ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2015Bürokratie: Mehr Zeit für Behandlung möglich

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Bürokratie: Mehr Zeit für Behandlung möglich

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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Ärztinnen und Ärzte stöhnen nicht grundlos über zu viel Bürokratie. Rund 100 Tage im Jahr brauchen sie, um einer Unmenge von Informations- und Dokumentationspflichten nachzukommen. Das hat der Nationale Normenkontrollrat in einer aufwendigen Studie herausgearbeitet.

Weiß, rosa, gelb – egal welche Farbe, Formulare sind häufig eine Belastung. Foto: Georg J. Lopata
Weiß, rosa, gelb – egal welche Farbe, Formulare sind häufig eine Belastung. Foto: Georg J. Lopata

Auf gigantische 4,33 Milliarden Euro pro Jahr beziffert das Statistische Bundesamt die Bürokratiekosten im ambulanten Bereich. Das geht aus dem Bericht „Mehr Zeit für Behandlung“ hervor, den das Amt im Auftrag des Nationalen Normenkontrollrates angefertigt hat.

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Insgesamt hat das Statistische Bundesamt 371 verschiedene sogenannte Informationspflichten identifiziert, die ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte erbringen müssen. 298 davon wurden von der vertragsärztlichen Selbstverwaltung erlassen, 33 von der vertragszahnärztlichen Selbstverwaltung und 40 vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Zu diesen Informationspflichten zählen auch Arzneimittelverordnungen, Abrechnungen ärztlicher Leistungen oder Überweisungen. Die 42 aufwendigsten Pflichten summieren sich dem Bericht zufolge auf 95 Prozent des Gesamtaufwandes.

Die Bürokratiekosten errechnen sich zum einen aus der Zeit für die Erledigung einer Informationspflicht, die mit dem „Gehalt“ desjenigen multipliziert wurde, der diese Pflicht erbringt, und zum anderen aus der Anzahl der erbrachten Informationspflichten. Kosten, die ohnehin während einer medizinischen Behandlung anfallen, wurden von diesem Betrag subtrahiert.

In den Bericht flossen unter anderem die Ergebnisse von Interviews mit Vertragsärzten ein. Sie gaben Auskunft über ihre Belastung durch auswählte Vorschriften, darunter gesetzliche Vorschriften, Wünsche der Krankenkassen, Vorgaben einer Kassenärztlichen Vereinigung.

Für die Erbringung der 371 Informationspflichten benötigten Ärzte und ihre Praxismitarbeiterinnen einen Zeitraum von 14 Millionen Tagen pro Jahr, heißt es in dem Bericht. Umgerechnet auf die Anzahl der Praxen sind das 96 Tage pro Jahr. „Pro Praxis ist eine Halbtagskraft also das ganze Jahr über damit beschäftigt, Informationspflichten zu erfüllen“, erklärte Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes, bei der Präsentation des Berichts Ende August in Berlin.

In zwölf Bereichen könnte Bürokratie abgebaut werden

In jeder Arztpraxis werden demnach im Schnitt pro Jahr mehr als 2 800 Überweisungen ausgestellt, 600 Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen und 300 Heilmittelverordnungen. „Dies allein entspricht 16,5 Personentagen pro Jahr“, heißt es im Bericht. Hinzu kommen eine Vielzahl weiterer Verpflichtungen.

In Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Bundeszahnärztekammer und dem GKV-Spitzenverband hat der für den Bürokratieabbau in Deutschland zuständige Normenkontrollrat 20 Handlungsempfehlungen identifiziert, mit denen der bürokratische Aufwand und die Bürokratiekosten in Zukunft gesenkt werden können.

Der stellvertretende Vorsitzende des Normenkontrollrates, Wolf-Michael Catenhusen, bezifferte die Höhe der Bürokratiekosten, die mit diesen Maßnahmen eingespart werden könnten, auf „einen dreistelligen Millionenbereich“.

Den meisten Aufwand und damit indirekt Kosten verursachen nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes jedoch Tätigkeiten, die Ärzte sehr häufig vornehmen, wie die Verordnung von Arzneimitteln oder die Abrechnung ärztlicher Leistungen. Für diese Bereiche habe man sich außerstande gesehen, Vorschläge zum Abbau des bürokratischen Aufwands zu machen. Catenhusen wies indes darauf hin, dass das von der Bundesregierung geplante E-Health-Gesetz eine Chance biete, um Bürokratie mit Hilfe von Informationstechnik abzubauen.

Die Belastung ist real – und nicht nur gefühlt

Zudem erklärte Catenhusen, dass im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) und in der Selbstverwaltung auf Bundesebene der Abbau von Informationspflichten in folgenden Bereich bereits angestoßen sei: bei der Verordnung von Hörhilfen, der Verordnung von häuslicher Krankenpflege, der Dokumentation von zytologischen Untersuchungen (Muster 39), dem Ausfüllen und Archivieren (Muster 30), der Verordnung stationärer Krankenhausbehandlung und der Bestätigung der persönlichen Leistungen und Laborkosten.

