ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Stigmatisierung psychisch Kranker: Begrenzter Medieneinfluss

EDITORIAL

Stigmatisierung psychisch Kranker: Begrenzter Medieneinfluss

Bühring, Petra

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„Das Stigma wurde verstärkt“ lautete die Überschrift des Editorials dieser Zeitschrift unmittelbar nach dem unfassbaren Absturz der Germanwings-Maschine am 24. März in den französischen Alpen (Heft 4). Der psychisch kranke Co-pilot hatte die Maschine willentlich zum Absturz gebracht und 150 Menschen in den Tod getrieben. Die darauf folgende Medienberichterstattung war vielfach ignorant, spekulativ und verallgemeinernd. Nicht nur wir waren der Meinung, dass die vorurteilsschürende Diskussion die Erfolge der Antistigmatisierungskampagnen der letzten Jahre zunichte machen wird. Nach den Attentaten psychisch Kranker 1990 und 1991 auf die Politiker Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble wurde jedenfalls wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber psychisch Kranken negativ verändert hat. Auf der anderen Seite konnte eine Studie aus Leipzig nachweisen, dass die Medienberichterstattung über den Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke 2009 das Stigma gegenüber der Erkrankung Depression positiv beeinflusst hat. Der Projektleiter der Studie, Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, stellte große Verbesserungen in Wissen und Haltung bezüglich Depression fest. Die Befragten sahen die Erkrankung weniger häufig als Zeichen persönlicher Schwäche an und erklärten eine grundsätzlich höhere Bereitschaft, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Umso überraschender ist nun, dass der Anstieg der Stigmatisierung gegenüber psychisch Kranken nach der Flugzeugkatastrophe gar nicht so signifikant zu sein scheint wie zuvor angenommen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Methodik gegenseitig validieren. Die Autoren der einen Studie (von dem Knesebeck et al, 2015) befragten im Frühjahr 2014 und im April 2015 – etwa vier Wochen nach dem Unglück – telefonisch rund 600 Menschen in München. Der Anteil derjenigen, die depressiv Erkrankten Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit zuschrieben und ihnen mit Unverständnis, Ärger und Unsicherheit begegneten, war 2015 ein wenig höher – jedoch nicht bedeutsam. Grundsätzlich signifikant, aber unverändert hoch, war der Wunsch nach sozialer Distanz gegenüber psychisch Kranken.

Die andere Studie von Schomerus et al., 2015 führte eine repräsentative deutschlandweite Online-Befragung im November 2014 und im Mai 2015 durch. Signifikant war zwar, dass die Befragten psychisch Kranke nach dem Absturz als unberechenbarer einschätzten. Doch Faktoren wie Gefährlichkeit, Angst oder Wut gegenüber psychisch Kranken sowie der Wunsch nach sozialer Distanz nahmen nicht signifikant zu. Es scheint, als würden sich die meisten dem Impuls, negative Stereotype zu generalisieren, widersetzen, folgern die Autoren dieser Studie. Von dem Knesebeck et al. schlussfolgern, dass die öffentliche Einstellung gegenüber psychisch Kranken tief verwurzelt und schwer zu ändern sei. Der Einfluss der Medien bei einem einzigen Ereignis sei daher eher begrenzt – und das ist eigentlich eine gute Nachricht.

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