ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2015Lebensraum für Menschen mit Demenz: „So viel Normalität wie möglich“

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Lebensraum für Menschen mit Demenz: „So viel Normalität wie möglich“

Klinkhammer, Gisela

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Besuch in einer Wohnanlage, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Demenzkranken ausgerichtet ist.

Zwei Bewohnerinnen der Wohnanlage in Tönebön am See genießen die Mittagssonne. Fotos: Jan Haas/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt
Zwei Bewohnerinnen der Wohnanlage in Tönebön am See genießen die Mittagssonne. Fotos: Jan Haas/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Günther P. dreht Runden ohne Unterlass. Man sieht ihm an, dass er angespannt und erregt ist. Der Grund für seine Aufregung: Günther P. ist verliebt. Doch seine Liebe wird nicht erwidert. Zumindest heute braucht die 50-jährige Silke S. Abstand und sitzt lieber mit anderen Bewohnern auf der Terrasse. Günther P. und Silke S. leben in Tönebön am See, in der Nähe von Hameln, in einer Wohnanlage, die unter der Bezeichnung „Deutschlands erstes Demenzdorf“ bekannt geworden ist. Doch das hört Qualitätsmanagerin Kerstin Stammel nicht so gern: „Den Begriff hat uns die Presse angedichtet. Ich würde unsere Anlage lieber als Lebensraum für Menschen mit Demenz bezeichnen.“

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„Silke S. könnte man doch auch für eine Mitarbeiterin halten,“ meint Stammel. Das sei bereits häufiger vorgekommen. Und man habe sie gefragt, warum sie denn nicht arbeite. Rein äußerlich sieht man der ehemaligen Flugbegleiterin tatsächlich nicht an, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Zu Hause in ihrer „normalen Umgebung“ hätte man jedoch zunehmend irritiert reagiert, wenn sie ohne Schlüssel aus dem Haus gelangen würde und nicht mehr zurückgefunden hätte. Hier, in Tönebön am See, kann das nicht passieren.

Bildergalerie

Die im März 2014 eröffnete stationäre Pflegeeinrichtung der Julius Tönebön Stiftung ist eine großzügig konzipierte Wohnanlage, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Demenzkranken ausgerichtet wurde. Vier ebenerdige Häuser gruppieren sich um einen sogenannten Garten der Sinne. Jede Hausgemeinschaft gliedert sich in einen großen Wohn- und Küchenbereich mit 13 Einzelzimmern auf. „Pflegebedürftige Senioren mit Demenz, zusätzlichem Betreuungsbedarf beziehungsweise gerontopsychiatrischen Erkrankungen leben so in familienähnlichen, überschaubaren Gemeinschaften im Sinne eines Alltagslebens zusammen. Jedes Haus ist baulich darauf ausgerichtet, gemeinsam die Tage zu gestalten, in deren Rahmen so viel Normalität wie möglich stattfindet“, heißt es in der Projektbeschreibung.

Zentrales Element jeder Hausgemeinschaft ist das Wohnzimmer mit der offenen Wohnküche. In der jeweiligen Hausgemeinschaft werden täglich individuell die Mahlzeiten zubereitet. Herzstück der Anlage ist „Töneböns Minimarkt“. Alles, was in den Hausgemeinschaften zubereitet und verspeist wird, kaufen die Bewohner mit ihren Alltagsgestaltern in dem kleinen Tante-Emma-Laden ein. „Es ist also nicht, wie uns oft vorgeworfen wird, ein reiner Scheinladen, sondern es ist ein richtiges Geschäft. Auch Besucher und Mitarbeiter können zu den Öffnungszeiten dort einkaufen“, sagt Stammel. „Einkaufen gehört mit zum Leben. Aber gehen Sie mit den Bewohnern hier in Hameln mal in einen der großen Supermärkte. Das bedeutet für sie Stress pur“, erläutert die Qualitätsmanagerin.

Gemeinsam Walken – eine der wöchentlichen Aktivitäten
Gemeinsam Walken – eine der wöchentlichen Aktivitäten

Jede Mahlzeit wird dann in den jeweiligen Küchen frisch zubereitet. Der Speiseplan wird von den Gruppen selbst erstellt. In der „Villa am See“ gibt es heute Bratwurst und Kartoffelsalat. Obwohl es bereits Nachmittag ist, wurde der Abwasch noch nicht erledigt. Und auch das ist Kerstin Stammel zufolge durchaus Teil des Konzepts. „Es ist für die Bewohner viel wichtiger, das Leben zu genießen und nicht ständig eingeschränkt zu werden, wie es die Außenwelt einfach tut.“ Im klassischen Altenheim würden die Pfleger bestimmen, „wo es langgeht“. In Tönebön dagegen würden die Alltagsbegleiter gemeinsam mit den Bewohnern den Tagesablauf gestalten.