„Die Ergebnisse, die dieses großartige Projekt erbracht hat, sind für uns Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten von großer Wichtigkeit“, betonte KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann. „Denn anhand derer können wir zum ersten Mal zeigen, dass es nicht nur eine gefühlte Belastung durch ein Zuviel an Bürokratie gibt. Nein, es gibt sie wirklich.“

Im Rahmen des Projektes sei zudem klar geworden, dass die größte Belastung nicht durch die medizinische Dokumentation oder durch Maßnahmen der Qualitätssicherung entstehe. Qualitätssicherung und Maßnahmen zur Patientensicherheit seien für die Ärzteschaft ein hohes Gut. „Der größte zeitliche Aufwand entsteht in den Bereichen, in denen Kostensteuerung eine große Rolle spielt“, betonte Feldmann. „Hier muss es gelingen, den Fokus wieder stärker auf die Behandlung der Patienten zu richten.“ Vor dem Hintergrund des Hausärztemangels sei es dringend erforderlich, die noch zur Verfügung stehende Arztzeit nicht mit unnötiger Bürokratie verbringen zu müssen.

Auch Feldmann wies auf Maßnahmen zum Bürokratieabbau hin, die bereits angestoßen worden seien: „Wir haben mit dem Abbau der Bürokratie durch die Vereinfachung der Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit durch die Zusammenlegung von Muster 1 und Muster 17 sowie die Vereinheitlichung der Fristen bereits begonnen. Diese Änderung wird zum 1. Januar 2016 wirksam. Bei der Verordnung der medizinischen Rehabilitation soll zukünftig das Muster zur Einleitung, der sogenannte ‚Antrag zum Antrag‘ entfallen.“ Darüber hinaus sei geplant, Vorschläge zur Entbürokratisierung regional zu erproben, um eine stärkere Rückkoppelung mit den Praxen zu ermöglichen.

Die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Dr. Doris Pfeiffer, ergänzte die Auflistung. So werde es künftig ein standardisiertes Formular bei der Beantragung der Arbeitsunfähigkeit nach Entgeltfortzahlung geben. Bislang habe jede Krankenkasse eigene Formulare verwendet. Zudem könne ein Arzt künftig eine medizinische Rehabilitation direkt verordnen, wenn er sich sicher sei, dass die Krankenkasse und nicht die Rentenversicherung zuständig sei.

Kostenschätzungen mit Vorsicht betrachten

Pfeiffer relativierte aber zugleich die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes. „Die Ausstellung einer Überweisung oder eine Arzneimittelverordnung ist keine Informationspflicht“, sagte sie. Insofern müsse die Schätzung der Gesamtbürokratiekosten mit Vorsicht betrachtet werden. Darüber hinaus meinte sie, dass die Abgrenzung zwischen Bürokratiekosten und den Kosten, die ohnehin für eine medizinische Behandlung anfallen, nicht eindeutig zu treffen sei.

Man vergesse leicht, dass Bürokratie, verstanden als hilfreiches Verwaltungsmanagement, unverzichtbar sei, betonte Pfeiffer: „Denn die von Ärzten und Krankenkassen gemeinsam entwickelten Standards und Formulare helfen dabei, Patienten koordiniert und schnell zu versorgen.“ Das schließe aber nicht aus, dass man manchmal übers Ziel hinausschieße.

Catenhusen wies gleichwohl darauf hin, dass der Normenkontrollrat die Umsetzung der identifizierten Maßnahmen kontrollieren wolle. Und er erklärte, dass der stationäre Bereich aus „arbeitstechnischen Gründen“ nicht mit in die Untersuchung aufgenommen worden sei. Dies wäre der nächste Schritt in der Arbeit, Bürokratiebelastung abzubauen.

Falk Osterloh, Sabine Rieser

@Interview zum Thema:
www.aerzteblatt.de/n61425
oder über QR-Code.

WIE MAN BÜROKRATIE ABBAUEN KÖNNTE

Der Normenkontrollrat hat gemeinsam mit den genannten Akteuren des Gesundheitswesens Handlungsempfehlungen zum Bürokratieabbau entwickelt. Sie beziehen sich jedoch größtenteils auf ganz bestimmte Formulare und Details – und sind teilweise schon auf den Weg gebracht.

Kein Wunder: Besonders aufwendige Informationspflichten ergeben sich aus bundesrechtlichen Vorgaben. Dazu zähen die Verschreibungspflicht für Arzneimittel, die Abrechnung nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab und die Übermittlung der Diagnose bei Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen an die Krankenkassen.

Konkret schlägt der Rat Folgendes vor:

  • Muster 55, das die Bescheinigung zum Erreichen der finanziellen Belastungsgrenze bei chronisch Kranken vorsieht, verkürzen und vereinfachen.
  • Muster 4 zur Verordnung von Krankenbeförderung neu gestalten. Es gilt als verwirrend und unübersichtlich.
  • Praxisbegehungen durch unterschiedliche Überwachungsbehörden besser koordinieren.
  • Vordrucke regelmäßig überprüfen – nur so ist sicherzustellen, dass die geforderten Informationen das aktuelle Versorgungsgeschehen tatsächlich abbilden.
  • Ausfüllhilfen über die Praxissoftware entwickeln – vor allem für Vordrucke, die selten benutzt werden.
  • Die elektronische Datenübermittlung prüfen und ausbauen.

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