ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Körperpsychotherapie: Unentbehrlich für Forscher und Praktiker

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Körperpsychotherapie: Unentbehrlich für Forscher und Praktiker

Moser, Tilmann

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„Das episodische Gedächtnis ist das Gedächtnis der Lebenserfahrungen. Es beinhaltet auch diejenigen Erfahrungen, die aufgrund von Abwehrvorgängen dem Bewusstsein nicht zugänglich sind. Das epische Gedächtnis ist aber nicht körperlos, da seine Erfahrungen in sinnliche Erfahrungen und Interaktionen eingebettet sind. [. . .] Manchmal sind Gedächtnisinhalte ausschließlich an einer körperlichen Reaktion abzulesen.“

Aus den letzten beiden Sätzen sind im Grunde der Ursprung der meisten neuen und für die Psychoanalyse noch umstrittenen körpertherapeutischen Verfahren hervorgegangen. Geuter hatte schon eine solide Identität in diesen Theorien und Praktiken, als er sich aus einem Mangelgefühl heraus noch eine psychoanalytische Ausbildung aneignete. Dennoch kann er bedauerlicherweise schreiben: „Ich glaube, dass es heute aber an der Zeit ist, die Körperpsychotherapie von einer zu engen Anbindung an die Psychoanalyse zu lösen.“ Entsprechend karg ist die Rolle, die er der psychoanalytischen Leibtherapie zuweist (eine einzige Erwähnung in der gigantischen Bibliografie).

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Zentral sind für ihn die Formen der humanistischen Therapie geworden. Dabei gelten für Psychoanalyse wie für die explodierenden humanistischen Verfahren, dass sie einseitig ausgeübt oft zu kurzgreifen: Der Psychoanalyse fehlt die Vertrautheit mit dem realen, symbolischen und berührbaren Körper, manchen humanistischen Techniken der Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung. So kommt es, dass manche gegenseitigen Vorurteile daher stammen, dass beide vor allem die „Opfer“ der „Konkurrenz“, die hoffentlich immer weniger wird, zu sehen kriegen. Trotzdem plädiert er für eine zunehmende Integration.

Die gemeinsame Basis bleibt der Satz: „Dem Säugling steht als Mittel der Kommunikation nur der körperliche Ausdruck zur Verfügung. Indem er sich über Berührung, Stimme und Ausdrucksbegegnungen mit anderen austauscht, entsteht dialogisch sein inneres Leben.“ Die Psychoanalyse kommt mit ihrer „Sprachkur“ erst voll zum Zug, wenn die Affekte verbalisierbar geworden sind. Trotzdem lässt sich sagen, dass die frühere Rivalität praktisch fruchtbar zu werden beginnt.

Geuters Buch ist die bedeutendste Fundgrube für die historische und aktuelle Entwicklung der Körperpsychotherapie. Seine immensen Theoriekenntnisse sind unterfüttert mit Fallbeispielen und sie werden immer wieder hilfreich unterbrochen durch kleine Kapitel mit der Überschrift „Anwendung“ oder „Interaktionsbeispiele“. Das umfangreiche Buch wird als Kompendium für alle Forscher und Praktiker unentbehrlich werden. Tilmann Moser

Ulfried Geuter: Körperpsychotherapie. Springer, Berlin 2015, 379 Seiten, gebunden, 49,99 Euro

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