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Studieren im Ausland: Türkisch für Medis

Medizin studieren, 3/2015: 10

Schmitt-Sausen, Nora

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13. Teil: Türkei

Foto: mauritius images
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Medizin zu studieren ist in der Türkei ein Privileg; einmal in Deutschland zu arbeiten für viele ein großer Wunsch. Nicht nur deshalb sind türkische Studierende hoch motiviert. Anna Remold zieht vor so viel Einsatz den Hut.

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Döner, Sommerurlaub, Gastarbeiter: Die Türkei und Deutschland verbindet vieles. In Deutschland leben viele türkisch-stämmige Menschen, die Türkei ist ein beliebtes Urlaubsland der Deutschen. Warum also nicht die Türkei als Zielort für den Erasmus-Aufenthalt auswählen, dachte sich Anna Remold.

Um sich auf den längeren Aufenthalt in der Türkei vorzubereiten, ging die 27-Jährige mit Engagement zur Sache. Schon ein Jahr vor ihrem Aufenthalt belegte Remold einen Sprachkurs an ihrer Heimatuniversität, der LMU München: „Türkisch für Mediziner“. Angekommen in Istanbul, folgte ein dreiwöchiger Intensivsprachkurs. Und selbst während des Studiums ließ sie nicht locker: zweimal die Woche wurde Türkisch gepaukt. Das Resultat: Für das ein oder andere Gespräch am Patientenbett und den Alltag hat es gereicht, doch Remold muss eingestehen: „Die türkische Sprache ist sehr schwierig zu lernen. Die Grammatik ist völlig anders als bei uns und die Vokabeln hören sich alle gleich an.“

„Die türkischen Ärztinnen und Ärzte haben ein immens großes Fachwissen.“ Auf Entdeckungstour in Istanbul: Anna Remold gemeinsam mit ihrer Münchner Studienkollegin Angelika Pottmeyer (links) Foto: privat
„Die türkischen Ärztinnen und Ärzte haben ein immens großes Fachwissen.“ Auf Entdeckungstour in Istanbul: Anna Remold gemeinsam mit ihrer Münchner Studienkollegin Angelika Pottmeyer (links) Foto: privat

Dass die Münchnerin so fokussiert auf die Sprache war, hatte einen Grund. Sie belegte alle Universitätskurse in Türkisch, schrieb sich nicht im englischen Studienzweig ein, wie das für die meisten ausländischen Studenten üblich ist. Die Landessprache beherrschen zu wollen, war für sie eine Selbstverständlichkeit. Bei ihren türkischen Kommilitonen brachte ihr das viel Respekt ein. Letztendlich – und das erstaunte die Münchnerin – wäre sie auch mit Deutsch sehr gut zurechtgekommen. „Viele Ärzte und Studenten sprechen Deutsch, sogar besser als Englisch.“ Die Erklärung dafür ist einfach: In Istanbul gibt es ein deutsches Gymnasium – und dieses besuchten fast alle, die sich später für ein Medizinstudium entschieden, schildert Remold.

Die Münchnerin belegte in Istanbul die Fächer Pädiatrie und Gynäkologie. Und stellte schnell fest, dass im Medizinstudium in der Türkei einige Dinge grundlegend anders laufen als in Deutschland. Stichwort Anwesenheitspflicht. Zu den Vorlesungen mussten alle Studenten erscheinen, sogar kontrolliert durch Aufzeigen. Nach dem theoretischen Unterricht am Vormittag folgte der – meist freiwillige – praktische Teil im Klinikum, das unmittelbar an das Unigebäude angeschlossen ist. Es ging in die Aufnahme, zur Visite oder zu Untersuchungen. Selbst initiativ zu werden, war dabei allerdings selten möglich. Auch weil die Studenten stets in Großgruppen unterwegs waren. „Häufig standen 20 Leute um das Patientenbett“, erzählt Remold. „Die Ärzte haben die Anamnese gemacht und wir haben eigentlich nur passiv zugeschaut.“ Interaktiver wurde es erst wieder in Seminaren, in denen Fälle besprochen wurden.

Auffallend war, was inhaltlich herüberkam. „Die türkischen Ärzte haben ein immens großes Fachwissen“, lautet Remolds Einschätzung. Der Grundstein für dieses große Wissen wird im Studium gelegt, wie die Deutsche selbst erfahren hat. „In der Türkei ist alles noch viel genauer und anspruchsvoller als in Deutschland. Die Studenten müssen extrem viel auswendig lernen und immer top vorbereitet sein.“ Es habe ihr imponiert, wie sehr ihre türkischen Kommilitonen auf Zack seien.

Dass die Türken bereits im Studium so viel Gas geben, hat einen Grund. Das große Examen, das sie am Ende des Studiums machen müssen, ist richtungsentscheidend für ihre gesamte Karriere. „Nur wer zur absoluten Spitze gehört, kommt für beliebte Fachrichtungen wie Dermatologie oder Augenheilkunde infrage und kann selbst mitentscheiden, wo er arbeiten will“, erläutert die Deutsche.

Im Umkehrschluss heißt das: Wer schlecht abschneidet, wird einer Region zugeteilt – und landet zum Beispiel als Landarzt in den ländlichen, wenig entwickelten Gebieten im Osten der Türkei. Doch: „Obwohl der Konkurrenzkampf sehr groß ist, geht es harmonisch zu. Es herrscht eine gute, lockere Stimmung untereinander.“ Eine Folge des großen Drucks im Studium bekam Remold fast täglich direkt mit: die geringe Freizeit der türkischen Studenten. Eine klassische Antwort auf die Frage: Wollen wir nach der Uni was zusammen unternehmen? war: „Leider nein, ich muss lernen.“ Bereits zwei bis drei Jahre vor dem Examen tauchen die türkischen Studenten hinter ihren Büchern ab, berichtet Remold.

Das Medizinstudium ist in der Türkei nicht nur eine zeitliche Investition, sondern auch eine finanzielle. Um möglichst gut abzuschneiden, werden auch außerhalb der Unimauern private Medizinkurse belegt, teils sogar samstags und sonntags. Finanziert wird alles von der Familie. Es ist eine Investition, die sich lohnen soll: Arzt sein ist in der Türkei hoch angesehen, der Arztstatus „mehr wert als bei uns“, wie es Remold beschreibt. Dennoch übt Deutschland auf türkische Mediziner eine Magnetwirkung aus. „Viele absolvieren bereits im Studium Famulaturen in Deutschland. Nicht wenige türkische Ärzte wollen nach Deutschland gehen, um dort zu arbeiten.“ Deutschland ist so etwas wie „das gelobte Land“.

Vielleicht auch deshalb: Die Ausstattung am Universitätsklinikum in Istanbul sei „sehr viel schlechter“ als in Deutschland. Dabei investiert die türkische Regierung seit einigen Jahren massiv in die Versorgungsstruktur des Landes. Ziel ist es, die Gesundheitsversorgung an das Niveau im Westen anzugleichen. Unzufrieden sind die Türken mit der aktuellen Versorgung allerdings nicht. Zumindest war dies der Eindruck, den Remold in Istanbul gewonnen hat. Ihr Fazit: Die Türkei ist nicht nur für einen Urlaub eine Reise wert. Und ihr Horizont hat sich durch den Aufenthalt ein ganz großes Stück erweitert.

@Bisher in dieser Reihe erschienen: USA, Skandinavien, Schweiz, Großbritannien, Österreich, Thailand, Spanien, Indien, Frankreich, Kuba, Ungarn, Italien, Polen, Neuseeland unter: www.aerzteblatt.de/studieren/ausland

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