ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Folgen des Zweiten Weltkriegs: Der „Hamburger Feuersturm“ und die Trauma-Frage

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Folgen des Zweiten Weltkriegs: Der „Hamburger Feuersturm“ und die Trauma-Frage

PP 14, Ausgabe September 2015, Seite 413

Lamparter, Ulrich; Holstein, Christa

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Erst wenn man die damalige Erfahrung einfühlend rekonstruiert, werden Art und Ausmaß der Traumatisierung deutlich und ergeben sich wichtige Differenzierungen. Dies zeigt sich in einer interdisziplinären Untersuchung an Zeitzeugen, die als Kind oder Heranwachsender die Luftangriffe im Juli 1943 auf Hamburg überlebt haben.

Fotos: dpa
Fotos: dpa

Mit dem Begriff „Hamburger Feuersturm“ werden die Luftangriffe Ende Juli 1943 auf Hamburg zusammengefasst. Das Ausmaß an Zerstörung übertraf alles damals Bekannte: Man geht von 35 000 Toten und 125 000 Verletzten aus. Über zwei Drittel des Hamburger Wohnraums wurden zerstört. 900 000 Hamburger wurden über das ganze damalige Reichsgebiet verstreut.

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In dem interdisziplinären Projekt „Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms (1943) und ihre Familien“ (1) haben Historiker und Psychoanalytiker zusammengearbeitet. Es liegen Transkripte von lebensgeschichtlichen Interviews mit 60 Überlebenden des Feuersturms vor. Sie waren damals zwischen drei und 27 Jahre alt. Die Interviews wurden semistrukturiert von Psychoanalytikern und psychodynamischen Psychotherapeuten durchgeführt und anschließend in interdisziplinären Fallkonferenzen diskutiert. Die Auswertung der Interviews hatte das Ziel, die Erfahrung des Feuersturms des einzelnen Zeitzeugen in seinem persönlichen Schicksal einfühlend-rekonstruierend zu beschreiben und die Auswirkungen auf sein weiteres Leben abzuschätzen. Neben einer aufnehmend-kritischen Analyse des manifesten Materials galt es, auf Brüche oder Auslassungen im Interviewtext zu achten, in denen die Funktionen der Abwehr deutlich wurden (2).

Emotionale Wirkung mit einbeziehen

Das Interview als Ganzes musste ebenso wie einzelne emotional besonders dicht erscheinende Stellen in der emotionalen Wirkung auf den Interviewer betrachtet werden. Auch emotionale Vorgänge und Reaktionen bei dem später das Interview im Rahmen des Projekts zusätzlich auswertenden Untersucher wurden einbezogen.

Weiter wurden zahlreiche Fragebogendaten mit eingeführten psychometrischen Instrumenten erhoben. Zur Erfassung einer fortbestehenden Symptomatik im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung wurde der PDS-1 Fragebogen (Postraumatic Stress Diagnostic Rating-Scale) (3, 4, 5) eingesetzt.

Die psychometrische Feststellung einer posttraumatischen Belastungsstörung kann nicht mit der klinischen Diagnose von andauernden psychischen Traumafolgen gleichgesetzt werden. So werden in dem eingesetzten PDS-Bogen psychische Folgen nicht erfasst, die außerhalb des durch die Klassifikationskriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung vorgegebenen Symptomspektrums liegen: Traumatische Beschädigungen, die sich subtil und gleichzeitig umfassend in der Persönlichkeit auswirken und sich etwa als „tiefe Erschütterung des Selbst- und Weltverhältnisses” bezeichnen lassen, lebenslang vermehrte subtile Ängstlichkeit und Depressivität oder der Verlust empathischer Fähigkeiten. Viele dieser Folgen sind den Betroffenen gar nicht als solche bewusst, werden verleugnet oder verschwinden scheinbar in einer generationsspezifischen subjektiven Normalität, so dass sie sich einer Feststellung durch Fragebögen entziehen.

