ArchivMedizin studieren3/2015Arzt-Patienten-Kommunikation: die Macht des Wortes

Studium

Arzt-Patienten-Kommunikation: die Macht des Wortes

Medizin studieren, 3/2015: 12

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Simulierte Patientengespräche finden bereits an vielen Medizinischen Fakultäten statt. Mit dem jetzt verabschiedeten Mustercurriculum Kommunikation soll das Feedback von Kommilitonen und Tutoren Routine werden. Foto: dpa
Simulierte Patientengespräche finden bereits an vielen Medizinischen Fakultäten statt. Mit dem jetzt verab­schiedeten Muster­curriculum Kommunikation soll das Feedback von Kommilitonen und Tutoren Routine werden. Foto: dpa

Das erste Nationale Mustercurriculum Kommunikation ist im Juli verabschiedet worden. Es sieht 300 Unterrichtseinheiten Gesprächstraining, verteilt über das gesamte Medizinstudium vor.

Zu Unrecht belächelt wird er häufig: der Placebo-Effekt. Dabei ist er eines der spannendsten Forschungsfelder in der Medizin und den Neurowissenschaften. Eine aktuelle Untersuchung am Universitätsklinikum Essen hat beispielsweise jetzt gezeigt, dass dabei auch Areale im Gehirn aktiv sind, die den sogenannten Belohnungszentren zugewiesen werden. Glaubt ein Patient an die Wirkung einer medizinischen Intervention, können Schmerzen effektiver gelindert werden. Um diese Hypothese zu bestätigen, gab ein Forscherteam am Universitätsklinikum Essen um Radiologin Dr. med. Nina Theysohn und Prof. Dr. med. Sigrid Elsenbruch vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie 60 gesunden Probanden ein Placebo-Präparat mit einer positiven Instruktion. Mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) ermittelten sie anschließend die Antwort des Gehirns auf verschiedene Schmerzreize.

Anzeige

Das Ergebnis: Hatten Probanden durch das Arzt-Patienten-Gespräch eine hohe Medikamentenerwartung, aktivierten sie die sogenannten Belohnungszentren des Gehirns (Nucleus accumbens und Mittelhirn). Eine niedrige Erwartung führte hingegen zu Aktivierungen in den klassischen Schmerzzentren (Thalamus, Cingulum, Insula, präfrontraler Cortex). Für Theyson steht deshalb fest: „Positive Erwartungen in einem Patienten zu erzeugen, ist extrem wichtig. Ärzte sollten ihren Patienten nicht nur sagen: ,Wenn Sie dieses Medikament nehmen, haben Sie vielleicht etwas weniger Schmerzen’ oder den Fokus des Gesprächs auf ein mögliches Therapieversagen oder mögliche Nebenwirkungen legen. Patienten sollten vielmehr das Gefühl haben, dass sie jetzt eine effektive Therapie erhalten, die auch schon vielen anderen geholfen hat.“

Gelegenheit zu solch positiv geführten Gesprächen haben Ärztinnen und Ärzte während ihres Berufslebens ausreichend: Mehr als 200 000 mal kommuniziert ein Arzt mit seinen Patienten und erhöht (oder senkt) damit den Behandlungserfolg. Obwohl von den Arzt-Patienten-Gesprächen so viel abhängt, wurde das Gesprächstraining an den Universitäten bisher eher stiefmütterlich behandelt. Noch immer wird es zu wenig und zu spät gelehrt.

Das soll sich mit dem erstens Mustercurriculum für Arzt-Patienten-Kommunikation jetzt ändern: Die Vertreter aller 37 deutschen Medizinischen Fakultäten verabschiedeten am 14. Juli das „Nationale longitudinale Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin“. Mit ihm sollen Medizinstudierende besser als bisher auf Gespräche mit Patienten vorbereitet werden – von der Impfberatung bis zum überbringen einer aussichtslosen Krebsdiagnose. „Das Konzept steht. Nun folgt die nächste Mammutaufgabe: die Einbindung in die bestehenden Curricula. Das soll bis 2017 abgeschlossen sein“, erklärt Projektleiterin Prof. Dr. med. Jana Jünger, Oberärztin am Universitätsklinikum Heidelberg, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt Medizin Studieren. „Im Idealfall beteiligen sich daran alle medizinischen Disziplinen mit zum jeweiligen Lehrinhalt passenden Fallbeispielen.“

Jünger sieht jedoch noch ein Manko: Künftig werden deutlich mehr speziell geschulte Tutoren und Dozenten benötigt als bisher. Und diese müssen erst einmal geschult werden. Denn bisher war der Unterricht in Arzt-Patienten-Kommunikation häufig sehr theoretisch und bezog sich eher auf allgemeine Gesprächsführung. Die Anwendung in den einzelnen Fächern mit ihren sehr unterschiedlichen Patientengruppen und jeweils anderen Kommunikationserfordernissen kam dabei zu kurz“, räumt sie ein. „Es ist aber etwas völlig anderes, ob man einen Patienten über Vorteile und Risiken einer Vorsorgeuntersuchung berät, mit ihm über ein Tabuthema wie Inkontinenz spricht oder jemandem mitteilen muss, dass sein Kind an einem Hirntumor leidet. Das kann man nicht theoretisch lernen.“ 

Zum Hintergrund: 2012 wurde die Arzt-Patienten-Kommunikation in der ärztlichen Approbationsordnung erstmalig explizit aufgenommen und ist seitdem offiziell Gegenstand der Lehre und der abschließenden Staatsprüfung. Im Juni hat der Medizinische Fakultätentag (MFT) den Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) verabschiedet, in dem explizit Lernziele für die Ärztliche Gesprächsführung formuliert sind. Insgesamt sieht das Nationale Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin 300 Unterrichtseinheiten für das Gesprächs-training vor.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema