ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2015Melde- und Dokumentationssystem: Komplikationen in der Geburtshilfe

THEMEN DER ZEIT

Melde- und Dokumentationssystem: Komplikationen in der Geburtshilfe

Sens, Brigitte; Berlage, Silvia; Franz, Heiko B. G.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ein aus der Perinatalerhebung hervorgegangenes Meldesystem für extrem seltene Massivkomplikationen in der Geburtshilfe soll zur Qualitätsentwicklung und Patientensicherheit beitragen.

Die fachlichen, methodischen und inhaltlichen Aspekte von Qualitätssicherung sind in Deutschland seit vielen Jahren geprägt von gesetzlich oktroyierten Maßnahmen: die Suche nach „auffälligen“ Kliniken und der „Strukturierte Dialog“ haben erstaunliche Akzeptanz erlangt. Selten geworden sind aus dem ärztlichen Selbstverständnis motivierte Initiativen zur proaktiven Qualitätsentwicklung (Ausnahmen wie Peer Review oder die fachlich-medizinischen Aspekte der Zertifizierung von Organzentren bestätigen diese Regel).

Auch die aktuellen gesundheitspolitischen Ziele mit dem Fokus auf Qualität und Transparenz der Versorgung lassen durch die anstehende Gesetzgebung in Form des Krankenhausstrukturgesetzes und die Gründung des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen nicht unbedingt erwarten, dass die intrinsische Motivation der Leistungserbringer zur Qualitätsentwicklung gestärkt wird. So ist das German Obstetric Surveillance System (GerOSS) ein Beispiel, wie ein ärztlich initiiertes Projekt mit dem Ziel einer optimierten Notfallversorgung gelingen kann.

Anzeige

GerOSS ist ein webbasiertes Melde- und Dokumentationssystem für schwerste, sehr selten auftretende Geburtskomplikationen, die das Leben von Mutter und Kind akut gefährden können. Hierzu zählen Uterusruptur, Eklampsie oder Fruchtwasserembolie. Diese haben meist einen fulminanten Verlauf, bei dem alles davon abhängt, dass Ärzte und Hebammen schnell die richtige Entscheidung treffen. Allerdings werden Ärzte im normalen Klinikalltag so gut wie nie damit konfrontiert, erleben vielleicht einmal einen dieser hochdramatischen Fälle. Unter der Maxime, für Mutter und Kind das höchste Maß an Sicherheit zu bieten, müssen Risikofaktoren identifiziert, präventive Maßnahmen ergriffen und die besten Behandlungsstrategien allen Beteiligten bekannt sein.

Lernen aus Fallbeispielen

Angelehnt an Vorläufermodelle, wie UKOSS (United Kingdom Surveillance System) oder AMOSS (Australasian Maternity Outcomes Surveillance Systems) wurde seit 2009 ein Meldesystem zur Erfassung ausgewählter, sehr seltener geburtshilflicher Komplikationen aufgebaut. Die Akquise der freiwillig und ohne Vergütung teilnehmenden Kliniken, die Etablierung eines wissenschaftlichen Beirates sowie Expertenarbeitsgruppen und die Entwicklung eines Berichtssystems waren weitere Schritte. Die Methodik des Lernens aus Fallbeispielen, ergänzt durch die aggregierten Ergebnisse, wird in Form von Lernmodulen angeboten.

Das Vorhaben wird gefördert durch die „Qualitätsinitiative e.V.“, den niedersächsischen Verein zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen. Das Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) hat es gemeinsam mit der Bayerischen Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung in der stationären Versorgung entwickelt. GerOSS konnte in Niedersachsen flächendeckend (77/78), in Bayern (46/119) und Berlin (16/20 Frauenkliniken) etabliert werden. Insgesamt 150 Kliniken nehmen derzeit teil. Bisher wurden 1 047 Ereignisse im Zeitraum 2010 bis 2014 gemeldet (Grafik).

Fallzahlen im GerOSS-Projekt 2010–2014 (n = 1 047)
Grafik
Fallzahlen im GerOSS-Projekt 2010–2014 (n = 1 047)

Die Analyse der gemeldeten Massivkomplikationen hat ergeben, dass häufig keine gezielte Diagnostik bei bekannter Risikokonstellation erfolgte, so dass einer kritischen Situation nicht frühzeitig genug gegengesteuert wurde (etwa Uterusruptur bei Z. n. Sectio). Auch wurden Empfehlungen der Fachgesellschaften bei der Schwangerschaftsbetreuung nicht konsequent umgesetzt. So hatten von den analysierten Eklampsien (n = 55) rund 70 Prozent der Frauen bereits in der Schwangerschaft einen diastolischen Blutdruck > 90 mmHg (Prädiktor für eine Präeklampsie/Eklampsie), eine Dopplersonographie zur Detektion einer Präeklampsie gab es jedoch nur in einem Drittel der Fälle. Auch konnte gezeigt werden, dass bei massiver postpartaler Blutung die verfügbaren Maßnahmen zur Organerhaltung vor der Entscheidung zur Hysterektomie nicht ausgeschöpft wurden. Demzufolge müssen Instrumente bereitgestellt werden (online oder als Smartphone-Applikation), die ad hoc den entsprechenden Handlungsalgorhythmus bei plötzlich auftretender Komplikation aufzeigen.

So ist zunächst das Vorhaben gelungen, standardisiert geburtshilfliche Notfälle in ihrem Verlauf zu erfassen, fundiertes Wissen über Hochrisikokollektive mit einer validen Datenbasis zu generieren und die Projektbeteiligten zur konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung mit den Ergebnissen anzuregen.

Allerdings handelt es sich um ein langfristiges Vorhaben: Für die systematische Analyse, Aufarbeitung und Formulierung von Empfehlungen für strukturelle, organisatorische und fachliche Anforderungen durch Experten ist bei seltenen Ereignissen ein langer Atem notwendig – und demzufolge eine längerfristig gesicherte Finanzierung.

Breitere Finanzierung nötig

Für eine flächendeckende Etablierung hierzulande sollen nun weitere Bundesländer beziehungsweise Geburtskliniken die Möglichkeit erhalten, am GerOSS-Projekt teilzunehmen. Es ist nach Ende der Förderphase notwendig, die Projektfinanzierung auf mehrere Schultern zu verteilen und die Aktivitäten mit den Fachgesellschaften für Geburtshilfe und Frauenheilkunde zu verknüpfen. Ergänzend können Instrumente zur Verbesserung der Patientensicherheit, wie Notfalltrainings für geburtshilfliche Teams (Simulation) mit Fallkonstellationen aus GerOSS, angeboten werden. Derzeit stehen die wissenschaftliche Auswertung des über Jahre gewonnenen Datenmaterials und die Erarbeitung von evidenzbasierten Handlungsalgorhythmen zur IT-gestützten Umsetzung auf dem Programm.

Ein Exposée und Literatur sind bei den Verfassern erhältlich.

Dr. phil. Brigitte Sens, Silvia Berlage
Zentrum für Qualität und Management im
Gesundheitswesen (ZQ) der Ärztekammer Niedersachsen, 30175 Hannover

Priv.-Doz. Dr. med. Heiko B. G. Franz
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Städtisches Klinikum Braunschweig

Fallzahlen im GerOSS-Projekt 2010–2014 (n = 1 047)
Grafik
Fallzahlen im GerOSS-Projekt 2010–2014 (n = 1 047)

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote