ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Von schräg unten: Zerknittert

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zerknittert

Böhmeke, Thomas

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Der morgendliche Blick in den Spiegel lehrt mich unerbittlich: Du bist ein alter Sack. Jahrelang habe ich versucht, das zunehmende Knittern meiner Gesichtszüge als Craquelé der Silberschicht hinter der perfekten Glätte der Glasschicht fehl zu diagnostizieren. Aber als besagter Spiegel, offensichtlich tödlich beleidigt, herunterfiel, zersprang und ein neuer seinen Platz fand, kam ich nicht umhin, die zahllosen Furchen zwischen meinen Ohren dem Alter zuzuschreiben. Ihre buchstabenförmigen Mäander lassen mich lesen: Du bist verschlissen, von Kratern durchzogen, nur bröckelnde Fassade. Jede Wiederaufbereitungsanlage würde grandios an mir scheitern.

Schlagartig wurde mir auch klar, warum mir meine fürsorgliche Kassenärztliche Vereinigung immer weniger bezahlt. Denn ich bin ein altes Eisen, mehr altersschwach als alert, mehr exhumiert als exzellent. Demzufolge ist es nur richtig, dass ich weniger Honorar für das bekomme, was ich leiste. Honorarminderung als Hilfe zur Akzeptanz altersbedingter Abnutzung; ach, was bin ich doch für eine arme Sau. Das wäre aber alles in absoluter Ordnung, wenn sich meine rezessive Honorarsituation auch herumsprechen würde, wenn mir fachfremde Dienstleistungen reduziert in Rechnung gestellt werden. Das ist aber keineswegs der Fall.

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Kürzlich bat ich eine Malerfirma um einen Kostenvoranschlag für die Renovierung der Praxis. Wenn bei mir selbst restaurative Maßnahmen infaust erscheinen, sollten wenigstens die Praxisräume mit einwandfreier Fassade daherkommen. Der Meister murmelte nach erster Inaugenscheinnahme etwas von 3 000 Euro, was in meinen runzligen Augen tragbar erschien. Der kurz danach eintreffende Kostenvoranschlag belief sich unter Hinweis auf „Arztpraxis“ allerdings auf das Dreifache.

Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch die Honorare nicht-ärztlicher Leistungen können signifikanten Steigerungsfaktoren unterliegen, wenn die Ausführenden feststellen, dass sie für Ärzte arbeiten sollen. Ich habe natürlich absolutes Verständnis dafür, dass viele Handwerker den dreifachen Steigerungssatz aufrufen, wenn sie für niedergelassene Ärzte tätig werden sollen. Denn wenn sie einen dreistelligen Stundenlohn geltend machen, so bleibt bei ihnen netto kaum etwas übrig, weil davon Überstundenzuschläge und Schichtzulagen, Rentenversicherung und Rücklagen für regelmäßig gezahlte Prämien, Umlage U1 nach dem Aufwendungsausgleichsgesetz und gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung, Pflegeversicherung und Unfallversicherung, Umlage U2 für das Mutterschaftsgeld und dreizehnte Gehälter, Umlage U3 für das Insolvenzgeld und Schichtzuschläge, Urlaubsentgelt nach BUrlG mit Regelungen für die Entgeltfortzahlung während des Urlaubs abgezogen werden müssen.

Bei so viel Verständnis fiel mir allerdings auf, dass für mich selbst das BUrlg gar nicht greift. Und schon gar kein Mutterschaftsgeld oder Schichtzuschlag. Kurz: Der Kostenrahmen war gesprengt wie eine kalzifizierte LAD-Stenose im Hochdruckballon, daher sprang ich in den örtlichen, Pinsel und Farben vorhaltenden Baumarkt, danach in alte Klamotten und fing an zu malen. Erst mäandert der Anstrich, aber nach mehreren Wänden und Zargen war das Ergebnis so schön wie ein primär verheilter Kocherscher Kragenschnitt. Ich platzte vor Stolz wie ein vom Skalpell perforiertes Empyem, meine Gesichtszüge entknitterten, wichen einem glückvollen Strahlen. Hätte nie gedacht, dass meine Honorarminderungen derartige Glücksgefühle in mir hervorrufen könnten.

Aber, liebe KV, nicht dass ihr jetzt denkt, ihr bräuchtet mir nichts mehr zu überweisen!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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