Fundamentale Ohnmachtserfahrung

Unter diesen Aspekten gehen die seelischen Folgen des Feuersturms über eine Traumatisierung im Sinne einer syndromal umschriebenen posttraumatischen Belastungsstörung weit hinaus und erfordern eine eigene klinische Differenzierung. In einer kritischen Nachanalyse des Interviewmaterials (6) wurden die Traumafolgen mit folgenden Begriffen geordnet: manifeste Traumatisierung, Grunderschütterung und Prägung.

Die Zeitzeugen (13) dieser Gruppe erschienen im Interview stark berührt und „brüchig“ und schilderten typische posttraumatische Symptome oder anhaltende Ängste. Sie formulierten: „Die Angst kroch richtig in mich hinein“ oder „Das sind Sachen, die einen zeitlebens verfolgt haben“. Eine Zeitzeugin weinte während des ganzen Interviews still vor sich hin und sprach dabei zum ersten Mal über ihre Erlebnisse. Die Erfahrung existenzieller Ausweglosigkeit wurde zur fundamentalen Ohnmachtserfahrung. Sie war besonders dann nicht mehr bewältigbar, wenn der Vater oder der Bruder im Krieg gefallen waren oder wenn das Kind oder der Jugendliche nach dem Feuersturm von seiner Familie getrennt wurde. Zu dieser Gruppe wurden auch Zeitzeugen gezählt, die sich selbst gar nicht als traumatisiert schilderten: dann nämlich, wenn es beim inneren Nachvollziehen der berichteten Erlebnisse kaum anders vorstellbar war, als dass es zu einer schweren Traumatisierung gekommen sein musste: Eine Zeitzeugin deutet nur in dürren Worten an, dass ihre Mutter und Großmutter bei der Flucht aus dem zusammenstürzenden Keller unmittelbar hinter ihr verbrannt sind. In anderen Fällen erfolgte der eigentliche Feuersturmbericht nur in lakonischen Worten oder Zeitzeugen schilderten detailliert den genauen Fluchtweg durch die zerstörten Straßen, wobei die mit der Situation verbundenen Affekte übermächtig beim Untersucher lebendig wurden.

Bei den meisten Zeitzeugen (31) wurde eine eher „unterschwellige Traumatisierung“ festgestellt. Sie konnten nach dem Krieg trotz ihrer schlimmen Erfahrungen eine mehr oder weniger geglückte Existenz aufbauen und vermittelten den Eindruck, es letztlich „irgendwie geschafft“ zu haben. Doch die Erfahrung des Feuersturms schien in ihnen weiter gegenwärtig. Mit diesem Fanal hatten die Belastungen und Verwerfungen der letzten beiden Kriegsjahre und der Nachkriegszeit begonnen. Wenn zum Beispiel die jungen Flakhelfer noch an die Front mussten, war der Feuersturm nur der Anfang einer ganzen Kette von Gewalt-, Entbehrungs- und Verzweiflungserfahrungen mit massiven Lebensbedrohungen in Krieg und Gefangenschaft.

Kinder spielen zwischen Trümmern in Hamburg. Aufnahme von 1946. Die britischen Luftangriffe im Juli 1943 verwandelten die halbe Stadt in ein Trümmerfeld.
Kinder spielen zwischen Trümmern in Hamburg. Aufnahme von 1946. Die britischen Luftangriffe im Juli 1943 verwandelten die halbe Stadt in ein Trümmerfeld.

