ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Flüchtlinge: Viele Ärztinnen und Ärzte helfen

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Flüchtlinge: Viele Ärztinnen und Ärzte helfen

Korzilius, Heike

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Zurzeit kommen täglich Hunderte Asylsuchende neu in Deutschland an. Die Versorgung der Menschen ist auch für das Gesundheitssystem eine Herausforderung.

Großer Andrang herrscht in den Erstaufnahmeeinrichtungen, wie hier in Trier. Foto: dpa
Großer Andrang herrscht in den Erstaufnahmeeinrichtungen, wie hier in Trier. Foto: dpa

Die Menschen kommen in Sonderzügen. Hunderte sind es täglich, die darauf hoffen, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können. Erste Station für die Asylsuchenden ist in der Regel eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung. Zurzeit müssen wegen des Ansturms auch Turnhallen, Baumärkte und Zelte als Gemeinschaftsunterkünfte herhalten. Dort werden die Flüchtlinge registriert und medizinisch untersucht (siehe folgenden Beitrag „Frühe Versorgung ermöglichen“). Bundesweit einheitliche Standards, welche Untersuchungen durchgeführt werden müssen, gibt es allerdings nicht. Gesetzlich vorgeschrieben ist nur eine Röntgenaufnahme des Thorax, um eine Tuberkulose auszuschließen. In manchen Bundesländern, wie beispielsweise in Sachsen, sind die Gesundheitsämter für die Erstuntersuchung zuständig. Nach Informationen der dortigen Lan­des­ärz­te­kam­mer werden dabei neben dem Röntgen-Thorax eine allgemeine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten und eine serologische Untersuchung auf Impfschutz durchgeführt. Bislang war das Gesundheitsamt in Chemnitz für die Erstuntersuchungen zuständig. Aufgrund des großen Andrangs von Flüchtlingen sollen künftig auch in Leipzig und Dresden solche Untersuchungen durchgeführt werden.

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„Ist das noch Dresden?“

Immer wieder müssen auch kranke Flüchtlinge versorgt werden, Menschen mit Infekten, mit chronischen Erkrankungen, die während der Flucht nur unzureichend mit Medikamenten versorgt waren, oder solche, die Verletzungen oder Wunden davongetragen haben. Die Behörden zeigten sich vielfach überfordert. In der Notunterkunft in Dresden spielten sich dramatische Szenen ab, berichtete das Ärzteblatt Sachsen am 10. September. Nur die schnelle Reaktion vieler freiwilliger Helfer, unter ihnen Medizinstudierende, niedergelassene und Krankenhausärzte, habe Schlimmeres verhindert. „Ist das noch Dresden?“, schreibt Dr. med. Henryk Pich, der sich in dem Camp aus Zelten spontan als freiwilliger Helfer meldete. „So muss es wohl in einem Flüchtlingslager in irgendeinem Krisenherd dieser Welt aussehen.“ Denn es gab zunächst keine Medikamente, keinen Strom, und bei Regen floss das Wasser durch das Behandlungszelt. Auch die Überweisung von Patienten zur Weiterbehandlung an umliegende Krankenhäuser und Arztpraxen erwies sich anfangs als schwierig.

Behandlungsschein vom Amt

In der Regel bleiben die Asylbewerber nur wenige Tage in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Danach ziehen sie, meist für mehrere Wochen, in sogenannte Zentrale Unterbringungseinrichtungen, um dann nach einem definierten Schlüssel auf die Städte und Kommunen verteilt zu werden. Benötigen Asylsuchende während dieser Zeit medizinische Hilfe, trägt entweder das Land die Kosten oder, nach dem Umzug in die Kommunen, das örtliche Sozialamt.

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die Flüchtlinge betreuen, müssen ihre Rechnungen nach den Sätzen des EBM an die entsprechenden Kostenträger schicken. Um die Ärzte von Bürokratie zu entlasten, haben einige Kassenärztliche Vereinigungen (KVen), wie beispielsweise die KV Westfalen-Lippe, Rahmenverträge mit den Kostenträgern geschlossen. Das heißt, die Ärzte in Westfalen-Lippe können ihre Leistungen über die KV abrechnen, die sich die Kosten wiederum von den Gemeinden erstatten lässt. Bei der Abrechnung von Leistungen im Rahmen des Asylbewerberleistungsgesetzes gilt keine Mengenbegrenzung.

