ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Psychotherapie und Wirtschaft: Denkanstöße für die Praxis

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Psychotherapie und Wirtschaft: Denkanstöße für die Praxis

Sonnenmoser, Marion

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Wie Psychotherapeuten die Profitabilität ihrer Arbeit steigern können, wird in den USA im Gegensatz zu Deutschland ohne Tabus diskutiert. Von einigen Tipps können sie auch hierzulande profitieren.

Eine Reihe von Faktoren bestimmt den wirtschaftlichen Erfolg. Foto: picture alliance
Eine Reihe von Faktoren bestimmt den wirtschaftlichen Erfolg. Foto: picture alliance

Die eigene Praxis und das eigene therapeutische Handeln sind die wirtschaftlichen Grundlagen niedergelassener Psychotherapeuten. Ob diese Grundlagen effizient eingesetzt werden und ob Therapeuten die Profitabilität ihrer Arbeit steigern können, wird in den USA im Gegensatz zu Deutschland ohne Tabus diskutiert. Denn US-Amerikaner orientieren sich traditionell stark an der Ökonomie, auch im Gesundheitswesen. In Folge davon gibt es zum Beispiel Bücher und Zeitschriftenartikeln darüber, wie Psychotherapeuten dazuverdienen und durch ihre Tätigkeit eventuell wohlhabend werden können. Außerdem werden regelmäßig die am besten verdienenden Psychiater und Psychotherapeuten vorgestellt, und es wird erklärt, wie sie ihr hohes Einkommen erzielen.

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Die Vorgehensweise in solchen Ratgebern und Artikeln ist dabei immer ähnlich: Zunächst analysieren die Autoren verschiedene Faktoren, die bei erfolgreichen Einzelpersonen oder Unternehmen in unterschiedlichen Branchen zu hoher Rentabilität, überproportionalem Wachstum und sprudelnden Einnahmen führen. Dann übertragen sie ihre Befunde in Form von Patentrezepten auf das unternehmerische Handeln niedergelassener klinischer Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater, natürlich mit einigen Modifikationen. Zum Schluss wird das Ganze mit allgemeinen Empfehlungen aus den Bereichen (Selbst-)Management, Betriebswirtschaftslehre und Marketing garniert. Ob das Lesen solcher Literatur deren Leser tatsächlich reich macht, ist nicht bekannt.

Auch die klinischen Psychologen William O’Donohue, Cassandra Snipes und Alexandros Maragakis von der University of Nevada (USA), die Psychotherapeutin und Business-Beraterin Lynn Grodzski aus Silver Spring (USA) sowie PR-Experten um die Psychologin Helga Kernstock Redl aus Wien (Österreich) haben Tipps, die Psychotherapeuten zu einem profitableren Wirtschaften und Therapieren animieren sollen, veröffentlicht. Einige von ihnen werden hier vorgestellt. Manche dieser Tipps erscheinen selbstverständlich, andere sind hingegen noch wenig verbreitet; manche regen zu Diskussion an, während andere wiederum Denkanstöße für Psychotherapeuten sein können, ihr bisheriges Wirtschaften zu überprüfen, sich neu zu positionieren und zukünftig vielleicht stärker auf die Profitabilität ihres therapeutischen Handelns Wert zu legen.

