ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2015Literarische Orte: Der ewige Klosterschüler

KULTUR

Literarische Orte: Der ewige Klosterschüler

Jachertz, Norbert

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„Unterm Rad“ – Hermann Hesses prägende Jahre in Calw und Maulbronn

Die Statue „Hermann Hesse 1877–1962 zwischen Verweilen und Aufbruch“ des Bildhauers Kurt Tassotti. Fotos: picture alliance/dpa
Die Statue „Hermann Hesse 1877–1962 zwischen Verweilen und Aufbruch“ des Bildhauers Kurt Tassotti.
Fotos: picture alliance/dpa

Zwischen Pforzheim und Tübingen verkehrt die „Kulturbahn“ und erinnert an die großen Dichter und Denker, die entlang der Strecke gewirkt haben. Deren Auflistung lese sich wie ein „Who is Who“ der deutschen Kulturgeschichte, so die Werbung der Deutschen Bahn.

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Einer der Dichter und Denker war Hermann Hesse (1877–1962), der auf halber Strecke, in Calw, die prägenden Jugendjahre verbrachte. Die Eltern und Großeltern gingen in dem Städtchen an der Nagold einem missionarischen Auftrag nach. Sie leiteten, nachdem sie aus Indien zurückgekehrt waren, den Calwer Verlagsverein, ein pietistisch geprägtes Unternehmen, dessen Schriften „vom Segensgang der Bibel durch die Heidenwelt“ (so ein Titel von Johannes Hesse, Hermanns Vater) kündeten. Man lebte über viele Jahre auch im Verlagshaus, das Hermann Hesse zum „Vaterhaus“ wurde – wohl auch wegen der patriarchalischen Gestalt des Großvaters, Hermann Gundert, der nicht nur ein frommer Mensch, sondern auch ein bedeutender Sprachforscher gewesen ist.

Von Pforzheim bringt der Dieseltriebwagen der Kulturbahn den Hesse-Adepten in einer gemütlichen halben Stunde nach Calw. Mit dem Aufzug geht’s vom Bahnsteig vier Etagen hinunter bis zur Straße. Gleich gegenüber zwei Brücken über die Nagold. Wir nehmen die ältere, auf der auch Hesse den Fluss überquert haben muss. Und tatsächlich, da steht er, mitten auf der Nikolausbrücke. Lebensgroß, nicht mehr der Jüngste, den Hut in der Hand, dem Ort zugewandt, aber schon halb im Gehen begriffen. Die Bronzefigur wurde 2002 zum 125. Geburtstag an Hermann Hesses „liebstem Platz im Städtchen“ aufgestellt. Wenn Hesse sich jetzt umwendete, um zum Bahnhof zu gehen, sähe er das bewusste „Vaterhaus“, Bischofsstraße 4. Er würde es nicht wiedererkennen, so modernisiert wie es ist. Statt des Verlagsvereins (der schon 1920 nach Stuttgart übersiedelte) beherbergt es heute eine schicke Arztpraxis. Daneben (Bahnhofstraße 1) würde er mit ein wenig Mühe die Pension „Alte Post“ als das Haus Giebenrath ausmachen. Nach ihm hat Hesse den unglücklichen Helden seiner Schülergeschichte „Unterm Rad“, Hans Giebenrath, benannt.

Ins „Evangelische Seminar“

Hesses Lebensstationen sind nicht zu verfehlen. Zum einen, weil vieles noch so da steht, wie es der Dichter immer wieder beschrieben hat, nur wenig verfremdet. Aus Calw wird bei ihm Gerbersau wegen der vielen (heute verschwundenen) Gerbereien. Zum anderen, weil die Stadt dezent, aber auf Schritt und Tritt an ihren vielleicht größten, auf jeden Fall aber bekanntesten Sohn – Gesamtauflage seiner Werke 150 Millionen! – aufmerksam macht. Das Geburtshaus am Markt (heute „Mode Schober“), in dem Hesse mit vier Geschwistern die ersten Kinderjahre verbrachte. Die Stadtkirche St. Peter und Paul, die der Schüler Hesse der Sonntagsschule vorzog. Die Lateinschule (jetzt Volkshochschule, sie erinnert gerade an die Zeit zwischen 1915 und 1945). Und immer wieder die Nagold: die Badestelle, der Angelplatz auf der Brücke, Orte, die Hans Giebenrath, Hesses Alter Ego, liebte, als er noch nicht „unterm Rad“ zusammengebrochen war. Die Stadthistoriker von Calw haben all das und sehr viel mehr identifiziert und in einem virtuellen Stadtrundgang zusammengefasst. Noch mehr an Information bietet das Hesse-Museum im früheren Doktor-Haus am Marktplatz 30.

1891 kommt der Schüler Hesse ins „Evangelische Seminar“ im ehemaligen Kloster Maulbronn. Das ist eine eigentümliche, seit 1556 bestehende Einrichtung: ein Internat, verbunden mit einem altsprachlichen Gymnasium, getragen von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und dem Staat. Maulbronn dient zu Hesses Zeit bevorzugt der Heranbildung künftiger Theologen. Jährlich werden 25 Schüler aufgenommen, vorausgesetzt, sie haben das württembergische Landexamen bestanden.

Der Kreuzgang des Zisterzienserklosters Maulbronn. Im Jahr 1993 bekam die 1147 gegründete Anlage den Status als Unesco-Weltkulturerbe.
Der Kreuzgang des Zisterzienserklosters Maulbronn. Im Jahr 1993 bekam die 1147 gegründete Anlage den Status als Unesco-Weltkulturerbe.

Das Kloster Maulbronn reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Die Anlage ist weitgehend erhalten und besteht aus dem eigentlichen Kloster samt Kirche und großen Ökonomiegebäuden, die heute weltlichen Zwecken dienen. Im Kloster wohnen die rund hundert Schüler des „Evangelischen Seminars“ zum guten Teil noch in der früheren Klausur der Mönche. Sie ist dem normalen Besucher nicht zugänglich, ganz wie in mönchischen Zeiten. Im Kreuzgang, schräg gegenüber dem Brunnenhaus mit dem edlen dreischaligen Brunnen, steigt eine breite Treppe steil nach oben und endet vor verschlossener Tür. Am Ende der Klausur residiert immer noch der „Ephorus“, der bei Hesse eine besondere Rolle spielt. Im Unterschied zu Hesses Zeiten nimmt das Seminar heute auch Mädchen auf und die Rekrutierung künftiger Pfarrer tritt zurück.

Hans gerät unters Rad

In seinem frühen Roman „Unterm Rad“ (1905) lässt Hesse den kleinen Hans Giebenrath den Seminaristenweg einschlagen. Der weist auffällige Parallelen zu Hesses eigenem Lebenslauf auf. Eindringlich schildert der Dichter die Vorbereitungen Giebenraths auf das „Landexamen“ mit dem Ehrgeiz, zu bestehen, möglichst als bester. Der Ehrgeiz hält bei Giebenrath zunächst auch in Maulbronn an. Ihm fliegen die alten Sprachen förmlich zu. Mit seinen Mitzöglingen aber hat er seine Probleme. Hesse beschreibt kundig den Spannungsbogen zwischen Integration und Ausgrenzung. Mit einem Stubenkameraden freundet Giebenrath sich an, ausgerechnet dem, der sich nicht anpassen will und schließlich ausreißt. Die Verbindung mit diesem Freund macht Giebenrath der Seminarleitung verdächtig. Sein schulischer Eifer erlahmt. Der Ephorus, der Seminarleiter, lässt ihn kommen und dringt in ihn, zunächst mit Fragen wie: Werde ihm die tägliche Arbeit zu viel, habe er Kopfweh, treibe er zu viel Privatlektüre? „Irgendwo muss es doch fehlen. Willst du mir versprechen, dir ordentlich Mühe zu geben?“

Im Hinausgehen rückt der Ephorus mit seinem eigentlichen Anliegen heraus, Giebenrath möge sich von seinem Freund lossagen. Der weigert sich. Als sein Freund „in Schanden“ entlassen wird, kommt auch Giebenrath völlig „unters Rad“. Der Ephorus schickt ihn nach Hause zurück, nachdem der Oberamtsarzt etwas von Nervenarzt und Veitstanz gemurmelt hatte. Zu Hause bleibt der Junge verloren, nach einer Zechtour ertrinkt er in der Nagold. Unfall oder Suizid? Beides erscheint möglich.

Auch Hermann Hesse wäre fast „unters Rad“ gekommen. Er hielt es in Maulbronn ganze sieben Monate aus. Dann floh er (1892). Die ratlos-überforderten Eltern schickten den 15-jährigen heftig pubertierenden und rebellierenden Jungen zu einem Pfarrer, der einen Ruf als Gebetsheiler hatte, dann in eine Nervenheilanstalt, gleichfalls unter theologischer Obhut. Hesse hatte Glück im Unglück. Er wurde nicht weggesperrt, sondern konnte in Cannstatt, fern vom Elternhaus, schließlich die Schule mit dem „Einjährigen“ abschließen (1893).

Wiesenweg nach Hirsau

An „Unterm Rad“ schreibt Hesse 1903/04 im „Vaterhaus“ in Calw. Die Erinnerungen an Maulbronn sind zehn Jahre nach den Ereignissen noch frisch. Doch beschäftigt ihn der Klosteraufenthalt bis ins hohe Alter. Im „Glasperlenspiel“ lässt er Josef Knecht, die Hauptfigur, eine Aufnahmeprozedur in den geheimnisvollen Orden überstehen, die an das Landexamen denken lässt.

Genügend Anschauungsunterricht im Klösterlichen wie Mittelalterlichen hatte Hermann Hesse. Nicht nur in Maulbronn, in dessen stimmungsvoller (und eine wenig düsterer) Klosteranlage aus dem 12. Jahrhundert er untergebracht war. Vor Maulbronn hatte Hesse schon das in der Nähe von Calw gelegene Kloster Hirsau kennengelernt, eine gewaltige Anlage aus dem 11. Jahrhundert. Der junge Hesse muss häufig den Wiesenweg entlang der Nagold nach Hirsau gelaufen sein. Das heutige Hotel Klosterhof erinnert an den nachmals so berühmten Gast. Als Knabe habe er das Haus mit seinen vielen Zimmern als „geheimnisreich“ angesehen, zitiert die Hotelchronik den Dichter, und sich „oft Gedanken gemacht, was in den unbekannten Zimmern geschehe“.

Norbert Jachertz

Hermann Hesse, Unterm Rad, Suhrkamp-Taschenbuch 52, 176 Seiten, oder eine kommentierte Ausgabe, Suhrkamp BasisBibliothek 34, 288 Seiten, jeweils 7 Euro

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