ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2015Test für Medizinische Studiengänge: Der TMS im Aufwind

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Test für Medizinische Studiengänge: Der TMS im Aufwind

Dtsch Arztebl 2015; 112(40): A-1618 / B-1342 / C-1314

Cappel, Sarah; Kadmon, Guni; Kadmon, Martina

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Mehr als die Hälfte der medizinischen Fakultäten in Deutschland nutzt mittlerweile den Test in ihren Auswahlverfahren für die Zulassung zum Medizinstudium.

Der Test für Medizinische Studiengänge besitzt eine hohe Vorhersagekraft für den Erfolg im vorklinischen Teil des Medizinstudiums. Foto: iStockphoto

Seit 2007 erlebt der Test für Medizinische Studiengänge (TMS) eine Renaissance und ermöglicht es Medizinstudiumbewerbern ohne Bestnoten im Abitur auch ohne Wartezeit einen Studienplatz in den Fächern Humanmedizin und Zahnmedizin zu erhalten (1). Zunehmend treten Medizinische Fakultäten in ganz Deutschland einem Kooperationsverbund bei und nutzen den TMS als zusätzliches Kriterium neben dem Abitur im Auswahlverfahren der Hochschulen. Bei der Zulassung zum Wintersemester 2015/2016 sind es 19, bei der Zulassung 2016/2017 werden es voraussichtlich 22 staatliche medizinische Fakultäten sein. Gesetzliche Grundlage ist die Novellierung des Hochschulrahmengesetzes im Jahr 2004 (2). Mit der Durchführung des Tests ist die Koordinationsstelle TMS beauftragt, die an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg angesiedelt ist.

Der Test für Medizinische Studiengänge ist ein fachspezifischer Studierfähigkeitstest, der das Verständnis für naturwissenschaftliche und medizinische Problemstellungen prüft und eine hohe Vorhersagekraft für den Erfolg im vorklinischen Teil medizinischer Studiengänge besitzt (1). Für die Konzeption des Tests ist seit über 30 Jahren die ITB Consulting GmbH, früher das Institut für Test- und Begabungsforschung der Studienstiftung des Deutschen Volkes, verantwortlich, die bereits in den 1990er Jahren den hohen Prädiktionswert des Tests für die Studienleistungen belegen konnte (3, 4). Der Test dauert etwas länger als fünf Stunden und besteht aus neun Aufgabengruppen, die verschiedene, für ein Medizinstudium relevante Fähigkeiten abbilden, ohne dass medizinisches Vorwissen erforderlich ist.

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Starke Zunahme seit 2007

Ganz zentral ist die Feststellung, inwieweit Teilnehmer komplexe Informationen aus längeren Texten, Tabellen oder Grafiken zu erfassen und richtig zu interpretieren vermögen. Dies schließt auch mit ein, wie gut sie mit Größen, Einheiten und Formeln umgehen können. Darüber hinaus wird mit dem TMS die Merkfähigkeit, die Genauigkeit der visuellen Wahrnehmung, das räumliche Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit zu konzentriertem und sorgfältigem Arbeiten ermittelt. 

Anders als das Abitur ist der TMS ein Test, der an alle Bewerber aus dem gesamten Bundesgebiet dieselben Anforderungen stellt; die Ergebnisse sind daher objektiv vergleichbar und sorgen für eine Verbesserung der Chancengleichheit bei der Zulassung zu einem (zahn)medizinischen Studium. Zudem zeigen Untersuchungen, dass der TMS andere relevante Fähigkeiten misst als das Abitur, was sich auch an der geringen bis mäßigen Korrelation der TMS-Ergebnisse mit den Abiturnoten der Zugelassenen zeigt (1, 5).

Im Jahr 2007 nutzten ausschließlich die fünf baden-württembergischen Fakultäten das TMS-Ergebnis als Auswahlkriterium in ihrer hochschuleigenen Auswahl. 2015 waren es bundesweit 20 Fakultäten (19 staatliche, eine private). Gegenüber 2007 ist die Zahl der Teilnehmer um 50 Prozent auf 10 870 angestiegen, die Zahl der Teilnehmeranmeldungen, die für die Planung der Plätze relevant ist, auf mehr als 15 000 (Grafik 1). Alle Teilnehmer sollen den TMS unter standardisierten und vergleichbaren Bedingungen möglichst in Wohnortnähe absolvieren können, so dass inzwischen etwa 50 Testorte in ganz Deutschland angeboten werden. Der Test für Medizinische Studiengänge findet einmal im Jahr in der Regel in der ersten Maihälfte statt.

