ArchivMedizin studieren3/2015Körperspenden: Emotionale Begegnung

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Körperspenden: Emotionale Begegnung

Beerheide, Rebecca

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Für die Anatomiekurse müssen die Institute jedes Jahr Körperspender gewinnen. Die Menschen, die nach dem Tod ihren Körper der Lehre und Forschung zur Verfügung stellen, werden in vielen Unistädten am Semesterende geehrt – wie auch in Greifswald. Hier haben auch in diesem Jahr die Studenten die Feier organisiert.

Foto: laif
Foto: laif

Hannah B., Emil K., Christa M. Für jeden Namen wird eine Kerze angezündet, es erklingt ein Glockenschlag. Irgendwo rascheln Taschentücher, der kleine Klebestreifen auf der Packung knistert. Helga K., Karl R., Peter M. Jemand schnäuzt laut, ein anderer wischt eine Träne weg. An diesem kalten Freitagmorgen im Juli werden die Namen von 26 Verstorbenen bei der Gedenkfeier im Dom St. Nikolai in Greifswald von Medizinstudierenden vorgelesen. Auch für die anonymen Spender wird eine Kerze angezündet. Die 26 Verstorbenen haben zu Lebzeiten verfügt, dass ihr Körper für die Ausbildung am Anatomischen Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald zur Verfügung gestellt werden soll. Wer seinen Körper einem Anatomieinstitut spendet, kann erst bis zu drei Jahre nach dem Tod beerdigt werden. Es dauert rund ein Jahr, bis der Körper für die Lehre und Forschung vorbereitet ist. Für die Angehörigen von Körperspendern ist das oft eine schwierige Zeit – es gibt über viele Monate hinweg keinen Ort zur Trauer und keine Beerdigung.

Lernen im Anatomiekurs: Ohne Körperspender ist keine Lehre möglich. Foto: dpa
Lernen im Anatomiekurs: Ohne Körperspender ist keine Lehre möglich. Foto: dpa

Gedenkfeiern und Gottesdienste, in denen die Studenten sowie Mitarbeiter der Anatomischen Institute die Körperspender ehren, gibt es in vielen Universitätsstädten am Ende eines Semesters: Tübingen, Aachen, Göttingen, Lübeck, Freiburg und Frankfurt – um nur einige zu nennen. Bei diesen Feiern treffen ganz unterschiedliche Emotionen aufeinander: Für die Studenten waren diese Körper Lernobjekte – für die Angehörigen aber geliebte Menschen. Ein Spagat, der nicht ganz einfach ist.

Die Äste des Nervus trigeminus:An dieser Gesichtshälfte gut dargestellt. Trauerfeier in Greifswald: Die Studierenden ehren die Spender. Foto:dpa
Die Äste des Nervus trigeminus:An dieser Gesichtshälfte gut dargestellt. Trauerfeier in Greifswald: Die Studierenden ehren die Spender. Foto:dpa

„Neugierde, Angst, Ekel, Freude, Faszination“ – diese konträren Gefühle beschreibt Studentin Josephine Schweder aus dem vierten Semester an der Uni Greifswald. Sie und ihre Kommilitonen begegneten den Körpern der Spender in den vergangenen Semestern sehr oft im Präparierkurs. Für den Kurs werden jedes Semester 28 Leichen benötigt. In dem Kurs sah Schweder zum ersten Mal einen toten Körper. „Da war viel Demut und viel Respekt“, erzählt sie. In ihrer Rede im Dom zeigt sie sich tief bewegt: „Wir hatten emotionale und sehr intensive Begegnungen, die uns Demut, Erfahrung und Wissen beigebracht haben.“

„Neugierde, Angst, Ekel, Freude, Faszination“. Josephine Schweder, 4. Semester, Uni Greifswald. Foto: privat
„Neugierde, Angst, Ekel, Freude, Faszination“. Josephine Schweder, 4. Semester, Uni Greifswald. Foto: privat

Die 21-Jährige ist Mitorganisatorin der Gedenkfeier. Gemeinsam haben sie rund 200 Kerzen vorbereitet, die die anwesenden Studenten während der Zeremonie anzündeten. Außerdem wurde ein Studentenchor für diese Feier gegründet, ein kleines Orchester und zwei Kommilitonen, die den Dudelsack spielten, sorg-en für die musikalische Gestaltung. Für die diesjährige Feier, die ausdrücklich nicht nach christlicher Liturgie gestaltet wurde, haben die Studenten einen Satz des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry ausgewählt: „So ist das Wesentliche einer Kerze nicht das Wachs, das seine Spuren hinterlässt, sondern das Licht.“ Schweder erklärt vor den Angehörigen: „Wir kannten nur den Körper, das Wachs, wie bei einer Kerze. Sie, liebe Angehörigen, kannten das Licht des Menschen, das, was bleibt.“ Ein Trost, den die Angehörigen nachvollziehen können.

Trauerfeier in Greifswald: Die Studierenden ehren die Spender. Foto: Tim Brüssau
Trauerfeier in Greifswald: Die Studierenden ehren die Spender. Foto: Tim Brüssau

„Diese Erfahrung mit dem toten Körper bleibt – ein ganzes Berufsleben lang“, sagt Probst Frank Hoffmann von der katholischen Probstgemeinde St. Joseph in Greifswald. „Vielleicht wolltet Ihr die Geschichte des Menschen kennenlernen, vielleicht hattet Ihr Angst, den Körper zu verletzen“, sagt Pfarrer Matthias Gürtler von der evangelischen Domgemeinde St. Nikolai bei seiner Ansprache.

Beim feierlichen Auszug aus dem Dom halten die Studenten jeweils Kerzen in die Höhe – ein Lichtermeer aus 200 Kerzen entsteht und begleitet die Angehörigen auf den Domvorplatz. Ein sehr würdiger Moment. Draußen, auf dem Weg zum Friedhof, tauschen sich Angehörige aus. „An die Perspektive der Studenten auf die toten Körper habe ich noch nie gedacht“, sagt einer.

Am Alten Friedhof, auf der Urnenstelle des Anatomischen Institutes, werden Blumen und Kränze niedergelegt. Die Studenten legen weiße Lilien an den Gedenkstein, viele Angehörigen stellen Gestecke ab. Dass es nun einen Ort gibt, an dem sie trauern können, ist für viele erlösend. „Wir haben großen Respekt davor, dass sie den Willen ihres Angehörigen respektiert haben“, sagt Studentin Schweder. Aber die Distanz zwischen Studenten und Angehörigen bleibt: Am Ende des Vormittags suchen nur sehr wenige das Gespräch, zu groß sind offenbar die Unterschiede und Emotionen.

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