ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2015Nepal: Ein Land in Trümmern

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Nepal: Ein Land in Trümmern

Dtsch Arztebl 2015; 112(35-36): A-1416 / B-1194 / C-1166

Osterloh, Falk; Richter-Kuhlmann, Eva

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Nepals Bevölkerung leidet stark unter den Folgen der Erdbeben im Frühjahr. Ärzte aus Deutschland trafen auf traumatisierte Menschen und zum Teil wochenlang unbehandelt gebliebene Knochenbrüche und Wunden.

Außer Trümmern ist vielen Nepalesen nach den beiden schweren Erdbeben nichts geblieben. Fotos: privat
Außer Trümmern ist vielen Nepalesen nach den beiden schweren Erdbeben nichts geblieben. Fotos: privat

Als Dr. med. Rüdiger Wenzel von dem starken Erdbeben in Nepal hörte, war ihm sofort klar: „Ich muss zum Helfen dorthin!“ Das war am 25. April. An diesem Tag erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,8 das Land in Südasien, am 12. Mai folgte ein weiteres mit einer Stärke von 7,4. Etwa 8 000 Menschen starben in diesem Frühjahr in Nepal durch die Beben; fast eine halbe Million Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt. Die nepalesische Regierung rief den Notstand aus.

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Wenzel, der als Chefarzt in einer Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie in Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) arbeitet, ist seit einigen Jahren Mitglied im Verein Nepalmed* mit Sitz in Grimma (Sachsen). Am 15. Mai saß er mit einigen Kollegen im Flugzeug nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Zuvor hatte Nepalmed zusammen mit Apotheker ohne Grenzen eine größere Bestellung an Medikamenten und chirurgischem Material, wie Desinfektionslösung, Bandagen, Tupfer, Schienen, Handschuhen, Nadeln und Spritzen, in das Land geschickt. „In Versandkisten verpackt und beschriftet konnten wir alles vor Ort in Kathmandu abholen“, berichtet Wenzel.

Hilfe im Hinterland

Eigentlich hatten es sich der Chirurg und seine Teammitglieder zur Aufgabe gemacht, im Nepalmed-Partnerkrankenhaus von Kirtipur, einem Stadtteil von Kathmandu, Erdbebenopfer chirurgisch zu versorgen. „Aber das waren gar nicht so viele“, erzählt er. „Auch die Schäden am Krankenhaus durch das Beben waren vergleichsweise gering. In der ganzen Region gab es nur einige Verletzte, wahrscheinlich weil die Gebäude in den Dörfern meist kleiner und leichter gebaut sind, so dass sich viele Menschen in Sicherheit bringen konnten.“ Hinzu sei gekommen, dass sich das Beben an einem Samstagmittag ereignete. „Die meisten Menschen waren auf den Feldern bei der Arbeit, aber nicht in den Häusern oder in der Schule“, erklärt Wenzel.

Als Dr. med. Michael Brinkmann am 29. April in Nepal eintraf, musste auch er nur wenige schwer verletzte Menschen versorgen. „Die Armee hatte kurz nach dem Erdbeben die Schwerverletzten mit Hubschraubern ausgeflogen. Die Menschen, die wir getroffen haben, waren nicht so schwer verletzt“, erklärt der niedergelassene Hausarzt aus Niederkassel. „Dennoch haben wir nicht versorgte offene Frakturen und großflächige infizierte Wunden behandelt.“ Da viele Menschen in den Trümmern ihrer Häuser gegraben hätten, seien auch frische Verletzungen hinzugekommen.

In den Bergdörfern versorgte Michael Brinkmann die Patienten auf Stroh.
In den Bergdörfern versorgte Michael Brinkmann die Patienten auf Stroh.

Mit der Hilfsorganisation humedica* ist Brinkmann in ein Tal 70 Kilometer östlich von Kathmandu gefahren. „Unser Team bestand aus fünf Ärzten und sieben medizinischen Fachkräften beziehungsweise Koordinatoren“, erzählt er. Vor Ort haben sie sich in zwei Gruppen aufgeteilt: die eine blieb in dem Hauptort Jalbiri und die andere ging zu Fuß in die Bergdörfer, um die Menschen dort zu versorgen – Straßen gibt es in diesen Teilen des Landes häufig nicht. „Das Erdbeben hat die meisten Dörfer komplett zerstört“, erzählt Brinkmann. „Die Häuser sind weggerutscht, übrig blieben oft nur Steinhaufen mit Wellblechdächern. Die Menschen wurden schwerst traumatisiert. Viele saßen apathisch auf den Trümmern ihrer Häuser. Man konnte riechen, dass noch nicht alle Leichen geborgen worden waren.“

Auch Saatgut wurde zerstört

Nach und nach sei jedoch Aktivität in die Dörfer zurückgekehrt. Die Menschen hätten in ihren Trümmern nach allem gegraben, was sie zum Aufbau ihrer Häuser hätten verwenden können – vor allem aber nach Saatgut. „In den Bergregionen Nepals wachsen nur wenige Pflanzen“, erklärt Brinkmann. „Die Menschen dort säen jedes Jahr vor allem Mais und Reis aus und behalten von der Ernte Saatgut für das kommende Jahr zurück. Dieses Saatgut war nun unter den Trümmern begraben. Und das ist eine weitere Katastrophe mit langfristigen Konsequenzen.“ Denn ohne dieses Saatgut werde es im kommenden Jahr keine Ernte geben. Zwar brächten manche Hilfsorganisationen Saatgut mit, oft aber von Pflanzen, die in der Region nicht wachsen.