  • Einsatz effizienter Untersuchungs- und Kontrollinstrumente: Psychotherapeuten sollten moderne, anwenderfreundliche und wenn möglich technologiegestützte Instrumente zur Diagnostik und Therapieprozesskontrolle einsetzen, um relativ schnell und mit wenig Aufwand valide Ergebnisse zu erzielen. Als Negativbeispiel sei der Rorschach-Test genannt. Der Einsatz effizienter Instrumente ermöglicht die Verordnung geeigneter Therapien, das Erstellen individueller Behandlungspläne, eine lückenlose Dokumentation und das frühzeitige Entdecken von Negativentwicklungen. Zudem erhöht er die Qualität und die Erfolgschancen einer Psychotherapie. Therapeuten, Patienten und Kostenträger profitieren davon gleichermaßen.
  •  Einsatz ergänzender Verfahren: Psychotherapie hat ihre Grenzen: Sie hilft nicht jedem Patienten und auch nicht immer als alleinige Behandlung. Die Autoren plädieren deshalb dafür, offen für begleitende Medikation, ergänzende Verfahren und Selbsthilfemaßnahmen wie Bewegung, Entspannung, Meditation, Selbstbeobachtung, angeleitete Ausdruckstherapien und Selbsthilfegruppen zu sein und diese angemessen einzusetzen. Dadurch werden die Beschränkungen einzelner psychotherapeutischer Verfahren aufgehoben und die therapeutischen Möglichkeiten erweitert. Zudem öffnen sich manche Patienten manchmal erst im Rahmen eines ergänzenden Verfahrens (wie zum Beispiel Körper- oder Musiktherapie) und werden für eine herkömmliche Psychotherapie zugänglich. Darüber hinaus können mithilfe solcher Verfahren die Behandlungspräferenzen der Patienten berücksichtigt, das Selbstmanagement der Patienten gefördert und die Therapeuten entlastet werden. Auch unter Kostengesichtspunkten ist der Einsatz ergänzender Verfahren interessant, denn es können Stabilisierungen und Zustandsverbesserungen teilweise mit wenig aufwendigen Methoden erzielt werden und die Anzahl der Psychotherapiesitzungen kann in manchen Fällen reduziert werden.
  •  Spezialisierung: Psychotherapeuten sollten sich auf einige ausgewählte Kompetenzen und Stärken konzentrieren. Das bedeutet, dass sie hauptsächlich psychische Erkrankungen behandeln sollten, auf die sie spezialisiert sind. Das erhöht ihre Erfolgsquote und verschafft ihnen eventuell den Ruf eines Experten im Hinblick auf eine bestimmte Erkrankung. Diese Ausrichtung wird erleichtert, wenn die Spezialisierung auf Erkrankungen erfolgt, die weit verbreitet sind, für die es wirksame Therapien gibt und bei denen durch evidenzbasiertes Vorgehen relativ zuverlässig Therapieerfolge erzielt werden können. Allerdings birgt eine Spezialisierung auch gewisse wirtschaftliche Risiken; daher muss das Für und Wider abgewogen werden. Neben der Spezialisierung auf eine bestimmte Erkrankung sollten Psychotherapeuten weitere Kompetenzen erwerben oder ausbauen, zum Beispiel Fremdsprachenkenntnisse, interkulturelle Kompetenzen oder Kompetenzen durch persönliche Erfahrungen (etwa eine Behinderung oder überwundene Suchtprobleme). Durch Spezialisierungen und besondere Kompetenzen können Psychotherapeuten Marktlücken besetzen, sich Alleinstellungsmerkmale verschaffen und sich von der Konkurrenz abheben. Darüber hinaus ziehen sie viele Patienten von nah und fern an, denen ihre Spezialisierungen oder Kompetenzen wichtig sind. Im Übrigen kann auch die Wahl des Niederlassungsorts ein Teil der Spezialisierung sein.
  •  Kooperation: Psychotherapeuten sind oft Allrounder, Einzelkämpfer und Mädchen für alles. Sie erledigen neben der therapeutischen Arbeit auch Büro- und Verwaltungstätigkeiten und viele andere Aufgaben, die zumeist als Zeitfresser und Ballast empfunden werden. Um sich zu entlasten und den Rücken für ihr Kerngeschäft frei zu halten, sollten Psychotherapeuten sich mit Zeitmanagement befassen und Prioritäten setzen. Sie sollten Aufgaben und Tätigkeiten, die eher untergeordnet sind, delegieren und sich entsprechende Dienstleistungen einkaufen. Es kann auch entlastend sein, sich mit anderen Psychotherapeuten eine Praxis zu teilen. Zusätzlich sollten eine integrierte Versorgung und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Disziplinen angestrebt werden, um Austausch und Vernetzung zu erzielen, um multimodale Behandlungen durchführen zu können und um Belastungen und Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen.
  • Einsatz neuer Technologien: Die konsequente Nutzung moderner Technik und Technologien wie Computer, Internet, Homepage, Suchmaschinen, E-Mail, Handy und Videokonferenzsysteme bringt Psychotherapeuten Vorteile und Entlastung in vielen Bereichen. So können Technologien ergänzend zur Psychotherapie eingesetzt werden, etwa zum Self-Monitoring der Patienten, zur Unterstützung therapeutischer Hausaufgaben, zur Psychoedukation, zur erweiterten Exposure-Therapie und zur Krisenintervention. Sie können darüber hinaus der Kommunikation mit den Patienten dienen, das Patienten- und Zeitmanagement unterstützen, die Praxisverwaltung vereinfachen sowie zum Marketing und zur Selbstpräsentation von Therapeuten beitragen. Darüber hinaus können sie zur Beratung und Behandlung von Patienten, die nicht die Praxis aufsuchen können, sowie zur Durchführung von Gruppentherapien, Schulungen, Austausch mit Kollegen und Kostenträgern sowie Supervision per Videokonferenz genutzt werden. Mit dem technologischen Fortschritt werden sicherlich weitere Anwendungsmöglichkeiten hinzukommen.
  • Zusatzverdienstmöglichkeiten: Psychotherapeuten sollten nicht nur eine Einnahmequelle haben, sondern sich weitere erschließen. Hier wäre klassischerweise an therapeutische Zusatzqualifikationen und Supervisoren-, Ausbilder- oder Gutachtertätigkeiten zu denken. Es können aber auch Talente wie Sprechen und Schreiben zum Einsatz kommen. Zum Beispiel betätigen sich viele Psychotherapeuten als Vortragsredner, Seminarleiter, Coach und Trainer sowie als Autoren von Büchern und Zeitschriftenartikeln. Manche treten auch im Radio und Fernsehen auf, wobei mit der Medienpräsenz Vor- und Nachteile verbunden sind. Bei der Frage, wie das eigene Wirkungsfeld ausgeweitet werden kann, sollten individuelle Vorlieben und Stärken berücksichtigt werden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Grodzki L: Building your ideal private practice. New York: Norton 2015.
2.
Kernstock-Redl H, Schultheiss F, Stühlinger E: Ethisches Marketing in Psychologie und Psychotherapie. Heidelberg: Springer 2012.
3.
O’Donohue W, Snipes C, Maragakis A: Increasing the productivity of the clinical psychologist. Professional Psychology, 18.08.2014, advance online publication http://dx.doi.org/10.1037/a0037741
1.Grodzki L: Building your ideal private practice. New York: Norton 2015.
2.Kernstock-Redl H, Schultheiss F, Stühlinger E: Ethisches Marketing in Psychologie und Psychotherapie. Heidelberg: Springer 2012.
3.O’Donohue W, Snipes C, Maragakis A: Increasing the productivity of the clinical psychologist. Professional Psychology, 18.08.2014, advance online publication http://dx.doi.org/10.1037/a0037741

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