Psychisch erlebten sich diese Zeitzeugen nicht als krank und sahen bei sich selbst keine schwerwiegenden Folgen durch die Bombardierungserfahrung im Feuersturm. Bestanden Restsymptome wie intrusive Bilder oder vermehrte reizassoziierte Ängste, wurden diese weniger gewichtet. Der Eindruck einer bis heute anhaltenden Nachwirkung entstand vor allem, indem Abwehrvorgänge wie Verleugnung, Projektion, Abkapselung oder hermetische Abriegelung sichtbar wurden, hinter denen sich viel „Unerledigtes“ zu verbergen schien. Dies alles führte zu dem Eindruck einer „Grunderschütterung“ oder anhaltenden „Grundlabilisierung“ durch das Erleben im Feuersturm mit einem „gespeicherten Entsetzen“. Im Einzelfall konnte diese Grunderschütterung vielfältige Gestalt angenommen haben und unterschiedlich stark ausgeprägt sein und zum Beispiel eher das Angstsystem oder das Grundvertrauen betroffen haben. Die Zeitzeugen wirkten, als seien sie mit dem damaligen Erleben auf die eine oder andere Art „nicht fertig“, es sei noch nicht zur Ruhe gekommen, wirke innerlich weiter. Sie erweckten den Eindruck, sie trügen noch etwas mit sich herum, etwas schlummere in ihnen, woran man nicht rühren mochte oder was man mit kritischen Fragen möglicherweise destabilisieren könnte. Die Feuersturmerfahrung wirkte wie eine Wunde, von der man nicht weiß, wie sicher sie vernarbt ist. Dabei war diesen Zeitzeugen selbst mehr oder weniger klar, Träger einer ganz besonderen Erinnerung zu sein. Sie waren einer letztlich nicht zu bewältigenden Dehumanisierungserfahrung ausgesetzt. Darüber wollten sie die Interpretations- und Deutungshoheit behalten, gleichzeitig wollten sie ihre Erfahrung bewusst mit anderen Menschen teilen und davon berichten.

Prägung durch Erlebnisse in der Kriegszeit

Weitere Zeitzeugen (16) zeigten sich weniger durch die besondere Erfahrung des Feuersturms als vielmehr durch ihre gesamten Erlebnisse in der Kriegszeit geprägt. Im Interview wurden Erfahrungen in der Kinderlandverschickung, Ausgrenzungen, andere Lebensbedrohungen, Verluste des Bruders oder des Vaters im Krieg, oder familiäre Schwierigkeiten mit dem Gefühl von Missachtung in den Vordergrund gestellt. Es waren dann weniger die traumatischen psychomentalen Beschädigungen im Feuersturm selbst als vielmehr später daraus erwachsene Einstellungen und Konsequenzen für die Lebensgestaltung, zum Beispiel keine Kinder gewollt zu haben angesichts des Schrecklichen auf der Welt, oder zum Beispiel von nun an immer darauf geachtet zu haben, selbstständig und autark zu sein. Andere Zeitzeugen dieser Gruppe schilderten den Feuersturm zwar als einschneidend, erlebten sich aber in der Familie geschützt. Wieder andere erlebten sich dem eigentlichen Geschehen im Feuersturm gegenüber randständig und/oder nicht zentral davon betroffen. Alle Zeitzeugen dieser Gruppe betrachten sich jedoch als geprägt von der damaligen Zeit, in der für sie die Bewältigung persönlicher Leid- und Verlusterfahrungen und der lebenspraktischen Probleme nach dem Krieg ganz im Vordergrund standen.

Ein neuer Blick auf das Trauma

Die Erfahrung im Feuersturm stellte jedoch nicht nur ein schädigendes Ereignis dar, das nicht verarbeitet werden konnte oder eine untergründig fortbestehende Erschütterung hervorrief: Indem sie eine Funktion im Aufbau der weiteren seelischen Regulation gewann, wurde sie selbst zum Ausgangspunkt einer neuen psychischen Organisation, zu einem Bedeutungsträger eigener Art und zur hintergründig bewussten Kennzeichnung eigener Identität. Bei vielen unserer Probanden scheint sich in der katastrophalen Erfahrung unter den Bomben und im Feuer und der damit verbundenen furchtbaren Angst und Ohnmacht, verbunden mit den vorhergehenden Objekterfahrungen und den Folgeerfahrungen des Lebens eine solche zentrale Erlebensstruktur gebildet zu haben. Sie kreist um die Pole Sicherheit versus Angst um die Existenz einerseits und Verlust versus Kampf um die Existenz andererseits und hat sich im weiteren Lebensverlauf besonders in der Nachkriegszeit weiter aufgebaut und verstärkt. In ihrem Zentrum ist das traumatische Kerner leben in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlicher Intensität und mehr oder weniger abgewehrt weiterhin dynamisch wirksam. So könnte man von einem „Doppelcharakter des Traumas“ sprechen: Die Feuersturmerfahrung hinterlässt nicht nur einen kaum zu integrierenden Erfahrungsrest, der mehr oder weniger gesondert im Gedächtnis aufbewahrt wird. Diese alle basalen Sicherheitsgefühle überwältigende Erfahrung ist wie ein Magnet, eine Blaupause oder eine gebrannte und immer wieder eingesetzte Form im allgemeinen Erleben verankert und wirkt so strukturbildend auf den langfristigen Lebensverlauf.

