SUPPLEMENT: Perspektiven der Pneumologie & Allergologie

Allergien: Wie man der „Epidemie“ begegnen will

Dtsch Arztebl 2015; 112(40): [31]; DOI: 10.3238/PersPneumo.2015.10.02.09

Schmitt-Sausen, Nora

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Finnland verfügt beispielsweise über ein spezielles Allergieprogramm, das von der Welt­gesund­heits­organi­sation als Vorzeigeprojekt angeführt wird. Sein Erfolgsmerkmal ist ein von Fachkräften begleitetes Selbstmanagement.

Foto: Fotolia/XtravaganT
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Nicht nur in Deutschland nimmt die Zahl derer, die auf harmlose Substanzen körperlich überreagieren, zu. Allergische Reaktionen sind zu einem weltweiten Phänomen geworden – sowohl in Industrienationen als auch in Entwicklungsländern, wie die World Allergy Organization (WAO) in ihrem White Book on Allergy (Update 2013) schreibt. Dazu gehören Asthma, Rhinitis, Anaphylaxie, Medikamenten-, Nahrungsmittel- und Insektenallergie, Ekzeme, Urtikaria sowie Angioödem.

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Der Anstieg ist besonders für Kinder problematisch. Sie tragen die größte Last an dem steigenden Trend, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu beobachten ist. Trotz dieser Zunahme ist die Versorgung von Patienten mit allergischen Erkrankungen selbst in den Industriestaaten lückenhaft und alles andere als ideal (1), Die WAO nennt Zahlen: Zwischen zehn und 30 Prozent der Weltbevölkerung sei allein von allergischer Rhinitis betroffen. In der westlichen Welt steige die Prävalenz von Allergien seit 50 Jahren stetig. Die Ursachen dafür sind nicht bekannt und die Mechanismen, die zu den Sensibilisierungen führten, noch nicht vollständig erforscht, analysiert die Organisation. Genetik, Umwelteinflüsse und Lebensstil werden als Erklärungsansätze genannt.

Allergiker in Deutschland sind unterversorgt

Die Analyse der WAO deckt sich mit dem, was Allergologen und Gesundheitsexperten hierzulande berichten. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund beziffert die Zahl der Allergiker in Deutschland auf 30 Millionen. Die Wasem-Studie, ein viel zitiertes Gutachten des Gesundheitsökonoms Prof. Dr. med. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen, besagt, dass die Asthma- und Rhinitis-Prävalenz in Deutschland deutlich gestiegen ist. Das Global Allergy and Asthma European Network GA2LEN, ein von der Europäischen Union geförderter Wissenschaftlerverbund, stellt die These auf, dass heute 40 Prozent der europäischen Bevölkerung unter mindestens einer Allergie leiden. Ein großer Teil der Betroffenen sei nicht ausdiagnostiziert.

Auch Deutschland zählt zu den Industrienationen, in denen die Versorgung der Allergiker einer Verbesserung bedarf. Trotz der hohen Zahl von Betroffenen geht die Zahl der Allergologen hierzulande zurück: Nur noch 1,5 Prozent der deutschen Ärzte verfügen nach Angaben des Deutschen Allergie- und Asthmabundes über allergologische Fachkenntnisse. Die Wasem-Studie besagt, dass die Zahl der Praxen, die allergologische Diagnostik und Therapie durchführt, zwischen 2007 und 2010 um rund ein Drittel abgenommen hat. Eine weitere Erkenntnis der Studie ist: Die spezifische Immuntherapie, die auch von der WAO grundsätzlich als effektive Behandlungsmethode erachtet wird, werde immer seltener durchgeführt. Allergiker würden damit nicht leitliniengerecht behandelt.

Das Aktionsforum Allergologie, ein Zusammenschluss von wissenschaftlichen Gesellschaften und ärztlichen Berufsverbänden, setzt sich für ein bundesweites Präventionsprogramm und ein umfassendes Versorgungskonzept ein. Die Experten fordern, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss ein Disease Management Programme (DMP) für Allergiker auf den Weg bringt. Das Aktionsforum hat nach eigenen Angaben Ende 2014 die Antworten zum umfangreichen Fragenkatalog für das DMP-Allergie zur Antragszulassung vorgelegt. Eine Genehmigung des Behandlungsprogramms wurde aber nicht erreicht.

