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Flüchtlingsgipfel: Ein guter Schritt voran

Dtsch Arztebl 2015; 112(40): A-1591

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt,
Stellv. Chefredakteur

Das „Sommermärchen“ bescherte Deutschland 2006 nicht nur den dritten Platz bei der Fußballweltmeisterschaft, sondern auch ein neues Image. Waren die Deutschen zwar als „Organisationsweltmeister“ anerkannt, so galten sie darüber hinaus eher als griesgrämige Pedanten, die humorlos durchs Leben liefen. Vier Wochen Fußballfest änderten dies: Deutschland war plötzlich weltoffen, gastfreundlich und weiterhin Organisationsweltmeister.

Im Spätsommer 2015 – manche sprechen angesichts der Welle der Hilfsbereitschaft wieder von einem Sommermärchen – sind Organisationstalent und Gastfreundschaft mehr denn je gefragt. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und weiteren Ländern, in denen Krieg und Verfolgung das Leben unmöglich machen, stellen Deutschland auf eine harte Probe. Das Land ächzt unter der Last Tausender Flüchtlinge: Registrierung, Verteilung der Flüchtlinge, Aufbau von Unterkünften, medizinische Versorgung. All dies gelingt nur unter größter Anstrengung. Aber Deutschland macht ein gutes Spiel.

Denn während sich die Politiker gegenseitig Vorwürfe machen, melden sich Hunderte ehrenamtlicher Helfer, nehmen Bundesbürger privat Flüchtlinge auf und spenden Kleidung für den bevorstehenden Winter. Die Ärztekammer Berlin berichtet von mehr als 800 Ärzten, die freiwillig helfen wollten. Die Universitätsmedizin Rostock stellte für Erstaufnahmelager in Mecklenburg-Vorpommern Ärzte und Assistenzpersonal zur Verfügung, um die Eingangsuntersuchungen schneller abwickeln zu können. Ärztliche Initiativen wie „Refudocs“ helfen, wo sie können, um nur einige der vielen Beispiele aus dem Gesundheitswesen zu nennen.

Aber ehrenamtliche Hilfe allein reicht auf Dauer nicht aus: Mehr staatliche Unterstützung und Koordination sind gefragt. Und so sind die Ergebnisse des Flüchtlingsgipfels zwar überfällig, aber ein guter Schritt voran nach all den politischen Querelen zwischen Regierungskoalition und Opposition, bei denen man den Eindruck gewinnen konnte, es sei Wahlkampf.

Die Gesundheitskarte für Flüchtlinge kann kommen, auch wenn die Entscheidung letztendlich den Ländern überlassen bleibt: Der Bund schafft die Voraussetzungen, damit die Länder die gesetzlichen Krankenkassen verpflichten können, die medizinische Versorgung von Asylbewerbern abzuwickeln. Das baut Bürokratie ab. Sozial- oder Gesundheitsämter müssen keine Berechtigungsscheine mehr für den Arztbesuch ausstellen, und Ärztinnen und Ärzte müssen keine zeitraubenden Telefonate mehr mit den Ämtern führen. Zudem werden Engpässe bei der Registrierung vermieden.

Aber dass der Abbau von bürokratischen Hürden nicht immer zielführend ist, hat der Flüchtlingsgipfel auch registriert. Die ursprüngliche Planung, die Bundesärzteordnung zu ändern, sodass eine eidesstattliche Bestätigung eines Flüchtlings zum Abschluss einer ärztlichen Berufsausbildung als Nachweis ausreicht, um ärztlich tätig zu werden, ist vom Tisch. Eine vorübergehende Ermächtigung wird aber diskutiert. Asylsuchende mit einer Ausbildung in einem medizinischen Heilberuf sollen den Beschlüssen zufolge in „die medizinische Erstversorgung von anderen Asylsuchenden in den zentralen Aufnahmeeinrichtungen eingebunden werden dürfen“. (Mehr zur Flüchtlingsversorgung Seite 1602)

Bleibt zu hoffen, dass die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung anhält und die Politik weiter pragmatische Entscheidungen im Sinne von Flüchtlingen und Helfern trifft.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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