ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Systemmedizin: Des Kaisers neue Kleider
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Die Autoren/-innen haben differenziert gezeigt, dass die ethischen und ökonomischen Chancen und Risiken einer molekularen Systemmedizin (SM) zur Prädiktion, Prävention und Translation nicht sprunghaft, sondern nur graduiert ansteigen, also im Prinzip nicht so neu sind. Diese reflektierende Betrachtung ist durch eine grundlegendere Kritik der epistemischen Relevanz der SM zu ergänzen: Die molekulare SM auf Basis der Systembiologie vertritt über Big-Data-Informatik und biotechnologisch getriebene Omics-Analysen einen Erkenntnis- und Erklärungsanspruch, der zwar grundlegend positiv ist, da er eine Netzwerkperspektive verfolgt. Dennoch ist er forschungslogisch hoch problematisch: Klinisches Wissen und Nosologie werden tendenziell zugunsten Laborwissens dekonstruiert und mechanistisch reduziert. Das Problem dürfte erst mittelfristig deutlich werden. Leider wird nämlich die periodische Geschichte des systemischen Paradigmas in der Medizin (Systemtheorie und Kybernetik in der Physiologie der 1970er: Wolf-Dieter Keidel; Chaostheorie in der Inneren Medizin der 1990er: Wolfgang Gerok) mangels einer institutionalisierten reflexiven Theorie der Medizin, die auch Rudolf Gross im Blick hatte, zu wenig bedacht. Dabei wären die Brücken zu einer psychosozialen SM (vergleiche Familienmedizin), klinischen SM und theoretisch auch organismalen (statt nur molekularen) SM zu schlagen. Entsprechende integrative Diskurse sind dringlich nötig, um nicht zu spät erkennen zu müssen, dass es sich um des Kaisers neue Kleider gehandelt hat.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. rer. pol. Felix Tretter, 2. Vorsitzender der Bayerischen Akademie für Suchtfragen in Forschung und Praxis BAS e.V., 80336 München

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