ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2015Afghanistan: Wahida zeichnet ihr Leben

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Afghanistan: Wahida zeichnet ihr Leben

Jachertz, Norbert

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Eine junge Frau aus Afghanistan wird in einer Klinik in Rotenburg an der Wümme wegen Lepra behandelt. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Ja, wenn man das globale Elend betrachtet. Nein, wenn man den einzelnen Patienten im Blick hat.

Wahida Safa ist etwa 18 Jahre alt. Sie lebt in einem entlegenen Dorf im Norden Afghanistans, einige Busstunden von Masar-e Scharif entfernt, der Stadt, die durch den ISAF-Einsatz der Bundeswehr bekannt geworden ist.

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Wahida fehlen der linke Unterschenkel und die Zehen des rechten Fußes. Lepra. Die Unterschenkelamputation wäre an sich nicht nötig gewesen, hätten die afghanischen Ärzte gewusst, dass die junge Frau an Lepra erkrankt war. Deswegen war sie zehn Jahre zuvor schon einmal – erfolgreich – in Deutschland behandelt worden. In Rotenburg an der Wümme. Das wusste Wahida noch. Die afghanischen Ärzte zogen den deutschen Pathologen Dr. med. Gerhard Stauch zurate, der in Masar-e Scharif ein Hilfsprojekt betreut, und der bekam aus Rotenburg die Unterlagen. Dank E-Mail innerhalb eines Tages. Doch da war es schon zu spät. Wahida war kurzerhand operiert worden.

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Soweit die medizinische Geschichte wie sie Stauch berichtete und Prof. Dr. med. Michael Schulte aus Rotenburg bestätigt. Der ergänzt im Gespräch, dass sie in Rotenburg damals, als Wahida mit großen Wunden und Knocheninfektionen an beiden Füßen eingeflogen wurde, zunächst ziemlich ratlos waren. Erst eine junge Kollegin habe auf Lepra geschlossen, nachdem ihr bei Wahida merkwürdige weiße Flecken am Rücken aufgefallen waren. Es folgten eine medikamentöse Therapie und mehrere Operationen. Nach Monaten konnte Wahida als geheilt in ihr Dorf entlassen werden – bis die Erkrankung wieder aufflammte.

Mutige Chronistin: In ihren Zeichnungen erzählt Wahida den Alltag der Frauen in ihrem Dorf in Afghanistan und widersetzt sich damit den Taliban. Foto: Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg
Mutige Chronistin: In ihren Zeichnungen erzählt Wahida den Alltag der Frauen in ihrem Dorf in Afghanistan und widersetzt sich damit den Taliban. Foto: Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg

Mit Buntstiften zeichnet Wahida das Leben in ihrem Dorf. Aus weiblicher Sicht: Frauen beim Einkaufen, von Kopf bis Fuß verschleiert. Frauen beim Backen, beim Fegen mit dem Reisigbesen, beim Bedienen des Hausherren. Der sitzt ganz groß im Bild, selbstbewusst nach hinten gelehnt, während die Frau, klein und demütig, den Tee einschenkt.

Zeichnen trotz Bilderverbot

Die junge Frau zeichnet auch ihre Sehnsüchte: Frauen mit freiem Gesicht, schön wie Filmstars, Menschen mit Füßen, junge Leute, die laufen. Stauch hat einen Stoß Bilder mit nach Deutschland gebracht. Er ist in Aurich zuhause, nicht weit von Rotenburg. Dort wurden Wahidas bunte Zeichnungen einige Wochen lang ausgestellt – auch in der Hoffnung, es werde sich der ein oder andere Käufer finden, denn Wahida braucht das Geld, zur Selbstbestätigung wie zum Unterhalt. Gilt sie denn mit ihrer Behinderung noch etwas in ihrem Dorf, darf sich eine Frau eine offene Schilderung der Lebensverhältnisse überhaupt erlauben, was sagen die Taliban, die ihr Dorf kontrollieren, dazu, dass sie sich über das Bilderverbot hinwegsetzt? Fragen, die wir Wahida gerne gestellt hätten. Jedenfalls nötigt sie Stauch Respekt ab. Sie sei wirklich mutig.

Lange diakonische Tradition

Wie aber kam Wahida ausgerechnet nach Rotenburg an der Wümme? Die kleine Kreisstadt, gelegen zwischen Bremen und Hamburg, blickt auf eine lange diakonische Tradition zurück. Davon zeugt auch das Agaplesion-Diakonieklinikum mit seinen 800 Betten. Das Klinikum hält für Patienten wie Wahida ständig zwei Betten frei, finanziert aus Spendengeldern; Ärzte und Pflegepersonen arbeiten, was diese Patienten angeht, ehrenamtlich. Man kooperiert mit Organisationen der humanitären Hilfe. Diese wählen Patienten aus, die vor Ort nicht behandelt werden können und sich eine Behandlung in Deutschland, wo sie eine Chance hätten, nicht leisten können. Krankenhäuser, die solche Patienten aus armen Ländern aufnähmen, gebe es einige in Deutschland, vermerkt Schulte. In Rotenburg als einem Krankenhaus der Maximalversorgung sei man darauf ausgerichtet, besonders schwere, langwierige Fälle zu behandeln. Ein Tropfen auf den heißen Stein, fragen wir Schulte. Ja und Nein. Ja, betrachte man das globale Elend. Nein, wenn man den einzelnen Patienten im Blick habe. „Als Arzt helfe ich, wenn ich helfen kann. Alles andere wäre unethisch.“

Norbert Jachertz

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