ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2015Körperbilder: Louise Bourgeois (1911–2010) – Spiel mit Geschlechterrollen

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Körperbilder: Louise Bourgeois (1911–2010) – Spiel mit Geschlechterrollen

Schuchart, Sabine

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Auf ein bemerkenswertes Phänomen der westlichen Kunst, das seit den 1980er Jahren zu beobachten ist, macht eine Ausstellung mit dem eher verwirrenden Titel „Avatar und Atavismus. Outside der Avantgarde“ aufmerksam: das überraschende Auftauchen von fragmentierten menschlichen Körpern, von Händen, Köpfen und anderen Körperteilen, von Archetypen und animistischen Erscheinungen in den Œuvres namhafter Künstler, die sich damit auch gegen die Abstraktion und Konzeptualität der Moderne wenden. Zu den Protagonisten dieser Entwicklung gehörte die französisch-amerikanische Jahrhundertkünstlerin Louise Bourgeois mit ihrem vielgestaltigen, psychologisch tiefgründigen Werk.

Im hohen Alter von 93 Jahren schuf sie noch eigenhändig die kleine Stoffskulptur „Femme“, deren aufs Äußerste reduzierter Leib nur aus Brüsten und Genital zu bestehen scheint. Das Lebensthema ihrer Kunst hatte die 1911 in Paris geborene und seit 1938 mit einem US-Kunsthistoriker in New York verheiratete Bildhauerin früh entdeckt und bis in ihr Spätwerk eindrucksvoll immer weiter verdichtet: die seelischen Konflikte und Traumata ihrer Kindheit mit dem libertinösen Vater und der früh erkrankten Mutter, die Rolle der Frau und ihr ambivalentes Verhältnis zum Körper, Mutterschaft, Sexualität, Verletzung und Gewalt. In bigeschlechtlichen, kissenartigen Fetischobjekten wie „Femme“ lud sie minimalistische Körper durch sexuelle Assoziationen suggestiv auf. Ihre Vorliebe für textile Materialien war kein Zufall: Ihre Eltern betrieben eine Restaurierungswerkstatt für alte Tapisserien, in der die kleine Louise schon mit acht Jahren beim Ausbessern und beim Zeichnen von Vorlagen für fehlende Bildelemente half.

Als 1982/83 mit der Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art ihr längst überfälliger künstlerischer Durchbruch begann, war Louise Bourgeois bereits 71 Jahre alt und hatte erstmals ein eigenes Atelier bezogen. Ihre Teilnahmen 1992 an der Documenta IX und 1993 an der Biennale in Venedig besiegelten dann endgültig ihren Weltruhm. Es war ihr vergönnt, bis zu ihrem Tod mit 98 Jahren wach und unbeeindruckt von den überschwänglichen Ehrungen der beiden letzten Lebensjahrzehnte arbeiten zu können. Ihr ebenso schöner wie klarsichtiger Kommentar dazu: „Der Erfolg konnte mich nicht umbringen, weil er so spät kam.“ Sabine Schuchart

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Ausstellung
„Avatar und Atavismus. Outside der Avantgarde“

Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, Düsseldorf; www.kunsthalle-duessel dorf.de;

Di.–So. 11–18 Uhr;

bis 8. November 2015

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