ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2015Interview mit Dr. Leonid Eidelman, Präsident der Israeli Medical Association und Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer: „Das ist ein historisches Ereignis“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. Leonid Eidelman, Präsident der Israeli Medical Association und Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer: „Das ist ein historisches Ereignis“

Dtsch Arztebl 2015; 112(37): A-1448 / B-1224 / C-1196

Korzilius, Heike; Maibach-Nagel, Egbert

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Mit ihrer gemeinsamen Erklärung wollen die Ärzteorganisationen Deutschlands und Israels ein neues Kapitel ihrer Zusammenarbeit aufschlagen. Die Präsidenten über das schwere Erbe der Vergangenheit, wie sich die Welt verändert hat und dass Freundschaft möglich ist.

„Alles hängt von den handelnden Personen ab“: Leonid Eidelman ist seit 2009 Präsident der Israeli Medical Association. Der Anästhesist stammt aus Lettland und lebt mit seiner Familie in Tel Aviv. Fotos: Georg J. Lopata
„Alles hängt von den handelnden Personen ab“: Leonid Eidelman ist seit 2009 Präsident der Israeli Medical Association. Der Anästhesist stammt aus Lettland und lebt mit seiner Familie in Tel Aviv. Fotos: Georg J. Lopata

Vor 50 Jahren haben Israel und Deutschland diplomatische Beziehungen aufgenommen. Erstmals treffen sich jetzt die Vorstände beider Ärztekammern zu einer Sitzung, an deren Ende eine gemeinsame Erklärung steht. Warum zu diesem Zeitpunkt?

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Eidelman: Für mich ist unser Zusammentreffen hier in Berlin ein historisches Ereignis, und die Nürnberger Erklärung hat dafür entscheidend den Weg geebnet. Denn darin hat sich der Deutsche Ärztetag 2012 tiefgründig und glaubwürdig mit den Verbrechen von Ärzten während der Nazizeit auseinandergesetzt und um Verzeihung gebeten. Diese Haltung wird auch unser künftiges Verhältnis prägen.

Im Übrigen glaube ich, dass auch in der Geschichte alles von den handelnden Personen abhängt. Wir treffen uns heute, weil die richtigen Personen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind.

Montgomery: Vielen israelischen Kolleginnen und Kollegen ist es schwergefallen, nach Berlin zu kommen, die frühere Hauptstadt Nazideutschlands. Mit unserer Einladung wollen wir zeigen, dass sich dieses Land gewandelt hat und wie gut wir zusammenarbeiten. Denn das tun wir ja auf persönlicher Ebene schon seit 20 oder 30 Jahren. Das galt schon für unsere Amtsvorgänger Yoram Blachar, Karsten Vilmar und Jörg-Dietrich Hoppe.

Der Ärztetag in Nürnberg – dort fanden ja nicht nur die Ärzteprozesse, sondern auch die Reichsparteitage statt – wollte ein Zeichen setzen. Wir wollten unseren israelischen Freunden zeigen, dass wir Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen und sie als Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft sehen.

Warum haben sich die Ärzte in Deutschland und deren Organisationen so schwer getan, sich dieser dunklen Vergangenheit zu stellen?

Montgomery: Das ist eine schwierige Frage. Die Verbrechen und Grausamkeiten, die Ärzte begangen haben, waren so unvorstellbar, dass sicherlich viele davor die Augen verschlossen haben. Die deutsche Ärzteschaft hat erst Ende der 1980er Jahre ernsthaft begonnen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, ein Prozess, der bis heute andauert. Offenbar fällt erst der jüngeren Ärztegeneration die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit leichter.

Warum ist die Nürnberger Erklärung so wichtig?

Eidelman: Unsere Beziehung wurzelt in einer extrem schwierigen gemeinsamen Geschichte, und obwohl sie Vergangenheit ist, ist sie für uns immer noch Allgegenwärtig. Wir brauchen die historische Perspektive, auch wenn wir auf aktuelle Entwicklungen schauen.

Wir sehen aber auch, dass sich die Welt verändert hat. Und sie hat sich durch das Tun von Menschen verändert. Denken Sie an die führende Rolle, die die Bundes­ärzte­kammer bei der Revision der Deklaration von Helsinki gespielt hat. Vor 50, 60, 70 Jahren hätte es niemand für möglich gehalten, dass deutsche Ärzte medizin-ethische Standards beeinflussen. Vor diesem Hintergrund war die Nürnberger Erklärung ein entscheidender Schritt. Der Ärztetag hat damit klar gemacht, wo er steht, was geschehen ist und was sich niemals wiederholen darf.

Haben deutsche und israelische Ärzte eine besondere Verantwortung, wenn es um die ärztliche Ethik geht?

Montgomery: Wir haben eine besondere Verantwortung. Die Deklaration von Helsinki ist der Versuch, in Worte zu fassen, was wir aus der Vergangenheit, aus den Nürnberger Ärzteprozessen gelernt haben. Wir haben diese Erfahrungen in ethische Standards gegossen, um zu verhindern, dass sich solche Gräueltaten jemals wiederholen. Es hat uns als Bundes­ärzte­kammer sehr stolz gemacht, dass die internationale Ärzteschaft uns gebeten hat, den Revisionsprozess zu leiten. Ich denke, dass zeigt mehr als alles andere, dass unsere ethischen Prinzipien und die Art und Weise, wie wir in Deutschland Medizin praktizieren, anerkannt wird. Es zeigt außerdem, wie gut wir international zusammenarbeiten.

Wie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten das Bild von Deutschland in Israel verändert?

Eidelman: Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 50 Jahren kam für viele in Israel einer Revolution gleich. Menschen sind vor das Parlament gezogen, drohten damit, es niederzubrennen, weil sie das verhindern wollten. Der erste deutsche Botschafter in Israel hatte als Soldat der Wehrmacht im Krieg eine Hand verloren. Das war ein Schock für die israelische Öffentlichkeit – wenn sich auch herausstellte, dass er einer der besten Botschafter war und viel zur Freundschaft zwischen beiden Ländern beigetragen hat.

Freundschaftlich verbunden: Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, und Leonid Eidelman arbeiten nach eigenem Bekunden auf internationaler Ebene hervorragend zusammen.
Freundschaftlich verbunden: Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, und Leonid Eidelman arbeiten nach eigenem Bekunden auf internationaler Ebene hervorragend zusammen.

Heutzutage hat man sich in Israel an gute Beziehungen zu Deutschland gewöhnt. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht im Fernsehen über das Leben in Deutschland berichtet wird. Und viele Israelis verbringen hier ihren Urlaub.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel hat ja nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft. Welchen Herausforderungen sehen sich Ärzte in beiden Ländern gegenüber?

Montgomery: Es gibt gemeinsame Probleme, die wir in unserer gemeinsamen Vorstandssitzung erörtern wollen. Sowohl hierzulande als auch in Israel gilt der Arztberuf als freier Beruf. Das bedeutet, dass der Arzt nur seinem Patienten verpflichtet ist und sich kein Staat und keine Versicherung in dieses Verhältnis einmischen darf. Wir kämpfen ständig gegen diejenigen an, die das ändern wollen. Das ist in beiden Ländern ähnlich.

Ein weiteres Problem, das uns alle betrifft, ist die Frage, wie wir medizinischen Fortschritt möglichst schnell für unsere Patienten nutzbar machen. Dabei ist vieles möglich, aber nicht alles finanzierbar. Und schließlich droht in beiden Ländern ein Ärztemangel, weil die Ärzte immer älter werden und der Nachwuchs ausbleibt.

Eidelman: In Israel sind tatsächlich viele Verwaltungsstrukturen nach deutschem Muster aufgebaut worden. Der Einfluss deutscher Ärzte auf die Gestaltung des israelischen Gesundheitswesens war enorm. Deshalb haben wir auch ähnliche Probleme und Lösungsansätze.

Wie Monti schon andeutete, ist unser größtes Problem die sich wandelnde Rolle des Arztes in der modernen Gesellschaft. Die Haltung der Bevölkerung und der Politik gegenüber Ärzten hat sich verändert und untergräbt unser Selbstverständnis als freier Beruf. Auch bei uns versucht die Regierung, den Einfluss der Ärzte auf das Gesundheitswesen zu beschneiden, denn deren Forderungen kosten in der Regel Geld.

Die gemeinsame Erklärung der beiden Kammern konzentriert sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern zielt auch auf eine verstärkte Kooperation in der Zukunft. Was schwebt Ihnen vor?

Montgomery: Wir haben noch keine konkreten bilateralen Projekte erarbeitet. Unsere Arbeitsplattform ist zunächst einmal der Weltärztebund, wo wir uns gemeinsam für die Weiterentwicklung hoher medizin-ethischer Standards einsetzen, auch in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung.

Wir arbeiten zusammen daran, dass die Ärzte weltweit ihren Patienten gegenüber eine gewisse Haltung einnehmen, die von ethischen Prinzipien geleitet wird. Das soll zum einen verhindern, dass sich Gräueltaten wie unter dem Naziregime wiederholen. Zum anderen wollen wir denjenigen Ärzten den Rücken stärken, die unter Druck geraten, weil sie sich an das ärztliche Ethos halten.

Eidelman: Wir wollen für eine stabile ethische Haltung sorgen in einer sich immer rascher verändernden Welt.

Das Interview führten Heike Korzilius
und Egbert Maibach-Nagel

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