ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Systemmedizin: Strikte Regeln
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Die Systembiologie (früher integrative Physiologie) ist ein Zweig der Biowissenschaften, der versucht, biologische Organismen in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Ziel ist es, ein integriertes Bild sämtlicher regulatorischer Prozesse auf allen Ebenen, vom Genom über das Proteom zu den Organellen bis hin zum Verhalten und zur Biomechanik des Gesamtorganismus zu erhalten. Systemmedizin, so wird uns vorgegaukelt, ist wohl das Gleiche; als wären mit Massensequenzierung von DNA, RNA oder Eiweißen die Probleme der Menschheit beigelegt. Der Ansatz wird Patienten als „personalisierte Medizin“ verkauft. Dies praktizieren wir jedoch längst, indem wir jeden Patienten als Individuum behandeln und ihm maßgeschneiderte Therapiekonzepte vorschlagen. So werden Brustkrebs, Kolonkrebs und Hautkrebs weiter untersucht. Bei Patienten mit möglichen Erbkrankheiten werden notwendige molekulargenetische Untersuchungen durchgeführt.

Der „Omics“-Wahn hat Folgen. Die Firma „23andMe“ wird von der amerikanischen Behörde FDA sehr kritisch betrachtet und wird wegen irreführender Werbung verklagt. Sie bleibt dennoch wirtschaftlich erfolgreich und wird sich in anderen Ländern ausbreiten. Bemerkenswert ist es, dass die Befürworter von „Big Data“ zumeist Betriebswirte, Politiker und Biologen sind; eher selten sind es Mediziner, die letztendlich dem Patienten gegenübersitzen müssen. Patienten können den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko nur begrenzt verstehen. Dem Patienten mit zwei Apoε4-Allelen das Rauchen und den Selbstmord auszureden und ihn von einer mediterranen Diät zu überzeugen machen letztendlich wir, und dazu benötigen wir keine Gentests.

GANI_MED ist ein sinnvolles Projekt und Experiment. Dennoch muss jeder Test hinsichtlich Sensitivität, Spezifizität, positiver und negativer Vorhersagekraft überprüft werden, bevor man ihn Patienten zumuten kann. „Biomarker“ und „Omics“-Befunde müssen diesen strikten Regeln ebenfalls unterworfen sein. Schließlich sind „Big Data“ nicht unbedingt „Good Data“.

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Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h. c. Friedrich C. Luft, Direktor des
Experimental and Clinical Research Center (ECRC), Charité, Universitätsmedizin Berlin, 13125 Berlin

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