ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Arzneimittel: Einmal grün, zwölf Mal rot

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Arzneimittel: Einmal grün, zwölf Mal rot

Osterloh, Falk

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Um neue Arzneimittel wirklich einschätzen zu können, reicht die frühe Nutzenbewertung nicht aus, sagen Experten. Die TK hat die Arzneimittel des Jahres 2012 drei Jahre nach ihrer Marktzulassung untersuchen lassen. Nur eines liefert einen therapeutischen Fortschritt.

Foto: dpa
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Nur eines von 20 im Jahr 2012 auf den Markt gekommenen Arzneimitteln hat einen therapeutischen Fortschritt gebracht. Das ist ein Ergebnis des Innovationsreports 2015, den das Forschungszentrum Ungleichheit & Sozialpolitik (Socium) an der Universität Bremen im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) angefertigt hat. Drei Jahre nach der Zulassung wurde dabei untersucht, ob die Arzneimittel über einen Zusatznutzen verfügen, ob für den jeweiligen Indikationsbereich bereits verfügbare Therapien vorlagen und ob der Preis höher liegt als bei der Vergleichstherapie. Das Gesamtergebnis wurde in einem Ampelschema dargestellt.

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Demnach hat nur das Krebsmedikament Zelboraf© mit dem Wirkstoff Vemurafenib zur Behandlung des malignen Melanoms eine grüne Ampel erhalten. Zwar ist es teurer als die Therapiealternative. Dafür stellt es dem Innovationsreport zufolge jedoch eine Subgruppen-Novität dar, und es verlängert das Gesamtüberleben der Patienten. Sieben weitere Medikamente des Jahrgangs 2012 erhielten eine gelbe Ampel, zwölf eine rote.

Viele neue Onkologika

Dennoch seien „mehr als die Hälfte der im Jahr 2012 auf den Markt gekommenen Arzneimittel in Leitlinien aufgenommen worden“, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der TK, Dr. med. Jens Baas, Anfang September bei der Vorstellung des Innovationsreports in Berlin. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“ Leitlinien müssten wissenschaftlich fundiert und nicht „durch andere Dinge“ motiviert sein.

Unter den 20 neuen Präparaten des Jahrgangs 2012 befinden sich neun Onkologika, fünf Orphan Drugs, zwei Medikamente mit Östrogen-Gestagen-Kombinationen, ein Antidiabetikum, ein Antihypertensivum, ein Mittel zur Behandlung der altersbedingten Makula-degeneration und ein Mittel zur
Behandlung von COPD.

„Onkologische Erkrankungen werden in den nächsten Jahren die führende Indikation bleiben“, sagte Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Mitherausgeber des Innovationsreports. „Sie werden auch die meisten Umsätze erzielen.“ 2009 seien 75 Milliarden Dollar für Onkologika ausgegeben worden, 2014 etwa 100 Milliarden, und Prognosen zufolge würden es 2018 zwischen 120 und 140 Milliarden Dollar sein. „Angesichts von Jahrestherapiekosten von 100 000 Euro pro Patient, die bald erreicht sein werden, brauchen wir eine Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Arzneimittel“, forderte Ludwig.

TK-Vorstand Baas kritisierte zudem, dass im Jahr 2012 der Innovationsfokus nicht dort gelegen habe, wo er hätte liegen sollen. „Statt neuer Antibiotika stehen hauptsächlich Indikationsgebiete im Fokus, bei denen die Pharmaindustrie die größte Rendite erwartet.“

Einsparungsziel verfehlt

Darüber hinaus verfehle das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) auch im vierten Jahr seines Bestehens die angekündigten Einsparungsziele. Ursprünglich war von Einsparungen in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro die Rede gewesen. 2014 seien jedoch gerade einmal 320 Millionen eingespart worden, so Baas.

Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske vom Bremer Socium, ebenfalls Mitherausgeber des Reports, kritisierte, dass nur zwölf der 20 Präparate im Rahmen des AMNOG-Verfahrens vollständig bewertet worden seien – bei den fünf Orphan Drugs beispielsweise werde bereits bei der Zulassung ein Zusatznutzen angenommen. „Auch Orphan Drugs sollten den gesamten AMNOG-Prozess durchlaufen. Man sollte nicht von vornherein davon ausgehen, dass alle Orphan Drugs automatisch einen Zusatznutzen haben“, meinte Glaeske.

Falk Osterloh

@5 Fragen an Wolf-Dieter Ludwig:
www.aerzteblatt.de/n64126

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