Als Vorbild im Umgang mit der Allergieproblematik gilt Finnland. Auch die Bevölkerung des skandinavischen Landes ist stark von Allergien betroffen, das Land stellt sich der Herausforderung gewohnt pragmatisch: Ein Problem wird erkannt, analysiert und angegangen. Bereits im Jahr 2008 setzte Finnland auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ein Allergieprogramm in Kraft, das darauf abzielt, die Belastungen durch Allergien zu verringern. Es läuft zehn Jahre bis zum Jahr 2018.

Im Programm sind konkrete Endziele festgeschrieben

Stufenweise werden darin nach und nach einzelne Akteure und Personengruppen innerhalb und außerdem des staatlich organisierten Gesundheitsdienstes für das Problem sensibilisiert. Gesundheitsexperten, Wissenschaftler, Non-Profit-Organisationen, Ärzte, Krankenschwestern, später Patienten und die allgemeine Bevölkerung, bis hin zu Kindertagesstätten und Schulen. Genutzt werden dabei Erfahrungen, die bei der Etablierung eines erfolgreichen Asthmaprogramms (1994–2004) gemacht worden waren. In dem Aktionsplan werden sechs Punkte definiert:

  • Bessere Allergieprävention
  • Steigerung der Allergentoleranz
  • Verbesserung der Diagnostik
  • Reduktion von arbeitsbedingten Allergien
  • Optimale Allergieversorgung
  • Reduzierung der Versorgungskosten

Auch konkrete Endziele sind in dem Programm festgeschrieben. So soll es bis 2018 beispielsweise gelungen sein, die Prävalenz von Asthma, allergischer Rhinitis und atopischem Ekzem um 20 Prozent zu reduzieren und die Versorgungskosten um 20 Prozent zu verringern. Die Zahl der Asthma-Notfall-Behandlungen soll um 40 Prozent fallen. Für jedes Ziel wurden bestimmte Aufgaben, Instrumente und Evaluierungsmethoden definiert.

Erste Zwischenbilanzen fallen positiv aus. Im Jahr 2012 – also vier Jahre nach Programmstart – heißt es: „Die vorläufigen Ergebnisse sind vielversprechend. Einige Gesundheitsindikatoren zeigen, dass die Allergiebelastung in Finnland abflacht und sogar rückläufig ist.“ (2) Ein zentrales Erfolgsmerkmal sei ein von Fachkräften begleitetes Selbstmanagement, durch das Betroffene Hilfestellungen für den richtigen Umgang mit der Allergie bekommen. Das Allergieprogamm der Finnen bekommt nicht nur in Deutschland Aufmerksamkeit. Es wird von der Welt­gesund­heits­organi­sation als Beispielprojekt geführt.

Die Finnen wenden sich in ihrem Allergieprogramm an vielen Stellen von dem Dogma der Allergenvermeidung ab. Diese hätte sich als nicht wirksam erwiesen. Stattdessen herrscht Konsens darüber, dass die Wiederherstellung und Stärkung der Toleranz der richtige Weg zu einer besseren Immunbalance ist und mehr im Fokus stehen sollte. Dies gelte auch beim Thema Essen; hier bricht Finnland mit strikten Auslassdiäten.

Neue Erkenntnisse bei Nahrungsmittelallergien

In diese Richtung gehen auch Erkenntnisse, die britische Forscher jüngst gewonnen haben. Nach einer Studie, die im Februar auf der Jahrestagung der American Academy of Allergy, Asthma and Immunology in Houston/USA vorgestellt und im New England Journal of Medicine publiziert worden ist, kann das frühe Füttern von Säuglingen mit erdnusshaltigen Produkten eine spätere Erdnussallergie verhindern. Durch die Studie werden frühere Konzepte der Allergenvermeidung widerlegt. Allein mit Blick auf Erdnussallergiker sagen die Autoren: „Die Prävalenz von Erdnussallergien bei Kindern hat sich in westlichen Ländern in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt, zudem wird die Erdnussallergie in Afrika und Asien sichtbar.“ (3)

Ob Asthma bronchiale, Rhinitis oder Nahrungsmittelallergie: Die WAO warnt vor den hohen Bürden, die durch nicht oder falsch behandelte Allergien für die Bevölkerung und Gesundheitssysteme in aller Welt zunehmend entstünden. Die Organisation fordert, Allergien als „zentrales Problem der öffentlichen Gesundheit“ zu betrachten. Auch auf europäischer Ebene wird Bewegung eingefordert.

