ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Digitalisierung: Ohne Mehrwert
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Die Patienten werden von einer elektronischen Gesundheitskarte (eGK) nur marginalen Nutzen haben. Das Argument des „Not­fall­daten­satzes“ ist vorgeschoben. Schon heute gibt es genug Notfallausweise, die in der Praxis dann ja doch nicht zum Tragen kommen, fragen Sie praktisch tätige Notärzte. Der Online-Abgleich in den Praxen bedingt mal wieder eine Aufrüstung von Hard- und Software für teuer Geld, zudem hält dies den Praxisbetrieb unnötig auf. An Spitzentagen werden in unserer Gemeinschaftspraxis schon mal 300 Karten eingelesen. Selbst wenn der Abgleich nur zehn Sekunden dauert, sind das 50 Minuten mehr Arbeitszeit für die MFA. Der in Aussicht gestellte Vergütungszuschlag wird dann wahrscheinlich wieder vom Gesamtbudget abgezwackt, für die Kassen also eine Gratisleistung. Selbst wenn tatsächlich zusätzlich Geld bereitgestellt werden sollte, kommt dies nicht der Patientenversorgung, sondern der Finanzierung von Bürokratie zugute. Einen Medikationsplan erhalten unsere Patienten schon seit Jahren in Papierform, dies funktioniert gut – sogar ohne Lesegerät. Die Patientendaten mittels PIN sichern zu wollen, geht völlig an der Realität vorbei. Wie viele über 75-Jährige kennen ihre Bankkarten-PIN oder nutzen diese? Diese Altersgruppe stellt aber einen Großteil unserer Patienten! Interessanterweise steht im gleichen DÄ eine Seite vorher die Problematik der Hackerangriffe (Krankenakten zum Schwarzmarktpreis von 70 Dollar). Wie viel Schutzprogramme wert sind, zeigt sich bei der Attacke auf den Bundestag. Der einfachste und sicherste Schutz, nämlich die physikalische Trennung von Praxissystem und Internet beziehungsweise Online-Zugang, ist bei der Verpflichtung zum Datenabgleich mit der eGK dann auch nicht mehr möglich.

Fazit: Für Patienten ohne Mehrwert, für Praxen unnötiger Mehraufwand, im Alltag kaum umsetzbar. Die Nutznießer sind wieder mal die EDV-Industrie (super Lobby-Arbeit!) und die Krankenkassen.

Dr. med. Reiner Sigle, 71116 Gärtringen

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