„Schlimm war das zweite Erdbeben am 12. Mai“, erinnert sich Brinkmann, der sich mit seinem Team zufällig ganz in der Nähe des Epizentrums befunden hat. „Das Grollen wurde sehr schnell sehr laut, die Bedrohlichkeit war mit Händen zu greifen, und wir wussten: Das ist kein normales Nachbeben“, sagt Brinkmann. „Es dauerte 35 Sekunden, links und rechts von uns stürzten Felsbrocken ins Tal. Wir hatten einfach Glück, dass uns keiner getroffen hat.“ Die Szenerie danach sei gespenstisch gewesen. Einige Menschen seien in Schockstarre verfallen, während sich eine Staubwolke über die Landschaft gelegt habe, andere hätten in Panik geschrien. „Wir hatten gerade das Gefühl, die Menschen fassen sich wieder, die Strukturen werden wieder aufgebaut“, sagt Brinkmann. Deshalb habe das zweite Beben zu einer noch stärkeren Traumatisierung geführt. Weil es die Angst und die Ohnmacht verfestigt habe. Diese Angst, mit der permanenten Bedrohung weiterleben zu müssen, könne ihnen niemand nehmen.

Nach dem zweiten Beben ist auch Rüdiger Wenzel mit seinen Kollegen in die Region östlich von Kathmandu gefahren, um dort medizinische Camps zu organisieren. „Millionen Nepalesen leben derzeit dort in Zelten oder unter Plastikplanen, die per Flugzeug abgeworfen wurden“, berichtet er. Medizinische Hilfe durch den Staat habe es dort weder vor noch nach dem Beben gegeben. Denn die etwa 4 500 Ärzte des Landes seien hauptsächlich in den großen Städten angesiedelt. „Generell haben nur zehn Prozent der Bevölkerung Zugang zu medizinischer Versorgung. Wir waren die ersten Helfer in dieser Bergregion überhaupt und hielten Sprechstunden unter freiem Himmel ab“, erzählt Wenzel. „Am ersten Nachmittag kamen 167 Menschen mit infizierten Wunden und Knochenbrüchen, die zum Teil vier Wochen lang nicht versorgt worden waren.“ Zudem hätten fast alle Menschen psychologischer Betreuung bedurft.

Brinkmann berichtet von einem weiteren Problem, mit dem die Menschen zurechtkommen müssen: „Die Monsunzeit hat früher eingesetzt als üblich. Und die Menschen hatten keine Häuser, in denen sie sich vor dem Regen schützen konnten. Vier Mal am Tag sind sie durchgeregnet, und nachts waren es 15 Grad Celsius. Viele Menschen kamen also auch mit Pneumonien und Durchfallerkrankungen zu uns, Kinder auch mit schweren spastischen Bronchitiden.“

Glück im Unglück hatten viele Menschen in Amppipal, einem etwa 100 Kilometer nordwestlich von Kathmandu liegenden Ort, in dem ein Partnerkrankenhaus von Nepalmed steht. Seit Oktober 2014 arbeitet hier die Gynäkologin Christa von Oertzen als Entwicklungshelferin.

„Wir hatten großes Glück“

„Bei dem ersten Beben hatten wir wirklich großes Glück“, erzählt sie dem Deutschen Ärzteblatt. „Die Erdbebenwellen scheinen an uns vorbeigelaufen zu sein, das Krankenhaus ist nur leicht beschädigt worden – außer unserer Apotheke, die erst einmal abgerissen und dann neu aufgebaut werden muss.“ Von den dem Krankenhaus angeschlossenen Wohnhäusern sei jedoch nur eines als unsicher eingestuft worden. Alle anderen Risse in den Wänden hätten repariert werden können. Alle 50 Mitarbeiter des Amppipal-Hospitals sind unverletzt geblieben, erzählt von Oertzen. Nur ihre Privathäuser wurden zum Teil zerstört und müssen wieder errichtet werden.

Bis zum Ende der Monsunzeit herrscht allerdings ein Baustopp. Danach wollen die Nepalesen ihre Häuser wieder aufbauen. In den Touristenzentren würden die Vorbereitungen für den Wiederaufbau aber bereits jetzt laufen, berichtet Rüdiger Wenzel. Trekking-Touren durch Nepal könnten wieder unternommen werden, meint der Chirurg. Er wird bald wieder als Arzt vor Ort sein: im Februar 2016.

Falk Osterloh, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

* www.nepalmed.de ; www.humedica.org

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