Der Garten ist ebenerdig für alle Bewohner zu erreichen. Herzstück des Gartens ist der zur Terrasse des Cafés hin angelegte Dorfplatz. Die Häuser mit den Namen Villa Reiterhof, Villa am See, Villa Hastebach und Villa Ziegelhof sind mittels großer Fensterflächen lichtdurchflutet und individuell farblich gestaltet. Die Farbgestaltung orientiert sich an den Bedürfnissen älterer Menschen, die satte, warme und leuchtende Farben besser erkennen können und in der Regel als angenehm empfinden. Für dieses besondere Konzept müssen Demenzkranke allerdings etwas tiefer in die Tasche greifen als bei anderen Heimen. So betragen die Investitionskosten 20,65 Euro am Tag. Stammel begrüßt grundsätzlich das zweite Pflegestärkungsgesetz, das zu finanziellen Entlastungen bei der Unterbringung von Demenzkranken führen soll, befürchtet aber, dass dies zu weiterem bürokratischen Aufwand führen könnte (Kasten Zweites Pflegestärkungsgesetz).

Die Wohnzimmer sind farblich individuell gestaltet. Ältere Menschen lieben satte und hell leuchtende Farben.
Die Wohnzimmer sind farblich individuell gestaltet. Ältere Menschen lieben satte und hell leuchtende Farben.

Die gesamte Anlage befindet sich innerhalb eines geschützten Gebietes, so dass es nur einen Ein- und Ausgang gibt. Ein Maschendrahtzaun sorgt dafür, dass die Bewohner das Gelände nicht verlassen können. Doch genau dieser Zaun ist für viele Kritiker ein Stein des Anstoßes. Die nordrhein-westfälische Ge­sund­heits­mi­nis­terin Barbara Steffens sieht in dem Zaun sogar einen Verstoß gegen das Inklusionsgebot: „Wir haben mit der UN-Behindertenrechtskonvention einen klaren Auftrag in Deutschland, und die Demenz ist genauso eine Behinderung.“ Von daher gebe es keine Legitimation, „um die Menschen auszusortieren“.

Kerstin Stammel hat das Konzept für die Einrichtung mitentwickelt und arbeitet für den Betreiber als Qualitätsmanagerin.
Kerstin Stammel hat das Konzept für die Einrichtung mitentwickelt und arbeitet für den Betreiber als Qualitätsmanagerin.

Kerstin Stammel kann diese Aufregung nicht verstehen. Ihrer Ansicht nach gewährt der Zaun ja gerade Freiheit. Mit der Bundesstraße in unmittelbarer Nähe und den häufig großen Orientierungsproblemen der Menschen mit Demenz diene der Zaun lediglich ihrem Schutz, betont die Qualitätsmanagerin. Innerhalb des Zauns könne sich jeder komplett frei bewegen. Aber vor kurzem sei sie von einer japanischen Journalistin sogar gefragt worden: „Ist da Strom drin?“ Nicht nur bei den Mitarbeitern des „Demenzdorfes“ stößt die Kritik auf Unverständnis. Auch die Angehörigen der Bewohner begrüßen die Freiheit, die den Menschen mit Demenz auf diese Weise gewährt wird. Die Zusammenarbeit mit den Hausärzten klappe sehr gut, bei Bedarf stehe ein Neurologe zur Verfügung, der „voll hinter unserem Konzept steht“, ergänzt Stammel.

Das sogenannte Demenzdorf mit vier ebenerdigen Häusern gruppiert sich um einen Garten der Sinne.
Das sogenannte Demenzdorf mit vier ebenerdigen Häusern gruppiert sich um einen Garten der Sinne.

Und wie werden die Bewohner gefördert? Die wichtigste Förderung besteht nach Stammels Ansicht darin, ihnen so viel Selbstständigkeit wie möglich zu geben. Die Alltagsbegleiter für geriatrische Pflege und Betreuung, die in Tönebön treffend Alltagsgestalter genannt werden, beziehen die Bewohner soweit es geht in die Haushaltstätigkeit, wie Kochen, Einkaufen, Tisch decken und Abwaschen mit ein. „Jeder tut dabei, was er kann, was seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Selbstorientierung, Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung sind die Werte der Hausgemeinschaft“, heißt es in der Projektbeschreibung. Besonderer Wert wird auch auf die sogenannte Biografiearbeit gelegt. „Wir geben den Angehörigen Bögen mit, in denen sie so viele Informationen wie möglich eintragen sollen. Das sind beispielsweise Rituale bei der Körperpflege, aber auch kleine Macken, wie sie jeder von uns hat, die aber für uns wichtig sind, weil man die Bewohner damit in bestimmten Situationen einfangen kann“, so Stammel. Die Alltagsbegleiterinnen würden diese „Lebensbücher“ später fortführen und ergänzen.

