ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2015Deutscher Hausärztetag: Gute Versorgung braucht Struktur

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Deutscher Hausärztetag: Gute Versorgung braucht Struktur

Beerheide, Rebecca; Rieser, Sabine

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Weiter geht’s: Der alte und neue Bundesvorsitzende, Ulrich Weigeldt, will auch künftig „für eine bessere und modernere hausärztliche Versorgung“ kämpfen. Foto: axentis.de
Weiter geht’s: Der alte und neue Bundesvorsitzende, Ulrich Weigeldt, will auch künftig „für eine bessere und modernere hausärztliche Versorgung“ kämpfen.
Foto: axentis.de

Eine Bilanz zu den Hausarztverträgen gehört zu jeder Jahresversammlung des Berufsverbands. Doch auch über Honorarnachteile, Nachwuchsförderung und über die Herausforderungen durch die Flüchtlingsströme wurde beim Hausärztetag diskutiert.

Leider könne er jetzt kein Interview mehr geben, beschied Ulrich Weigeldt einem Journalisten nach dem Ende der Pressekonferenz am vergangenen Freitag: „In einer Minute muss ich mich zur Wahl stellen.“ Kurz danach hatten 92 Prozent der Delegierten des Deutschen Hausärzteverbands (HÄV) in Berlin ihren bisherigen Bundesvorsitzenden für vier weitere Jahre im Amt bestätigt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. Als erster stellvertretender Vorsitzender wurde Dr. med. Dieter Geis (Bayern) im Amt bestätigt, als zweiter Dr. med. Berthold Dietsche (Baden-Württemberg), als dritte Dipl. Med. Ingrid Dänschel (Sachsen).

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In seinem Bericht zur Lage hatte Weigeldt am Tag zuvor als erstes die aktuell größte Herausforderung in Deutschland angesprochen: die Versorgung der Flüchtlinge. „Wir gehen davon aus, dass jenseits von Parteiengezänk sichergestellt werden kann, dass die medizinische Versorgung geordnet organisiert wird“, sagte er. Der HÄV fordert, zügig realitätsnahe Strukturen zur Versorgung der asylsuchenden Menschen zu schaffen.

Mentoren für Flüchtlinge

Dazu müsse nicht nur die notwendige medizinische Behandlung gesichert werden, auch müsste unbürokratische, aber strukturierte Hilfe zur Verfügung gestellt werden. Ebenso sollten medizinische Fachkräfte, die um Asyl bitten, schnell in die Versorgung eingebunden werden. Dafür schlagen die Delegierten ein Mentorenprogramm vor, mit dem diese „so weiterqualifiziert werden, dass ihnen auch eine berufliche Perspektive im Rahmen des deutschen Gesundheitssystems eröffnet werden kann“.

Der wiedergewählte Bundesvorsitzende ging darüber hinaus in seiner Rede auf eine Vielzahl von Themen ein. Zwar zeigte er sich zufrieden darüber, dass fast 17 000 Hausärztinnen und -ärzte sowie knapp vier Millionen Versicherte in Hausarztverträge eingeschrieben sind. Doch „auch heute ist es kein Zuckerschlecken, mit Krankenkassen über einen Vertrag zu verhandeln“. Allerdings gebe es mehr und mehr Abschlüsse, zuletzt in Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Zudem interessierten sich immer mehr Facharztgruppen dafür, koordiniert mit eigenen Versorgungsverträgen an Hausarztverträge „anzudocken“.

Für entscheidend hält Weigeldt die konsequente Förderung des Nachwuchses, vor allem durch einen Ausbau des Förderprogramms Allgemeinmedizin. Auch eine adäquate Vergütung während der allgemeinärztlichen Weiterbildung, „die nicht unterhalb des Klinikgehaltes liegen kann“ hat der Verband im Blick, sagte Weigeldt. Man wolle insgesamt für alle in der hausärztlichen Versorgung, „ob niedergelassen oder angestellt, auskömmliche und adäquate Honorarbedingungen erreichen“.

Ebenso will der HÄV junge Ärzte in den eigenen Reihen stärken. Dazu wurde das Forum Allgemeinmedizin gegründet, dessen Sprecher an den Sitzungen des Geschäftsführenden Vorstandes teilnehmen sollen. Auch will sich der Verband aktiv in die Diskussion um den Masterplan Medizinstudium 2020 einbringen. Hier habe er mit der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Vorschläge erarbeitet: Das praktische Jahr soll in Quartale unterteilt werden, wovon mindestens eines in der ambulanten Versorgung abgeleistet wird, und Allgemeinmedizin soll drittes verpflichtendes Prüfungsfach im dritten Staatsexamen werden. Die Pflichtfamulatur in Allgemeinmedizin könne dann entfallen.

Ärger wegen Arztenlastung

An anderer Stelle fehlen dem Verband Kompromisse. So kritisierte Weigeldt, dass vielerorts die für 2015 ausgehandelten zusätzlichen hausärztlichen Honorare nicht abgerufen werden könnten, weil die Vorgaben für die sogenannten Chronikerziffern zu kompliziert und die Vorgaben für die Abrechnung arztentlastender Leistungen ungerecht seien.

Hintergrund: Eine Qualifikation zur nichtärztlichen Praxisassistentin ist Voraussetzung für solche Abrechnungen nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab. In vielen Hausarztpraxen haben sich Mitarbeiterinnen jedoch nach einem anderen Curriculum zur VERAH qualifiziert. Diese Qualifikation führe „in Kombination mit Mindestfallzahlen und einer Fallobergrenze dazu, dass der Großteil des Honorars nicht abgerufen werden kann“, rügte Weigeldt.

Rebecca Beerheide, Sabine Rieser

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