In einem Positionspapier der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) fordern Wissenschaftler intensivere Forschungsbemühungen, um die Ausbreitung von Allergien besser zu verstehen und Betroffene adäquat behandeln zu können. Ende März formierte sich im Europäischen Parlament mit Unterstützung der EAACI eine Interessensgruppe für Allergien und Asthma. Ihr Ziel: Eine klare, einheitliche politische Strategie, um das Problem der „Allergieepidemie“ EU-weit anzugehen.

DOI: 10.3238/PersPneumo.2015.10.02.09

Nora Schmitt-Sausen

@Internetadressen:
www.aerzteblatt.de/lit4015

1.
World Allergy Organization (WAO), White Book on Allergy: Update 2013, S. 11, abgerufen online unter www.worldallergy.org/UserFiles/file/WhiteBook2–2013-v8.pdf (Finaler Aufruf 10. 4. 2015)
2.
Vortrag von Tari Haahtela vom Skin and Allergy Hospital, Helsinki University, auf dem 9. Symposium on Specific Allergy, Berlin September 2012, Abstract, S. 52, abgerufen online unter: http://d.aerzteblatt.de/FM19 (Finaler Aufruf 10. 4. 2015)
3.
Du Toit G, et al.: Randomized trial of peanut consumption in infants at risk of peanut allergy. N Engl J Med 2015; 372: 803–13 CrossRef MEDLINE PubMed Central
e2.
Finnlands Allergie Programm http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1398–9995.2008.01712.x/pdf . Zwischenbilanz der Finnen nach vier Jahren; Vortrag von Tari Haahtela vom Skin and Allergy Hospital, Helsinki University, auf dem 9. Symposium on Specific Allergy, Berlin September 2012:
e6.
Wasem-Studie http://www.aeda.de/fileadmin/user_upload/PDF/Aktuelles/2013/Wasem-Studie_dt.pdf
e7.
Studie zu Erdnussallergie im New England Journal of Medicine:http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1414850
e8.
EAACI-Positionspapier http://www.ctajournal.com/content/pdf/2045–7022–2–21.pdf
1.World Allergy Organization (WAO), White Book on Allergy: Update 2013, S. 11, abgerufen online unter www.worldallergy.org/UserFiles/file/WhiteBook2–2013-v8.pdf (Finaler Aufruf 10. 4. 2015)
2.Vortrag von Tari Haahtela vom Skin and Allergy Hospital, Helsinki University, auf dem 9. Symposium on Specific Allergy, Berlin September 2012, Abstract, S. 52, abgerufen online unter: http://d.aerzteblatt.de/FM19 (Finaler Aufruf 10. 4. 2015)
3.Du Toit G, et al.: Randomized trial of peanut consumption in infants at risk of peanut allergy. N Engl J Med 2015; 372: 803–13 CrossRef MEDLINE PubMed Central
e1.White Book WAO http://www.worldallergy.org/UserFiles/file/WhiteBook2–2013-v8.pdf
e2.Finnlands Allergie Programm http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1398–9995.2008.01712.x/pdf . Zwischenbilanz der Finnen nach vier Jahren; Vortrag von Tari Haahtela vom Skin and Allergy Hospital, Helsinki University, auf dem 9. Symposium on Specific Allergy, Berlin September 2012:
e3.Abstract http://www.sosa-symposium.com/media/1150/Tari%20Haahtela,%20Erkka%20Valovirta,%20Erja%20Tommila,%20Mi ka%20J%20M%C3%A4kel%C3%A4,%20and%20the%20Fin nish%20Allergy%20Programme%20Committee.pdf
e4.Präsentation http://issuu.com/sosa-symposium/docs/tari_haahte la?e=6373925/4363409
e5.Vortrag http://www.sosa-symposium.com/speakers/tari-haahtela.aspx
e6.Wasem-Studie http://www.aeda.de/fileadmin/user_upload/PDF/Aktuelles/2013/Wasem-Studie_dt.pdf
e7.Studie zu Erdnussallergie im New England Journal of Medicine:http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1414850
e8.EAACI-Positionspapier http://www.ctajournal.com/content/pdf/2045–7022–2–21.pdf

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