In Hamburg und Bremen erhalten Asylbewerber eine Gesundheitskarte, mit der sie direkt einen Arzt aufsuchen können. Dieser rechnet dann ganz normal seine Leistungen über die Chipkarte ab, und die Krankenkasse bekommt die Kosten von Land oder Kommune erstattet. Nordrhein-Westfalen ist das erste Flächenland, das ebenfalls diesen Weg gehen will. Dort hat Ge­sund­heits­mi­nis­terin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) am 28. August eine entsprechende Rahmenvereinbarung mit den Vertretern von sieben Krankenkassen unterzeichnet. Ansonsten müssen Flüchtlinge sich zunächst einen Behandlungsschein beim Sozialamt ausstellen lassen, bevor sie einen Arzt aufsuchen dürfen. Dieses Verfahren wird von vielen Ärztinnen und Ärzten kritisiert, weil hier nichtmedizinisches Personal, nämlich die Sachbearbeiter der Kommunen, über die Behandlungsnotwendigkeit entscheiden.

In Köln begrüßt man die Pläne der Landesregierung zur Einführung einer Gesundheitskarte für Flüchtlinge. „Wir können den Menschen auf diese Weise den Zugang in die Praxis erleichtern“, sagt die Leiterin des dortigen Gesundheitsamtes, Dr. med. Anne Bunte. In Köln gibt es inzwischen in allen Gemeinschaftsunterkünften Krankenpfleger, die als Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen zur Verfügung stehen und gegebenenfalls einen Termin in einer Arztpraxis oder den Transport ins Krankenhaus organisieren können. In der mit 650 Plätzen größten Einrichtung der Stadt in der Herkulesstraße gibt es eine allgemeinmedizinische und eine kinderärztliche Sprechstunde. Ein Pool von Ärzten teilt sich den Dienst. Bunte ist sehr angetan von der Hilfsbereitschaft der Kollegen. Sie betont aber auch, dass es das Ziel ist, die Flüchtlinge möglichst schnell ins Regelsystem zu überführen. „Jeder Asylbewerber hat ein Anrecht darauf, nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt zu werden. Und das wird auch vergütet“, sagt Bunte.

„Die meisten sind gesund“

Eine einheitliche Definition über den Umfang dieser Leistungen gibt es allerdings nicht. Das Asylbewerberleistungsgesetz regelt lediglich, dass Ärzte nur akute Erkrankungen und Schmerzen behandeln sowie die dafür notwendigen Arznei- und Verbandmittel verordnen dürfen. Aufgrund der unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern rät Bunte Ärzten, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen oder Fragen haben, weil sie Flüchtlinge in ihren Praxen behandeln, sich vor Ort zu informieren: bei der KV, der Ärztekammer oder dem Gesundheitsamt, die vielfach Informationen auf ihren Webseiten bereitstellen. Bunte sagt aber auch ganz pragmatisch: „Die meisten Flüchtlinge sind gesund. Ansonsten hätten sie sich den Strapazen der Flucht kaum aussetzen können.“

Heike Korzilius

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Informationen über die Versorgung von Flüchtlingen bieten viele Ärztekammern und KVen auf ihren Webseiten; ein Überblick findet sich unter http://d.aerzteblatt.de/WG64

Integration von Flüchtlingen in die Wissenschaft wollen die Fraunhofer- und die Max-Planck-Gesellschaft fördern.

Verständigung ist oft ein Problem. Der Deutsche Ärzte-Verlag bietet eine Dolmetscher App für iPhone und iPad; unter www.medi-bild.de gibt es Anamnesebögen in verschiedenen Sprachen.

Erkrankungen: Das Robert Koch-Institut informiert im Epidemiologischen Bulletin Nr. 38 über für Deutschland ungewöhnliche Infektionskrankheiten, die bei Asylsuchenden auftreten können. http://d.aerzteblatt.de/ZP27

Impfen: Die Gesellschaft für Virologie empfiehlt, möglichst viele Flüchtlinge gegen Grippe zu impfen. Viele seien von der Flucht geschwächt und lebten in Gemeinschaftsunterkünften.

Gesundheitskarten für Asylsuchende gibt es zurzeit nur in Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Flüchtlings- und Ärzteorganisationen fordern eine bundesweite Einführung.

Anlaufstelle: Die KV Sachsen hat in Dresden eine Praxis zur ambulanten Versorgung von Asylsuchenden eröffnet.

Hilfsbereitschaft: In Berlin sind mehr als 800 Ärztinnen und Ärzte einem Hilfsaufruf der Ärztekammer zur Versorgung von Flüchtlingen in der Erstaufnahmeeinrichtung der Stadt gefolgt.

Das Potenzial von asylsuchenden Ärzten und medizinischem Personal soll besser genutzt werden. Dafür setzen sich Ärztekammer und KV Westfalen-Lippe und der Deutsche Hausärzteverband ein.

Gesundheit ist ein Menschenrecht. Deshalb hat der Weltärztebund an die Regierungen appelliert, die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen nicht unter Kostenaspekten einzuschränken.

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