ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2015Selbstcoaching: Was treibt Sie an – und was blockiert Sie?

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Selbstcoaching: Was treibt Sie an – und was blockiert Sie?

Dtsch Arztebl 2015; 112(37): [2]

Kutscher, Patric P.

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Jeder verfügt über Antreiber, die motivieren, aber auch über Blockaden, die einem immer wieder Steine in den Weg legen. Die Kunst besteht darin, mit einem ganzheitlichen Selbstcoaching-Konzept die Antreiber zu stärken und die Blockaden aufzulösen.

Foto: iStockphoto
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Entscheidend für die Fähigkeit, die eigenen Leistungshemmer und Leistungsförderer zu erkennen, ist die Selbstreflexionskompetenz und die Fähigkeit, das Urteil und Feedback anderer Menschen in die Selbstbeurteilung einzubeziehen. „Was uns bei anderen oft leichtfällt, nämlich der objektive und unbefangene Blick auf deren Stärken und Schwächen, gelingt uns bei der Selbstanalyse nicht immer“, sagt Dragos Odintov, Kieferorthopäde in Freising. „Darum sollten wir versuchen, jene Selbstreflexionskompetenz zu erhöhen und wo immer möglich Fremdbeurteilungen einzuholen.“

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Selbstreflexionskompetenz optimieren

Bei der Selbstanalyse ist es empfehlenswert, sich Fragen zu stellen, um den motivierenden Antreibern und hemmenden Blockierern auf die Spur zu kommen. Wichtig ist, dass sich der Arzt seiner Ziele bewusst wird und diese deutlich formuliert, um seine „Nervtöter“, die ihn an der Zielerreichung hindern, zu bekämpfen und die Energiebeschleuniger zu stärken.

Eine effektive Möglichkeit besteht darin, möglichst genau zu notieren, wie viel Zeit am Tag man mit welchen Dingen verschwendet, die einem aufs Gemüt schlagen und bei denen das deutliche Gefühl aufkommt, dass sie Energien rauben, die einem an anderer Stelle fehlen. Dem stellt man diejenigen Aktivitäten gegenüber, die wahrhaft Freude bereiten und die dazu führen, dass man seinen Energieakku beständig neu auflädt. Dabei sollte sich der Arzt nicht auf das berufliche Umfeld beschränken. Denn natürlich beeinflussen Energiestolpersteine im Privaten Aktivitäten im beruflichen Umfeld – und umgekehrt.

„Zu empfehlen ist, die Analyse in einem ganzheitlichen Sinn anzulegen“, merkt Odintov an, „wobei man selbstverständlich als niedergelassener und selbstständiger Arzt größere Gestaltungsmöglichkeiten hat. Als angestellter Arzt in der Klinik oder Praxis sind die Handlungsoptionen deutlich eingeschränkt“. Die Konzentration auf die Leistungsförderer ist nicht immer ohne Weiteres möglich – welcher Arzt kann es sich schon leisten, zum Beispiel die als unangenehm empfundenen Mitarbeitergespräche, die ihn belasten, einfach einzustellen und sich nur noch auf das zu konzentrieren, was ihm Glücksgefühle bereitet?

Trotzdem hilft jene Analyse weiter, denn zumindest ist der Arzt in der Lage zu prüfen, wie er mit denjenigen Aspekten, die ihm anscheinend Energie rauben, besser umgeht. Vielleicht kann er die eine oder andere ungeliebte Aktivität doch delegieren? Oder es gibt einen Kollegen, der diese Aktivität übernehmen will, während der Arzt seinerseits ungeliebte Tätigkeiten des Kollegen erledigt. Im Privaten überlegt er, ob sich die kraftraubende tägliche Stau-Autofahrt zur Arbeit nicht durch das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel, das leichte Verschieben der Arbeitszeiten oder das Gründen einer Fahrgemeinschaft umgehen lässt.

Auch mal andere Optionen durchleuchten

„Es geht darum, einfach einmal andere Optionen zu durchleuchten“, schlägt Odintov vor. „Oft zeigt sich, dass es in Teilbereichen möglich ist, die Belastung durch blockierende Tätigkeiten zu entschärfen. So kann der Arzt, der Probleme mit den Mitarbeitergesprächen hat, seine eher negative Einstellung zur Führungsarbeit überdenken und sich verdeutlichen, dass sie für seine Arbeit notwendig ist.“

Wahrnehmungsbrille austauschen

Ein weiteres Merkmal für ausgeprägte Selbstreflexionskompetenz ist die Bereitschaft, Fremdeinschätzungen zu den persönlichen Antreibern und Blockierern einzuholen und sie in das eigene Meinungsspektrum zu integrieren. Der Vorteil: Die andere Ansicht stellt die persönliche Überzeugung des Arztes infrage oder relativiert sie zumindest. Ärzte, die bereit sind, ihre subjektive Wahrnehmungsbrille durch andere Perspektiven zu ergänzen, denken und handeln mehrdimensional.

Eine besondere Rolle spielen dabei die Menschen aus dem privaten Umfeld. Sie lernen den Arzt oft aus einer ganz anderen Perspektive kennen als die Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten am Arbeitsplatz. Sie steuern weitere Wahrnehmungsbrillen bei und nennen oft andere Energiequellen und Blockierer, die den Arzt antreiben oder hemmen, als die Menschen in Klinik oder Praxis.

Konkretes Beispiel: Während der Mitarbeiter den Arzt als durchsetzungsstarken und durchaus machtbewussten Menschen beschreibt, dem es auch um Anerkennung geht, hebt der Vorgesetzte das Verantwortungsbewusstsein und die Disziplin als bestimmende Werte hervor, während der Arzt im Privatbereich als empathischer Mensch wahrgenommen wird, für den Werte wie Geborgenheit und Sicherheit von Bedeutung sind.

360-Grad-Feedback einholen und berücksichtigen

Dragos Odintov merkt dazu an, dass es für Ärzte, die herausfinden wollen, was sie tatsächlich antreibt und blockiert, zielführend sein kann, eine Art Durchschnittswert der verschiedenen Bewertungen zu ermitteln. Der Kieferorthopäde erinnert an das in der Wirtschaft gebräuchliche 360-Grad-Feedback: Dabei geben Vorgesetzte, Kollegen, Mitarbeiter und zuweilen auch Kunden ein Feedback etwa zu den Stärken und Schwächen einer Führungskraft ab, oft anonym. Durch den Vergleich von Selbst- und Fremdbild entsteht eine realistischere Einschätzung der Verhaltensweisen.

Übertragen auf den Arzt heißt das: Er berücksichtigt bei der Frage nach seinen handlungssteuernden Motivationstreibern und -hemmern nicht nur die eigene Einschätzung, sondern überdies die des Chefs, der Kollegen, der Mitarbeiter – und vielleicht sogar der Patienten. Hinzu kommen die Menschen aus dem privaten Umfeld.

Auch wenn die Gesamtschau nicht ganz objektiv sein kann, weil diese in der Regel vom Arzt selbst vorgenommen werden muss, erhält seine Selbstreflexionskompetenz einen deutlichen Schub und erlaubt eine passgenauere Beurteilung, als wenn er sich allein auf die Selbstbefragung verlässt.

Patric P. Kutscher

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