Entwicklung der TMS-Anmeldungen und -Teilnehmerzahlen 2007–2015
Entwicklung der TMS-Anmeldungen und -Teilnehmerzahlen 2007–2015
Grafik 1
Entwicklung der TMS-Anmeldungen und -Teilnehmerzahlen 2007–2015

Für die Planung der bereitzustellenden Teilnehmerplätze pro Bundesland werden Erfahrungswerte aus den vorherigen Jahren sowie aktuelle Entwicklungen, wie zum Beispiel doppelte Abiturjahrgänge oder zusätzliche TMS-Fakultäten, zugrunde gelegt. Sobald durch die Zahlung der Testgebühr (73 Euro) die Gesamtzahl der Anmeldungen feststeht, wird die Raumplanung finalisiert und das Testpersonal verpflichtet. Dieses bestand 2015 aus 145 geschulten Testleitern (mindestens zwei pro Testraum), denen vor Ort die Verantwortung für den Ablauf des Testtages obliegt, und 579 Testaufsichten, die die Sektoren beaufsichtigen, in die jeder Testraum eingeteilt ist (maximal 40 Teilnehmer pro Sektor).

Die Dynamik der Teilnehmerzahlen ist in der Grafik 1 dargestellt: Seit 2012 sind die Anmeldezahlen etwa auf demselben Niveau, und auch das Verhältnis zu den tatsächlichen Teilnehmerzahlen ist mit circa 70 Prozent in etwa gleich geblieben. Die überwiegende Anzahl der Teilnehmer absolviert den TMS im Abiturjahr beziehungsweise im Jahr davor oder danach, wobei die Altersspanne der Teilnehmer 2015 rund 35 Jahre umfasste (Geburtsjahre 1964 bis 1999).

Der größte Teil der Teilnehmer hat einen Wohnort in Deutschland oder dem umliegenden deutschsprachigen Ausland (Österreich, Luxemburg, Norditalien, Schweiz) angegeben. Die Herkunftsverteilung nach Bundesländern ist beispielhaft für 2015 in Grafik 2 dargestellt: Die meisten Teilnehmer kommen aus Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, dann folgen mit einigem Abstand Hessen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Teilnehmer mit Wohnort im Ausland machen nur einen Bruchteil der Gesamtteilnehmerzahl aus (2015: 3,74 Prozent), Teilnehmer mit Geburtsort im Ausland dagegen einen etwas höheren Anteil (2015: 7,31 Prozent). Das Geschlechterverhältnis ist über den gesamten Zeitraum seit 2007 konstant geblieben, im Mittel sind es rund 64 Prozent weibliche Teilnehmer und 36 Prozent männliche Teilnehmer.

Verteilung der TMS-Anmeldungen auf die Länder
Verteilung der TMS-Anmeldungen auf die Länder
Grafik 2
Verteilung der TMS-Anmeldungen auf die Länder

Guter Test erhöht die Chance

Das TMS-Ergebnis kann neben der Abiturnote (und gegebenenfalls weiteren Kriterien) als zusätzliches Kriterium beim Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) zum Medizinstudium herangezogen werden. Die Teilnahme am TMS ist für die Zulassung an den beteiligten Fakultäten freiwillig; das Testergebnis kann allerdings die Chance auf einen Studienplatz (gemäß den hochschuleigenen Kriterien in unterschiedlicher Gewichtung) deutlich erhöhen. Eine Verschlechterung der Chancen gegenüber einem Bewerber, der am TMS nicht teilgenommen hat, ergibt sich – auch bei schlechtem TMS-Ergebnis – nicht. In allen anderen Quoten (zum Beispiel Abiturbesten-Quote, Wartezeit-Quote, Zweitstudienbewerber-Quote) ist der Test nicht relevant.

Jede Fakultät kann auf der Basis der jeweiligen Vergabeverordnung der Länder ihr Auswahlverfahren im AdH selbst gestalten, so dass verschiedene Konstellationen und Gewichtungen von Auswahlinstrumenten zum Einsatz kommen (6). Zu diesem Zweck können die Fakultäten auf drei verschiedene TMS-Testwerte zurückgreifen: Den Prozentrang, den Standardwert oder das Notenäquivalent.

Am Beispiel Heidelberg lassen sich mögliche Effekte des TMS im AdH veranschaulichen. Dort wird der TMS seit 2009 in einem kompensatorischen Verfahren eingesetzt, das heißt, es wird anhand einer Auswahlformel, die die Abiturpunkte, den TMS-Standardwert und zusätzliche Boni berücksichtigt, eine Rangliste aller Bewerber erstellt. Mittlerweile haben fünf anhand dieses Verfahrens ausgewählte Kohorten (2009 bis 2013) den vorklinischen Studienabschnitt im Studiengang Medizin abgeschlossen. Die fortgesetzte wissenschaftliche Begleituntersuchung der Heidelberger Studierendendaten im Studiengang Medizin bestätigt die Tendenzen, die sich bereits nach den ersten vorläufigen Auswertungen 2011 in Hinblick auf Studienadhärenz und -erfolg abzeichneten (1). Die Zahl der Studierenden, die in der AdH-Quote zugelassen wurden und ihr vorklinisches Studium in Regelzeit beenden, hat sich gegenüber den Kohorten vor Einführung des TMS um zwölf Prozent auf 89 Prozent erhöht. Dagegen haben sich die Verzögerungs- und Abbruchraten in der Vorklinik um jeweils rund sechs Prozent reduziert – auf 5,7 Prozent beziehungsweise 4,9 Prozent.

