ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2015Psychotherapie: Auseinandersetzung mit der Identität des Mannes

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Psychotherapie: Auseinandersetzung mit der Identität des Mannes

Behrens, Stefan

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Der Weg in die Psychotherapie ist nach wie vor noch häufig schambesetzt und für viele mit Stigmatisierung verbunden. Noch immer fällt es gerade Männern schwer, sich über den subjektiven Leidensdruck hinaus der eigenen Emotionalität zu öffnen und sich auf die Suche nach dem auch empfindsamen Selbst zu begeben. Dabei stellt die Auseinandersetzung mit der vermeintlich einschlägigen und über Generationen hinweg verzerrten Identität des Mannes nicht nur für Ratsuchende, sondern auch für den oder die Aufgesuchte/n ein mitunter schwieriges Unterfangen dar.

Die Suche nach „Zugangswegen zur Männerseele“, wie Andreas Schick sein Buch untertitelt, ist ein umfangreicher, doch auf wenigen Seiten komprimierter Erfahrungsaustausch über das Männerprojekt von Walter Mauckner, an dem der Autor selbst vor elf Jahren teilgenommen hat und seitdem co-therapeutisch begleitet. Dabei werden kulturgeschichtlich jahrtausendalte Riten quasi neu belebt und in eine moderne psychotherapeutische Form gegossen, der initiatisch-phänomenologischen Männerarbeit. Archaischen Tötungs-, Opferungs- oder (Selbst-)Verletzungsbräuchen enthoben und für das 21. Jahrhundert aufgearbeitet, bezieht sich das initiatische „Stirb und Werde“ (Mauckner) vielmehr auf einen langwierigen Entwicklungsprozess der schmerzhaften Bewusstwerdung der quasi-männlichen Distanz zur Emotionalität. Rituale gehören jedoch weiterhin zu diesem Prozess, wenn auch mittels Aufmerksamkeitsübungen um die Wahrnehmung der phänomenologisch bedeutsamen Wirklichkeit des Augenblicks.

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Den Rahmen für die Umsetzung dessen gibt die vom Autor beschriebene „Heldenreise des Mannes“, die schamanische oder religiöse Erlebnismöglichkeiten bieten soll und auf einem mythologisierten Archetypenkonzept basiert. Den wohl größten Teil des Buches nehmen die Erläuterungen eben dieser Archetypen, wie zum Beispiel „Vater“, „Krieger“ oder „Liebhaber“, ein, die eine spezifische Qualität des Selbst- und Emotionsanteils bedeuten und schließlich erlebbar machen sollen.

Dass die bisherige Fachliteratur zu diesem Themenkomplex noch immer milde gesagt „überschaubar“ ist, lässt sich bereits an der relativ kurzen Literaturliste zu diesem Buch erkennen. Weniges hiervon und sonst Bücher darüber hinaus lassen sich mehr der Populärwissenschaft zuordnen.

Im Allgemeinen liest sich „Selbsterfahrung Mann“ durchaus anregend. Die mehr als häufigen wörtlichen Zitate Mauckners lassen zwar eher das Bild eines guten Interviews als einer kritischen und damit wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik entstehen, aber Schick hat so einen wichtigen Schritt in der psychotherapeutischen Männerarbeit getan. Stefan Behrens

Andreas Schick: Selbsterfahrung Mann. Springer, Berlin 2015, 126 Seiten, gebunden, 29,99 Euro

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