Bewohner beim Plausch im Garten
Bewohner beim Plausch im Garten

Die Alltagsbegleiterinnen nehmen außerdem an den zahlreichen Aktivitäten teil, die jeden Tag geboten werden – Singen, Spazieren gehen, Bingo, Gartenarbeit und seit kurzem einmal wöchentlich ein Frühschoppen als besonderes Angebot für die Männer. Jetzt steht erst einmal Walken auf dem Programm. Unterbrochen von kleinen Gehirnjogging- und Koordinationsübungen gehen zwölf Bewohner mit Übungsleiter Oswin Kurzhagen und einer Alltagsbegleiterin um den See. Da ist auch Günther P. dabei.

Die Zahl der Demenzkranken steigt kontinuierlich an. In Deutschland leben gegenwärtig etwa 1,5 Millionen Demenzkranke; zwei Drittel von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen (Kasten Demenzerkrankungen). Die Anlage in Tönebön am See könnte eine neue Wohnform für Betroffene sein. Die Nachfrage nach alternativen Modellen der Betreuung bei Demenz ist groß. Wobei das Modell in Tönebön am See nicht neu ist. Vorbild ist das niederländische „Demenzdorf“ De Hogeweyk. Viele Pflegeheime und Residenzen haben seit Jahren deutschlandweit Wohngruppen mit Demenz integriert, die nach demselben Betreuungskonzept funktionieren. Außerdem gibt es immer mehr Demenz-Wohngemeinschaften.

Gisela Klinkhammer

@Eine Bildergalerie im Internet:
www.aerzteblatt.de/galerie/124

zweites pflegestärkungsgesetz

Das Bundeskabinett hat Mitte August den Entwurf des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes (PSG II) beschlossen. Mit diesem Gesetz soll der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und damit ein neues Begutachtungsverfahren für die Feststellung einer Pflegebedürftigkeit in die Praxis umgesetzt werden. Damit soll eine Umstellung der Leistungsbeträge der Pflegeversicherung ab dem 1. Januar 2017 einhergehen. „Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff wird jetzt endlich Wirklichkeit“, erklärte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU).

Künftig soll der Grad der Selbstständigkeit
erfasst werden. Konkret sollen die heute gebräuchlichen drei Pflegestufen in fünf Pflegegrade umgeändert werden. Ziel ist es dabei, die psychischen Beeinträchtigungen der Pflegebedürftigen ebenso zu erfassen und bei den Leistungsbeträgen zu berücksichtigen wie die körperlichen. Zudem soll nicht mehr der Grad der Beeinträchtigung, sondern der Grad der Selbstständigkeit erfasst und zu einer Gesamtbewertung zusammengeführt werden. Geprüft werden dabei die Bereiche Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen sowie die Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte.

Gröhe betonte, dass die Unterstützung demnächst früher ansetzen werde als heute. So sollen künftig im Pflegegrad eins Menschen eingestuft werden, die noch keinen erheblichen Unterstützungsbedarf haben, aber zum Beispiel eine Anpassung ihres Wohnumfeldes oder Leistungen der allgemeinen Betreuung benötigen. Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz soll auch der Eigenanteil entfallen, den Pflegebedürftige heute bei der Einstufung in eine höhere Pflegestufe zahlen müssen. Und pflegende Angehörige sollen in der Renten- und Arbeitslosenversicherung besser abgesichert werden. Gemäß PSG II müssen darüber hinaus Pflegeeinrichtungen den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff zum Anlass nehmen, die Personalausstattung zu überprüfen und an den Bedarf anzupassen. fos

Demenzerkrankungen

In Deutschland leben gegenwärtig etwa 1,5 Millionen Demenzkranke; zwei Drittel von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Jahr für Jahr treten mehr als 300 000 Neuerkrankungen auf. Infolge der demografischen Veränderungen kommt es zu weitaus mehr Neuerkrankungen als zu Sterbefällen unter den bereits Erkrankten. Aus diesem Grund nimmt die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich zu. Sofern kein Durchbruch in Prävention und Therapie gelingt, wird sich nach Vorausberechnungen der Bevölkerungsentwicklung die Krankenzahl bis zum Jahr 2050 auf etwa 3 Millionen erhöhen. Dies entspricht einem mittleren Anstieg der Zahl der Erkrankten um 40 000 pro Jahr oder um mehr als 100 pro Tag.

Quelle: Deutsche Alzheimer-Gesellschaft

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