ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2015Körperbilder: Sandro Botticelli (1444/45–1510) – Liebreiz und Melancholie

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Sandro Botticelli (1444/45–1510) – Liebreiz und Melancholie

Dtsch Arztebl 2015; 112(40): [60]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Sandro Botticelli: „Venus“, 1490, Öl/Tempera auf Leinwand, 158,1 × 68,5 cm: Eine nackte junge Frau präsentiert sich fast in Lebensgröße frontal dem Betrachter. Mit ihrer rechten Hand bedeckt sie eine Brust. Ihre andere Hand, die in einen Strang ihres langen, gewellten Haars greift, verbirgt ihre Scham. Der dunkle Bildhintergrund lässt ihr träumerisch in sich gekehrtes Gesicht und ihren alabasterfarbenen Körper skulptural hervortreten. Mit der Liebesgöttin schuf Botticelli Ende des 15. Jahrhunderts den ersten lebensgroßen Akt in der Malerei. Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders
Sandro Botticelli: „Venus“, 1490, Öl/Tempera auf Leinwand, 158,1 × 68,5 cm: Eine nackte junge Frau präsentiert sich fast in Lebensgröße frontal dem Betrachter. Mit ihrer rechten Hand bedeckt sie eine Brust. Ihre andere Hand, die in einen Strang ihres langen, gewellten Haars greift, verbirgt ihre Scham. Der dunkle Bildhintergrund lässt ihr träumerisch in sich gekehrtes Gesicht und ihren alabasterfarbenen Körper skulptural hervortreten. Mit der Liebesgöttin schuf Botticelli Ende des 15. Jahrhunderts den ersten lebensgroßen Akt in der Malerei. Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders

Ob als Covergirl der Vogue oder Werbe-Ikone, als Warhols „Digital Amiga“ oder Dalis Meerjungfrau – Botticellis „Venus“ hat wie kaum ein anderes Kunstwerk unsere Populärkultur und neuere Kunst inspiriert. Fast jeder kennt sie, zumindest aus den millionenfach gedruckten Reproduktionen. Die goldene Nymphe avancierte so zum festen Bestandteil unseres universalen Bildgedächtnisses. Nicht nur, weil sich in der Venus Liebreiz mit Melancholie paart und ihr Körper mit seinen klaren Linien als Inbegriff weiblicher Schönheit und Femininität gilt. Auch durch einen Kunstgriff schuf Botticelli vor mehr als 500 Jahren die Voraussetzung für die anhaltende Popularität seiner Nackten: Indem er sie in seiner „Geburt der Venus“ (heute in den Uffizien in Florenz) inmitten von Gottheiten der griechischen Mythologie am Meeresufer einer Muschel entsteigen ließ und sie etwa zeitgleich in zwei weiteren lebensgroßen Bildern jeweils isoliert darstellte und so „ihren statuarischen Charakter unterstützte“, wie es im Ausstellungskatalog heißt.

Seine hier vorgestellte, nach ihrer Sammlungszugehörigkeit so genannte Berliner Venus entspricht bis auf Details der Haartracht exakt ihrer Doppelgängerin auf der Muschelschale. Frührenaissancekünstler Botticelli ließ sich für sein monumentales Aktbild von der antiken Skulptur der „Venus pudica“, der schamhaft ihre Blößen bedeckenden Venus, leiten. Seine Verherrlichung des unbekleideten Frauenkörpers kam im Mittelalter einer Revolution gleich – vor allem ohne die mythologische Legitimation der Venus als aus dem Meer geborene Göttin der Liebe und der Schönheit, die zudem als Schutzgöttin der Eheschließung verehrt wurde.

Anzeige

Obwohl Botticelli neben seinen berühmten Allegorien großartige Porträts und Altarbilder schuf, geriet er nach seinem Tod für fast 400 Jahre in Vergessenheit. Erst mit der englischen Künstlerbewegung der Präraffaeliten wurde sein Werk im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Insbesondere die mythologischen Gemälde „Geburt der Venus“ und „Primavera“ begründeten seinen erneuten Ruhm. Allerdings entwickelte seine „Venus“ dabei ein derartiges Eigenleben und wurde so oft repliziert, dass ihr Schöpfer und sein Original darüber zuweilen in den Hintergrund gerieten. Sabine Schuchart

Ausstellung

„The Botticelli Renaissance”

Gemäldegalerie/Kulturforum,
Matthäikirchplatz 4, Berlin

Di.–Fr. 10–18,
Do. 10–20,
Sa./So. 11–18 Uhr

www.botticelli-renaissance.de

bis 24. Januar 2016

Victoria and Albert Museum, London

5. März bis 3. Juli 2016

„The Botticelli Renaissance“, Katalog zur Ausstellung, Sprache: Deutsch, geb. Ausg., 336 S., Hirmer 2015; 39,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige