und erprobt den intersektoralen elektronischen Umgang mit dem MP auf Basis einer client-server-basierten Infrastruktur („MediTalk“). Letztere vernetzt die zentrale Notaufnahme des Klinikums Fürth mit niedergelassenen Ärzten der Ärztegenossenschaft Mittelfranken sowie (im MMP16) auch mit Apotheken, einer weiteren Klinik und einem Ärztenetz, um Medikationsdaten auf Basis des Bundes-MP auszutauschen.

Die Besonderheiten des Projekts: „Wir haben neben dem Datenschutzkonzept auch ein Ethikvotum erarbeitet“, betont Projektleiter Prof. Dr. med. Harald Dormann, Klinikum Fürth. „Über die Spezifikation des Bundes-MP hinaus haben wir eine Spezifikation ,MP plus‘ entwickelt, die neben den Medikationsdaten zusätzlich auch die Übermittlung von Dauer- und Begleitdiagnosen ermöglicht, um die Arznei­mittel­therapie­sicherheit zu verbessern.“ So muss zum Beispiel bei einer bestehenden Niereninsuffizienz die Dosierung bestimmter Arzneimittel angepasst werden, und es sind Kontraindikationen zu beachten. Mit Interaktionschecks allein, wie sie Arzneimitteldatenbanken üblicherweise im Krankenhausinformationssystem oder im PVS anbieten, lassen sich Dormann zufolge nur zehn bis 15 Prozent der Medikationsfehler aufspüren. Für eine umfassende Sicherheitsprüfung seien daher eine Diagnosezuordnung der Medikation und Symptombeschreibungen wesentlich.

Die Eindeutigkeit der Angaben für die Patienten spielt eine zentrale Rolle, um Fehler bei der Azneimitteleinnahme zu vermeiden. Foto: Fotolia/Miriam Dörr
Die Eindeutigkeit der Angaben für die Patienten spielt eine zentrale Rolle, um Fehler bei der Azneimittel­einnahme zu vermeiden. Foto: Fotolia/Miriam Dörr

Apotheker mit im Boot

Die Erfahrungen aus dem eMediPlan-Projekt: Vor allem die verschiedenen Standards der PVS verursachten bei der Anbindung einen erheblichen Arbeitsaufwand. Bei etwa 40 Prozent der PVS war eine tiefe Integration des eMP möglich, dort konnten die Ärzte die Medikationsdaten automatisiert extrahieren. Bis Ende Februar wurden 2 400 Dokumente, davon 800 elektronische Medikationspläne, zwischen Praxen und Klinik übertragen. Die standardisierte Erstellung und die Datenübertragung der Pläne verursachten vor allem anfangs einen Mehraufwand für die Praxen. Die Online-Rückmeldungen der Klinik bei der Entlassung führten in der Folge allerdings auch zu beschleunigten Medikationsprozessen und damit zu Zeitersparnis in den Praxen.

Mit der Integration der Apotheker im Folgeprojekt MMP16 werde die Vollständigkeit der Medikationspläne künftig verbessert, da im niedergelassenen Bereich nur die verordneten Medikamente und etwa keine OTC-Präparate erfasst werden, hebt Dormann hervor. Die Auswertung der bisherigen Pläne ergab, dass bei der automatischen Extraktion der Daten aus dem PVS nur etwa 50 bis 60 Prozent der notwendigen Informationen gewonnen werden konnten. „Jetzt haben wir niedergelassene Ärzte und Fachärzte, Apotheker und Klinikärzte mit an Bord und können in diesem Setting verschiedene Lösungswege erarbeiten und den Bundes-MP weiterentwickeln“, meint Dormann. Er erhofft sich dadurch auch mehr Transparenz darüber, wie Kommunikation zwischen verschiedenen Berufsgruppen stattfindet, um daraus die beste Lösung für den Patienten abzuleiten.

Wie nötig etwa die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern ist, um die Arznei­mittel­therapie­sicherheit für die Patienten zu erhöhen, hat erst jüngst eine Studie an der Universität Münster nachgewiesen (Kasten).

Laut E-Health-Gesetz soll der papierbasierte Medikationsplan bereits ab Oktober 2016 zur Verfügung stehen und später auch in elektronischer Form verfügbar sein. Viele Vorarbeiten dafür haben mit dem Bundes-MP begonnen, aber eine große Hürde für eine flächendeckende Umsetzung sind nach wie vor die heterogenen Primärsysteme. Die KBV hat daher vorgeschlagen, die etablierten Zertifizierungsverfahren auch auf die Funktionalitäten der Medikationspläne auszuweiten. „Auf diese Weise könnten wir eine einheitliche Umsetzung in den Praxisverwaltungssystemen sicherstellen“, erklärte Dipl.-Med. Regina Feldmann, KBV-Vorstand. Ohne konkrete Vorgaben und Verpflichtungen werde es schwer sein, die PVS-Hersteller zu bewegen, die entsprechenden Funktionen in der geforderten Zeit und Qualität bereitzustellen. Zudem plädiert Feldmann auch dafür, den Anspruch auf einen MP nicht schon ab drei, sondern erst ab fünf dauerhaft einzunehmenden Arzneimitteln vorzusehen. Studien zufolge sei erst dann ein kritischer Schwellenwert erreicht. „Wenn wir bereits ab drei Medikamenten einen Medikationsplan ausstellen müssten, würde das den Ablauf der Praxis enorm belasten“, gibt sie zu bedenken.

Künftige Herausforderungen

Ein Ersatz für die eGK-gestützte AMTS-Anwendung ist der Medikationsplan nicht, denn er stellt primär eine Information für den Patienten dar. Über den Barcode kann er aber auf die eGK-Anwendung vorbereiten. Komplizierende Aspekte wie Verschlüsselung, Datensicherheit oder elektronische Signatur spielen noch keine Rolle, daher lassen sich verschiedene Lösungsansätze einfacher testen. Spannend dürfte am Ende sein, wie sich das Zusammenspiel von MP, elektronischem Arztbrief/Entlassbrief und Not­fall­daten­satz künftig in der Praxis gestalten wird und wie dabei die verschiedenen Daten und Informationen synchronisiert werden können. Hierzu stehen Projekte noch aus.

Heike E. Krüger-Brand

@Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Martin Schulz: www.aerzteblatt.de/151410
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Viele Diskrepanzen zur Einnahmepraxis

Für ihre Studie zu Medikationsplänen analysierten Wissenschaftler der Universität Münster in Zusammenarbeit mit der Apothekerkammer Westfalen-Lippe die Medikation von 500 Patienten. Von diesen verfügten 80 Prozent (399 Patienten) über einen vom Haus- oder Facharzt erstellten Medikationsplan (MP). Im Schnitt nahmen die Patienten knapp neun verschreibungspflichtige und ein frei verkäufliches Arzneimittel ein. Das Ergebnis: Nur in 6,5 Prozent der in der Studie untersuchten Fälle stimmte der ärztliche MP mit den tatsächlich eingenommenen Medikamenten genau überein.

Abweichungen: Bei der Analyse aller tatsächlich eingenommenen Arzneimittel in den Apotheken („Brown-Bag-Analyse“) wurden durchschnittlich mehr als fünf Abweichungen je Patient festgestellt. Die Abweichungen vom Medikationsplan betrafen in 78 Prozent der Fälle den verschreibungspflichtigen und in 22 Prozent der Fälle den nicht verschreibungspflichtigen Bereich.

41 Prozent der Fälle betrafen den Austausch eines Medikaments durch ein wirkstoffgleiches Arzneimittel. In 30 Prozent der Fälle nahmen Patienten ein Arzneimittel ein, das nicht im MP enthalten war. In etwa jedem fünften Fall hatten die Patienten eines oder mehrere Arzneimittel ohne Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt. In elf Prozent der Fälle wich die eingenommene Dosis teilweise erheblich von der verordneten Dosis ab.

*Waltering I, Schwalbe O, Hempel G: Discrepancies on Medication Plans in German Community Pharmacies. Journal of Evaluation in Clinical Practice 2915, doi:10.1111/jep.12395

TESTS IN WEITEREN REGIONEN

Vernetzte Arznei­mittel­therapie­sicherheit mit dem elektronischen Medikationsplan in Rheinland-Pfalz: Projektpartner sind die Universitätsmedizin Mainz, die Techniker Krankenkasse und die Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz (Projektleiterinnen Prof. Dr. Irene Krämer, Dr. Claudia Mildner, Mainz). Patienten erhalten nach einem stationären Kranken­haus­auf­enthalt einen Medikationsplan (MP), der von Hausärzten und Apotheken elektronisch aktualisiert werden kann. Die elektronischen MP werden in einem speziell für dieses Projekt eingerichteten Internetportal verwaltet. Veränderungen der Medikation (einschließlich Selbstmedikation) sollen während des Betreuungszeitraums von sechs Monaten im Plan im Portal aktualisiert werden. Die Patienten erhalten anschließend einen aktuellen Ausdruck. Das Projekt wird in den Regionen Bad Kreuznach, Kaiserslautern, Koblenz, Mainz und Trier mit circa 600 Patienten durchgeführt und läuft bis Anfang 2016.

Heidelberger Medikationsplan (www.nimmsrichtig.de): Einen leicht vom Bundes-MP abweichenden Medikationsplan hat die Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie am Universitätsklinikum Heidelberg (Prof. Dr. med. Walter E. Haefeli) auf der Basis der elektronischen Verordnungsplattform AiDKlinik® entwickelt. Der Plan erklärt laienverständlich die Indikation des Medikaments und gibt Handhabungshinweise, zusätzlich kann für spezielle Anwendungsformen eine bebilderte Anleitung heruntergeladen und ausgedruckt werden. Im Rahmen des Aktionsbündnisses „Sichere Arzneimittelanwendung“, einer Kooperation zwischen dem Gesundheitsamt und dem Universitätsklinikum, sollen ältere Bürger im Rhein-Neckar-Kreis und in Heidelberg damit ausgetattet werden. Den Plan füllt der Patient zusammen mit einem Arzt oder Apotheker aus. Zusätzlich kann der Patient das seit Juli 2015 auch über das Internetportal tun, indem er aus einer dort hinterlegten Liste aller in Deutschland verfügbaren Arzneimittel seine Medikamente auswählt, in einem Plan zusammenfasst und ausdruckt. Hierzu erhält jeder MP eine neunstellige, zufällig generierte Identifikationsnummer und wird auf der Website gespeichert. Unter dieser Nummer kann ihn der Nutzer abrufen und aktualisieren. Aus Datenschutzgründen werden dabei keine personenbezogenen Informationen gespeichert, auch kann der Name des Patienten nicht ausgedruckt werden, sondern muss auf dem Ausdruck manuell eingefügt werden.

Projekt im Universitätsklinikum Jena im Rahmen der Ideeninitiative Entscheiderfabrik 2015: Patienten des Klinikums sollen täglich morgens ihre individuellen Medikationspläne (auf Basis des Bundes-MP) erhalten. Ziel ist es, sie kontinuierlich über die medikamentöse Therapie zu informieren, so dass sie Fragen mit den Ärzten während ihres Aufenthaltes klären können. Zusätzlich zur Ausgabe des Bundes-MP wird zudem ein CDA(Clinical Document Architecture)-Dokument in der elektronischen Patientenakte abgelegt, das die gesamte Medikationsverordnung eines Patienten abbildet. Es enthält auf der ersten Seite die Angaben des Bundes-MP und auf der zweiten Seite weitere Angaben wie Schema- oder Infusionsverordnungen oder Informationen zu durchgeführten AMTS-Prüfungen. Langfristig sollen eine vollständige elektronische Medikamentenverordnung und eine zentrale von der Klinikapotheke gesteuerte „Unit-Dose-Versorgung implementiert werden, um eine nahtlose Übergabe zwischen den beteiligten IT-Systemen zu ermöglichenl. Der Industriepartner ist ID Information und Dokumentation. Ansprechpartner im Klinikum ist Dr. med. Martin Specht, Bereichsleiter klinische Applikationen, Uniklinikum Jena

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