ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2015Krebsbehandlung: Differenzierte Töne nur im Hintergrund

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Krebsbehandlung: Differenzierte Töne nur im Hintergrund

Wörmann, Bernhard

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Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, hat ein Buch über Krebs geschrieben. Darin spannt er für die Laienleserschaft einen weiten Bogen von Häufigkeit, Entstehung, neuen Therapieformen bis zu Vorbeugung und Früherkennung. Inhaltlicher und authentischer Schwerpunkt ist der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Anwendung von Arzneimitteln und vor allem auf deren Preisgestaltung. Durch Gegenüberstellung der demografischen Zahlen zu den alternden, von Krebskrankheiten bedrohten Babyboomer und der gesundheitsökonomischen Daten zum raschen Anstieg der Medikamentenkosten entsteht ein Schreckensszenario. Verschärft werde die Problematik durch den Innovationsschub in der Onkologie mit fast monatlicher Zulassung neuer, patentgeschützter und damit hochpreisiger Medikamente.

Die Fokussierung auf einen Feind, die pharmazeutische Industrie, und die Reduktion der Bewertung von Arzneimitteln auf die Gleichung „Wirksamkeit = Verlängerung der Überlebenszeit“ lässt differenzierte Zwischentöne in den Hintergrund treten. In kleinen Abschnitten findet man Hinweise auf die bisher unterbewertete Relevanz von Lebensqualität/Patient-Reported-Outcome, den Bedarf an unabhängigen Studien einschließlich Registern oder die Problematik der Lieferengpässe bei älteren Arzneimitteln.

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Deutlich wird das Misstrauen gegenüber dem AMNOG-Prozess. Lauterbach sieht keine Waffengleichheit zwischen Kostenträgern und Pharmaunternehmern. Das ist ein politisches Signal, auch im Unterschied zu anderen Akteuren, wie der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften, die ein verstärktes Engagement in diesem Prozess beschlossen hat.

Den Experten ärgern Ungenauigkeiten, wie die Zahl der zugelassenen Kinase-Inhibitoren (ich zähle 27 statt 16), veraltete Zahlen zum vermuteten Off-Label-Use oder patientenferne Formulierungen wie „dauerhaftes Überleben“. Das schmälert nicht das Verdienst des Buches: Hier hat sich ein Politiker aus der aktuellen Regierungskoalition in ein komplexes medizinisches Gebiet eingearbeitet, darüber ein allgemein verständliches Buch geschrieben und Position bezogen. Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Wert der Krebsbehandlung. Dazu trägt das Buch bei. Mehr Lob geht kaum. Bernhard Wörmann

Karl Lauterbach: Die Krebsindustrie. Wie eine Krankheit Deutschland erobert. Rowohlt 2015, 287 Seiten, gebunden, 19,95 Euro

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