Folgen des Krieges nach wie vor präsente Herausforderung

Der „Hamburger Feuersturm“ stellt ein umschriebenes und zeitlich definiertes Kriegsereignis des Zweiten Weltkriegs dar. Die vergleichende Betrachtung von Zeitzeugenschicksalen über 60 Jahre später zeigt vielgestaltige psychische Auswirkungen. Die traumatischen Folgen dokumentieren sich nicht nur in den Selbstschilderungen der Zeitzeugen oder in psychometrischen Instrumenten, sondern lassen sich oft erst im Eindruck des Untersuchers und seiner emotionalen Reaktion feststellen. Man wird davon ausgehen müssen, dass sich vergleichbare psychomentale Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs bei vielen Angehörigen der Geburtsjahrgänge 1925 bis 1945 in Deutschland finden, auch wenn diese nicht der Extremerfahrung des Feuersturms ausgesetzt waren, sondern „nur“ in den Bombennächten im Keller oder Bunker ausharren mussten, und ganz besonders, wenn sie dabei Angehörige, Haus, oder ihre Habe verloren haben. Die angemessene Berücksichtigung dieser Folgen des Zweiten Weltkriegs in psychotherapeutischen Behandlungen stellt eine nach wie vor präsente Herausforderung dar.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2015; 13(9): 413–5

Anschrift für die Verfasser: PD Dr. med. Ulrich Lamparter, Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, lamparter@uke.de

Dr. med. Lamparter: Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Dr. med. Holstein

1.
Lamparter U, Wiegand-Grefe S, Wierling D (Hrsg.): Zeitzeugen des Hamburger Feuerturms und ihre Familien. Forschungsprojekt zur Weitergabe von Kriegserfahrungen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2013 CrossRef
2.
Bohleber W: Von den Schwierigkeiten im narrativen Interview mit traumatischen Erfahrungen umzugehen. In: Lamparter U, Wiegand-Grefe S, Wierling D (Hrsg.): Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms und ihre Familien. Forschungsprojekt zur Weitergabe von Kriegserfahrungen. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2013: 212–9 CrossRef
3.
Ehlers A, Steil R, Winter H, Foa EB: Deutsche Übersetzung der Posttraumatic Stress Diagnostic Scale (PDS), Oxford, Department of Psychiatry, Warnford Hospital, University Oxford 1996.
4.
Foa EB, Cahsman L, Jaycox L, Perry K: The validitation of a self report measure of posttraumatic stress disorder: The Posttraumatic Diagnostic Scale. Psychological Assessment 1997; 9(4): 445–451 CrossRef
5.
Buder V: 60 Jahre später: Leiden überlebende Kinder und Jugendliche des „Hamburger Feuersturms“ (1943) an einer posttraumatischen Belastungsstörung? Universität Hamburg: Dissertation, Fachbereich Medizin 2010.
6.
Lamparter U, Holstein C: Gebranntes Kind für immer? Quantitative und qualitative Befunde zur Frage der Traumatisierung bei Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms (1943). Psyche-Z Psychoanal 2015; 69: 161–87.
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