Seit 2011 haben alle in der AdH- Quote in Heidelberg für Medizin zugelassenen Bewerber ein TMS-Ergebnis eingereicht. Der Anteil der Bewerber, die ein TMS-Ergebnis eingereicht haben, an der Gesamtbewerberzahl lag zwischen 55 und 60 Prozent. Knapp sieben bis acht Prozent der eingereichten TMS-Ergebnisse wiesen das Notenäquivalent von 1,0 auf. Dabei ist der Anteil der Männer und Frauen mit Abiturdurchschnittsnote 1,0, der ein Notenäquivalent von 1,0 im TMS erreicht, ähnlich hoch. Je schlechter jedoch die Abiturdurchschnittsnote ist, desto höher ist der Anteil der Männer, die dieses Erfolgsniveau im TMS erreichen. Diese potenziell fähigen Bewerber haben durch die Teilnahme am TMS eine verbesserte Chance auf einen Studienplatz in Heidelberg, auch wenn ihre Abiturdurchschnittsnoten unter 2,0 liegen.

Mit dem TMS bietet sich den Fakultäten ein validiertes Auswahlinstrument, das sie durch einen Beitritt in den TMS-Kooperationsverbund mit geringem Aufwand in ihr hochschuleigenes Auswahlverfahren integrieren können. Die fachspezifischen Fähigkeiten, die im TMS geprüft werden, haben einen für die Studienleistung relevanten Vorhersagewert und stellen dementsprechend eine gute Ergänzung zur Abiturnote, aber auch zu weiteren nichtkognitiven Kriterien, wie medizinnahen Ausbildungen, Freiwilligendiensten oder Auswahlgesprächen, dar.

Sarah Cappel, Dr. rer. nat. Guni Kadmon, Prof. Dr. med. Martina Kadmon

1.
Kadmon G, Kadmon M: Medizinertest: Chance für Bewerber ohne Einser-Abitur. Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A 2388–92 VOLLTEXT
2.
Hochschulrahmengesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 19. Januar 1999 (BGBl. I S. 18), das zuletzt durch Artikel 2 des Gesetzes vom 12. April 2007 (BGBl. I S. 506) geändert worden ist.
3.
Trost G, Blum F, Fay E et al.: Evaluation des Tests für medizinische Studiengänge (TMS). Synopse der Ergebnisse. Bonn: Institut für Test- und Begabungsforschung 1998 PubMed Central
4.
Hell B, Trapmann S, Schuler H: Eine Meta-analyse der Validität von fachspezifischen Studierfähigkeitstests im deutschsprachigen Raum. Empirische Pädagogik 2007; 21: 251–70.
5.
Kadmon G, Kirchner A, Duelli R, Resch F, Kadmon M: Warum der Test für Medizinische Studiengänge (TMS)? Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2012; 106: 125–30 CrossRef MEDLINE
6.
Stiftung für Hochschulstart: Studienangebot. http://www.hochschulstart.de/index.php?id=32 (last accessed on 4 September 2015).
Entwicklung der TMS-Anmeldungen und -Teilnehmerzahlen 2007–2015
Entwicklung der TMS-Anmeldungen und -Teilnehmerzahlen 2007–2015
Grafik 1
Entwicklung der TMS-Anmeldungen und -Teilnehmerzahlen 2007–2015
Verteilung der TMS-Anmeldungen auf die Länder
Verteilung der TMS-Anmeldungen auf die Länder
Grafik 2
Verteilung der TMS-Anmeldungen auf die Länder
1. Kadmon G, Kadmon M: Medizinertest: Chance für Bewerber ohne Einser-Abitur. Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A 2388–92 VOLLTEXT
2. Hochschulrahmengesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 19. Januar 1999 (BGBl. I S. 18), das zuletzt durch Artikel 2 des Gesetzes vom 12. April 2007 (BGBl. I S. 506) geändert worden ist.
3. Trost G, Blum F, Fay E et al.: Evaluation des Tests für medizinische Studiengänge (TMS). Synopse der Ergebnisse. Bonn: Institut für Test- und Begabungsforschung 1998 PubMed Central
4. Hell B, Trapmann S, Schuler H: Eine Meta-analyse der Validität von fachspezifischen Studierfähigkeitstests im deutschsprachigen Raum. Empirische Pädagogik 2007; 21: 251–70.
5. Kadmon G, Kirchner A, Duelli R, Resch F, Kadmon M: Warum der Test für Medizinische Studiengänge (TMS)? Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2012; 106: 125–30 CrossRef MEDLINE
6. Stiftung für Hochschulstart: Studienangebot. http://www.hochschulstart.de/index.php?id=32 (last accessed on 4 September 2015).

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