BÜCHER

Reproduktionsmedizin: Individuelle Lösungswege, ähnliche Fragen

PP 14, Ausgabe September 2015, Seite 428

Kattermann, Vera

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Etwa fünf Millionen Kinder wurden 2012 weltweit durch In-vitro-Fertilisation und ICSI (Spermieninjektion) gezeugt, und die Tendenz ist weiter steigend. Die technischen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin erlauben ein immer weiteres Spektrum alternativer Arten der Familiengründung. Ist es in diesem Zusammenhang schon gesellschaftlich akzeptiert, dass auch Frauen ohne Partner die Entscheidung treffen, Mutter zu werden? Die in der Postmoderne mögliche Entkopplung von Partnerschaft und Elternschaft ist für viele Singlefrauen mit Kinderwunsch eine befreiende Erkenntnis. So ermöglichen Samenbanken, private Samenspender, aber auch Adoption und Pflegschaft Wege zur „Single-Mutterschaft“. Höchste Zeit also, dass sich öffentliche Debatte und insbesondere auch Psychotherapeuten mit diesen neuen Familienformen auseinandersetzen. Im praktischen Alltag werden sie auch immer häufiger von Patientinnen angesprochen.

Der Sammelband von Anya Steiner hat 16 Erzählungen von Frauen zusammengetragen, die ihren eigenen Weg in der Auseinandersetzung mit ihrem Kinderwunsch gegangen sind und heute in sehr unterschiedlichen Lebens- und Familienkonstellationen leben. So unterschiedlich ihre individuellen Lösungswege aussehen, so ähnlich sind aber auch Fragen wie etwa die, ob der Vater anonym bleiben oder für das Kind präsent sein sollte, wie offen die Entstehungsgeschichte des Kindes thematisiert werden kann und welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten. Diese Fragen werden im Band nicht nur von den Frauen angesprochen, sondern ergänzt durch Expertenbefragungen. So ist es ein unaufgeregt-informatives Buch für die öffentliche Debatte und es ist zudem spannend zu lesen – nicht zuletzt deswegen, weil die Autorin auch aus eigener Perspektive als „Single-Mutter“ berichtet.

Der Spagat, zugleich sachlich differenziert und sehr persönlich zu informieren, ist weitgehend gelungen. Dabei fällt allerdings auf, wie die im Buch versammelten Stimmen ein demonstratives Selbstbewusstsein an den Tag legen, das sich sehr bewusst gegen öffentliche Vorbehalte in Position zu bringen scheint. Mal zaghafter, mal forscher bekennen sich alle befragten Frauen offensiv dazu, ihren Lebenstraum unter teilweise hohen finanziellen und organisatorischen Opfern umgesetzt zu haben – quasi ohne Rücksicht auf Verluste. Wäre demgegenüber auch danach zu fragen, was die Berichte der Frauen wohl verschweigen? Ambivalenz und Zweifel an der eigenen Entscheidung werden nicht geäußert. Mögliche innere Konflikte zu thematisieren, scheint unter den Augen einer kritischen Öffentlichkeit offenbar noch viel zu gefährlich. Auch die ethischen Aspekte der Entscheidung, insbesondere auch die „Nebenschauplätze“ der Reproduktionsmedizin (etwa die Vernichtung der nicht eingepflanzten Föten), stehen für die meisten Frauen im Band nicht zur Disposition.

Insofern ist es ein notwendiges Buch für dieses hoch kontroverse gesellschaftliche Themenfeld, das aber eher den Auftakt für eine eingehendere Auseinandersetzung bildet. Vera Kattermann

Anya Steiner: Mutter, Spender, Kind. Ch. Links, Berlin 2015, 224 Seiten, kartoniert, 18 Euro

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