ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2015Demenz: Weltweit fast zehn Millionen Neuerkrankungen

MEDIZINREPORT

Demenz: Weltweit fast zehn Millionen Neuerkrankungen

Hibbeler, Birgit

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Laut Welt-Alzheimer-Report soll die Zahl der Demenzkranken weltweit dramatisch steigen. Eine aktuelle Studie kommt unterdessen zu der Einschätzung, die Entwicklung könnte sich stabilisieren.

Foto: Fotolia/vege
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Alle drei Sekunden erkrankt ein Mensch an Demenz. Allein im Jahr 2015 ist weltweit mit 9,9 Millionen Neuerkrankungen zu rechnen. Das ist die Prognose des neuen Welt-Alzheimer-Reports. Der von der Dachorganisation „Alzheimer‘s Disease International“, London, herausgegebene Bericht, hat aktuelle Erkenntnisse zur Epidemiologie zusammengestellt. Demnach leiden derzeit weltweit 46,8 Millionen Menschen an einer Demenz. Bis 2030 wird die Zahl auf 74,7 Millionen steigen und bis 2050 auf 131,5 Millionen. Die meisten Demenzkranken leben dem Report zufolge derzeit in Ostasien, Westeuropa, Südasien und Nordamerika.

Die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein, sprach von „alarmierenden Zahlen und Fakten“. „Die ärmeren Länder müssen beim Ausbau ihrer Gesundheitssysteme mit Wissen und finanziellen Mitteln unterstützt werden.“ Darüber hinaus forderte sie einen „Nationalen Aktionsplan Demenz“ für Deutschland. Neue Zahlen für Deutschland enthält der Report nicht. Aber auch hierzulande wird für die kommenden Jahre mit steigenden Erkrankungszahlen gerechnet (Kasten).

Ob die vorliegenden Prognosen tatsächlich zutreffend sind, gilt allerdings keineswegs als gesichert. Die Auswertung von fünf Kohortenstudien in Lancet Neurology (2015; doi: 10.1016/S1474-4422 (15)00092-7) deutet für Europa sogar einen Rückgang an. Die Autoren führen dies auf die erfolgreiche Vermeidung von kardiovaskulären Risikofaktoren zurück.

Tatsächlich spielt die Athero-sklerose bei der Demenz eine wichtige Rolle. Zwar ist die Alzheimererkrankung nach jetzigem Kenntnisstand die häufigste Form der Demenz, danach folgen aber die vaskuläre Demenz und Mischformen. Differenzialdiagnostisch sind zudem die frontotemporale Demenz, eine Demenz bei Parkinson und die Lewy-Körperchen-Demenz in Betracht zu ziehen. Darüber hinaus können auch andere Grunderkrankungen zu einer Demenz führen.

Eine kausale Demenztherapie gibt es nicht. Gegenstand der Forschung sind unter anderem Antikörper, die den Morbus Alzheimer aufhalten sollen, indem sie krankheitsassoziierte Amyloide aus dem Gehirn entfernen. Dass damit der Durchbruch gelingt, kann man jedoch bezweifeln, wie eine in JAMA Neurology veröffentlichte Studie nahelegt (2015; doi: 10.1001/jama neurol.2015.1721). Ein Viertel der Patienten mit der klinischen Diagnose leichte bis mittlere Alzheimerdemenz hatten keine oder kaum Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Bei Patienten ohne den genetischen Risikofaktor APOE4 lag der Anteil sogar bei 37 Prozent. Postmortal wurde jedoch fast bei der Hälfte dieser Patienten eine ausgedehnte neurofibrilläre Degeneration gefunden, die als weiteres Kennzeichen der Alzheimererkrankung gilt.

Demenzen sind ein komplexes Geschehen. Orientierung liefert die überarbeitete S3-Leitlinie Demenz, die federführend von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde erstellt wird. Die neue Leitlinie soll bis Ende September vorliegen.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Der Welt-Alzheimer-Report im Internet: www.aerzteblatt.de/151470

Epidemiologie

In Deutschland leben derzeit etwa 1,5 Millionen Demenzkranke. Prognosen zufolge soll ihre Zahl bis 2050 auf drei Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt. In etwa zwei Drittel der Fälle handelt es sich um eine Demenz vom Typ Alzheimer.

Eine zentrale Rolle bei der Demenz spielt das Alter. Zwei Drittel der Erkrankten sind 80 Jahre oder älter. Etwa 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Hauptgrund dafür ist die höhere Lebenserwartung. Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft

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