ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Deutsche Pop Art: Innere Landschaft

KUNST + PSYCHE

Deutsche Pop Art: Innere Landschaft

Kraft, Hartmut

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Wir sehen eine weite Ebene mit flachem Horizont, aber der hohe Abstraktionsgrad der Darstellung lässt uns kaum an eine reale Landschaft denken. Eher könnte es sich um die Idee von Landschaft, Weite und Einsamkeit handeln. Der Künstler selber spricht bei seinen Bildern von „inneren Landschaften“. Gerade dieser Aspekt wird auch in dem hier vorliegenden Siebdruck deutlich. Der Titel des Bildes „Im Vorland einer Psychoanalyse“ stößt uns sogar mit der Nase darauf. Was erwartet uns in diesem Innenraum der Seele? Er ist mit zwei würfelförmigen Objekten sehr sparsam möbliert. Frontal schauen wir auf ein Quadrat, dessen vier Quadranten von 1 bis 4 nummeriert sind. In der Zahlensymbolik stellen die Vier wie auch das Quadrat die ganze Welt dar, die wohlgeordnete Welt. Wir sprechen von den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft, von den vier Himmelsrichtungen – und in der Schweiz sagt man, zu einem glückseligen Leben gehörten vier Dinge: Ein gnädiger Gott, ein gesunder Leib, ein frommes Weib und ein seliger Tod.

Das Auffällige an diesem sorgsam konstruierten Kubus (oder sollten wir sagen: Leben) ist aber sein Schatten. Die geordnete Vierer-Welt geht aus dem Leim, ihr Schatten ist in Fluss gekommen, hat eine organisch anmutende Form angenommen. Hier passt etwas nicht mehr zueinander. Weit entfernt, nahe dem Horizont, befindet sich ein zweiter Kubus, der mit dem Begriff „Medium“ beschriftet ist. Er ist farblich zurückgenommen, ohne Schatten und mehr eine Ahnung als ein klar konturiertes Objekt. Befinden wir uns im „Vorland“, im Vorfeld einer Psychoanalyse, wo eine Welt sich aufzulösen droht und nach einem Gegenüber, nach einem Medium, einem Vermittler auf dem Weg ins Ungewisse gesucht wird?

Wenn man etwas über den Menschen Hans Jürgen Kleinhammes erfährt oder Texte des Künstlers über seine Bilder liest, tritt einem das Bild eines Menschen mit zahlreichen Problemen entgegen. Da ist von Provokation die Rede, von Isolation und von den Schwierigkeiten, verstanden zu werden. Die Texte des Künstlers weisen ein hohes Abstraktionsniveau auf und entsprechen einer Theorieverliebtheit, wie sie in den 60er und 70er Jahren häufiger anzutreffen war und heutzutage eher arg strapaziert und blutleer wirkt. Kurzum: Das uns vorliegende Bild und die Zusatzinformationen legen die Hypothese nahe, dass der Künstler sich psychotherapeutische Hilfe gesucht haben könnte. Tatsächlich änderte sich auch sein Stil um das Jahr 1974, weniger starr werden seine Malweise und seine Bilder ab 1976. Dabei bleibt er aber seinem Thema „Neue Landschaft“ treu. Hiermit ist er bekannt geworden in der deutschen Nachkriegskunst, in der Zeit der deutschen Variante der Pop Art. Kleinhammes hat wesentlich daran mitgearbeitet, das in Misskredit geratene Thema „Landschaft“ ganz neu zu gestalten. Es galt als verstaubt und war durch die Blut-und- Boden-Ideologie des Nationalsozialismus kaum noch als Bildthema präsent. Künstler wie Peter Brüning, Werner Knaupp, Jens Lausen, Werner Nöfer, Gerhard Richter und in vorderster Reihe auch Hans Jürgen Kleinhammes haben uns einen neuen Blick auf das uralte Thema Landschaft eröffnet.

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Prof. Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Hans Jürgen Kleinhammes

Geboren 1937 in Augsburg. 1959–1961 Akademie der Bildenden Künste in Dresden, 1961–1965 Staatliche Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg. 1966 Stipendium „Cité Internationale des Arts“ in Paris. Ab 1964 stark abstrahierte Bilder mit dem Titel „Neue Landschaft“ oder auch „Metaphysische Landschaft“. 1968 Mitbegründer der Kunst-Cooperative Co-OP in Hamburg, zusammen mit Werner Nöfer, Wolfgang Oppermann und anderen. 1971 Lehrauftrag an der Kunstakademie München. Gestorben 2008 in Augsburg.

1.
Betz O: Die geheimnisvolle Welt der Zahlen – Mythologie und Symbolik. München: Kösel 1999.
2.
Landschaft, Landschaft. Beiträge zur Landschaftsdarstellung der letzten Jahre. Katalog Kunstverein Celle und andere, Celle 1971.
3.
Spielmann H: Hans Jürgen Kleinhammes. Hamburger Künstlermonographien. Hamburg: Verlag Hans Christians 1979.
1.Betz O: Die geheimnisvolle Welt der Zahlen – Mythologie und Symbolik. München: Kösel 1999.
2.Landschaft, Landschaft. Beiträge zur Landschaftsdarstellung der letzten Jahre. Katalog Kunstverein Celle und andere, Celle 1971.
3.Spielmann H: Hans Jürgen Kleinhammes. Hamburger Künstlermonographien. Hamburg: Verlag Hans Christians 1979.

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