ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Muslime und Psychotherapie: Religion und Kultur in die Behandlung integrieren

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Muslime und Psychotherapie: Religion und Kultur in die Behandlung integrieren

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Gläubige Muslime weisen oft ein anderes Krankheitsverständnis und andere krankheitsbezogene Verhaltensweisen auf als westliche Patienten. Beispielsweise nehmen Muslime im Krankheitsfall oft eine passive Haltung ein, da sie alles als von Gott vorherbestimmt betrachten. Muslime neigen bei psychischen Konflikten zu Schmerzäußerungen und Verlagerung auf die körperliche Ebene, da psychische Erkrankungen tabuisiert sind und einen Ausschluss von der Gemeinschaft bedeuten können. Es gibt darüber hinaus Symptome und Verhaltensweisen, die westlichen Behandlern kaum bekannt sind und vorwiegend im Rahmen von Religion, Scham und Familienehre zu verstehen sind. Im Krankheitsverständnis vieler Muslime bestehen naturwissenschaftliche Erklärungen und der Glauben an böse Geister, Flüche und schwarze Magie gleichberechtigt nebeneinander. Daher ist es für Muslime nicht ungewöhnlich, einen Psychiater und zugleich einen religiösen Heiler zu konsultieren, wobei der Psychiater eher für die körperliche Ebene (mithilfe von Medikamenten) und der Heiler eher für die seelisch-religiöse Ebene (mithilfe von Magie, Ritualen, Zeremonien) zuständig ist. Der Arzt wird von Muslimen als väterlicher Freund der Familie verstanden, von dem Autorität und ein vollständiges Erklärungsmodell für eine Krankheit erwartet werden. Außerdem muss der Arzt die Familie einbeziehen und zum Beispiel Familienhierarchien und -konstellationen, Religionsgebundenheit und Harmoniebedürftigkeit traditionell-islamisch geprägter Menschen berücksichtigen. ms

Kizilhan JI: Religion, Kultur und Psychotherapie bei muslimischen Migranten. Psychotherapeut, online publication 27. 06. 2015, DOI 10.1007/s00278–015–0039–2

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dgermer
am Mittwoch, 2. Januar 2019, 20:25

Vorbestimmung alleine?

"Beispielsweise nehmen Muslime im Krankheitsfall oft eine passive Haltung ein, da sie alles als von Gott vorherbestimmt betrachten."
Dieses Vereinfachung der Krankheitseinstellung mag für manche Menschen zutreffen, keineswegs ist das jedoch Teil der muslimischen Kultur, in der sowohl die Vorbestimmung, als auch die Selbstbestimmung vereint werden.Beispielsweise nehmen Muslime im Krankheitsfall oft eine passive Haltung ein, da sie alles als von Gott vorherbestimmt betrachten. Auch trifft das nicht meine tägliche Praxis, in der ich genauso viele oder wenige Muslime oder Andersgläubige finde, die wenig Krankheitseinsicht haben oder die Krankheit als "vorbestimmt" bezeichnen, vielmehr fand ich muslimische Familien, insbesondere gläubige praktizierende, mit guter Allgemeinbildung, die von anderen Gemeindemitgliedern gesagt bekamen, sie sollten zu einem Imam gehen um eine "Rukiyya" zu machen, also eine Art Geisteraustreibung mit Quranrezitation bestimmter Formeln, die aber stattdessen in eine Psychiatrie kamen und Medikamente und Therapie für ihre psychotische Tochter eingefordert haben.
Auf der anderen Seite, wenn der Islam eher als eine kulturelle Beigabe zu einer traditionellen Einstellung behandelt wurde, die mit Aberglauben (zum Beispiel an das "böse Auge" türkisch "Nazar") und Geisterglauben durchwirkt, wie bei manchen einfacheren Familien, dann wird in der Tat eine Behandlungsbasis schwach, aber das ist kein unterschied zu anderen sozial schwachen Familien. In meiner Erfahrung ist es vielmehr eine Bildungsferne, die zu Problemen führt. Dass dies in Deutschland bei vielen muslimischen Familien der Fall ist, ist wohl eher Koinzidenz, denn Ursache.
Die Verschiebung der psychischen Erkrankung in Schmerzen, häufig in Aufstoßen oder häufiges Rülpsen, in Ohnmachtsanfälle oder "Krämpfe" ist mir auch öfter begegnet.

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