ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2015Selbstmanagement: Die eigenen Widerstandskräfte stärken

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Selbstmanagement: Die eigenen Widerstandskräfte stärken

Dtsch Arztebl 2015; 112(41): [2]

Kutscher, Patric P.

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Gerade Ärzte achten mitunter zu wenig darauf, ihre Widerstandskräfte zu stärken und Resilienz aufzubauen. Dann gilt es, den Blick auf sich selbst zu richten, den leeren Energieakku aufzuladen und Abstand zum Berufsalltag zu gewinnen.

Immer mehr Ärzte tappen offenbar in die Burn-out-Falle – und dann leiden die Beziehungen zu den Mitarbeitern wie zu den Patienten. Es scheint, als würden gerade Fachleute unter dem blinden Fleck leiden: Obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten, lassen sie bezüglich der eigenen Person die Ratschläge links liegen, die sie anderen geben.

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Dr. Ingo Schmehl, Neurologie-Klinikdirektor am Unfallkrankenhaus Berlin, weist seine Kollegen und Mitarbeiter darauf hin, dass sie nicht nur dafür Sorge tragen sollten, die Widerstandskräfte ihrer Patienten zu stärken. Es gebe eine Verantwortung sich selbst und den Mitarbeitern gegenüber. Letztendlich diene es dem Patientenwohl, seine eigenen Widerstandskräfte zu erhalten. „Es ist anerkennungs- und lobenswert, wenn sich ein Arzt für seine Patienten engagiert einsetzt. Dabei darf er aber nicht den Blick auf sich selbst verlieren. Es nutzt niemandem, wenn sich der engagierte Arzt dem Burn-out nähert“, sagt Schmehl.

Das Gespräch suchen

Oft sind es die Engagiertesten, die sich jedes Patientenschicksal zu Herzen nehmen und darüber auszubrennen drohen. Eine Präventionsmaßnahme besteht darin, das Gespräch zu suchen, etwa mit einer Person, der sich der Arzt anvertrauen kann und der gegenüber es ihm leicht fällt, auch zu hohe Belastungen zu kommunizieren. Gerade Menschen, die in heilenden, pflegerischen und sozialen Berufen tätig sind, neigen dazu, sich Überforderungen nicht einzugestehen. Zuweilen pflegen sie ein allzu perfektionistisches Selbstbild. Dann hilft das Gespräch mit einer außenstehenden Person.

Ein Patentrezept gibt es dabei nicht. „Während der eine Arzt es vorzieht, sich mit einem neutralen Dritten zu unterhalten, bevorzugt der zweite den kollegialen Austausch mit dem ‚Leidensgenossenʻ. Es ist hilfreich, wenn der Gesprächspartner auf ähnliche Erfahrungen zurückblicken kann“, berichtet Schmehl. „Der dritte Arzt schließlich sucht das Gespräch mit dem Partner oder guten Freund.“ Entscheidend ist wohl, dass der Arzt grundsätzlich willens ist, sich jemandem zu öffnen.

Die Zeit klug managen

Ziele setzen, Prioritäten schaffen, Pausen einlegen, zwischen Phasen der An- und Entspannung wechseln, Stressoren erkennen und vermeiden – diese Ratschläge belächeln Ärztinnen und Ärzte angesichts ihres hektischen und nur schwer planbaren Arbeitsalltags oft. Trotzdem sollten sie Zeitmanagement-Tipps nicht von vornherein als ungeeignet abtun. Das Zeitmanagement-Instrumentarium ist reichlich gefüllt. Zielführend ist, wenn der Arzt diejenigen Techniken und Methoden nutzt, die ihm helfen, den Arbeitsalltag besser zu strukturieren.

Hilfreich ist eine Störquellenanalyse, um denjenigen Zeitdieben auf die Schliche zu kommen, die ihm die Zeit rauben, die er aber bekämpfen kann. Die permanente Erreichbarkeit für Mitarbeiter beispielsweise ist eventuell nicht notwendig, wenn der Arzt eine „Mitarbeiter-Viertelstunde“ einrichtet, in der seine Bürotür offensteht, die ansonsten jedoch, außer in dringlichen Ausnahmesituationen, geschlossen bleibt.

Ein Stressor, den der eine als belastend empfindet, wirkt bei dem anderen als positiver Adrenalinschub. Hilfreich ist die Ursachenforschung: Dazu hält der Arzt am besten schriftlich seine Belastungssituationen fest und überlegt, wie er bisher damit umgegangen ist. Auf diese Weise stellt er fest, für welche Belastungssituationen er bereits über Bewältigungsstrategien verfügt, die er gezielt einsetzen kann, um seine Widerstandskräfte zu stärken.

Die Situation beherrschen

Ein wichtiger Aspekt dabei ist das Gefühl, eine Situation, die er als stressend definiert, beeinflussen zu können. Resilienz baut derjenige auf, dem es gelingt, selbst in belastend-schwierigen Situationen das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und sich zum Akteur und Beherrscher der Situation zu entwickeln.

Widerstandskräfte lassen sich mithilfe der Fähigkeit stärken, auf der mentalen Ebene die Arbeit nicht „mit nach Hause zu schleppen“. Wenn der Arzt die Klinik verlässt, sollte er mit der Arbeit abgeschlossen haben und nicht gezwungen sein, sich mit ihr zu Hause weiterhin zu beschäftigen. Allerdings: Das ist in der Umsetzung einer der schwierigsten Resilienz-Tipps. Das ist auch die Erfahrung von Dr. Ingo Schmehl: „Wiederum muss jeder seinen eigenen Weg finden. Der Spaziergang, die Begegnung mit der Natur, das Fitnessstudio, die Beschäftigung mit Kunst und Literatur, die Familie, das Hobby. Vielleicht ist es klug, all diese Optionen zu nutzen.“

Allgemein gilt es, die verschiedenen Lebensbereiche auszubalancieren und sich sein Refugium, seine individuelle Tankstelle zu kreieren, um den leeren Energieakku aufzuladen und Abstand zum Berufsalltag zu gewinnen.

Der Blick auf sich selbst und die Anwendung der Selbstmanagement-Techniken öffnen den Blick auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter: Wer achtsam mit sich selbst umgeht, wird Achtsamkeit auch im Umgang mit den Mitmenschen an den Tag legen. Das heißt: Der Arzt berücksichtigt bei der Mitarbeiterführung, der Motivationsarbeit und dem Aufbau von Resilienz das jeweilige Persönlichkeitsprofil eines Mitarbeitenden.

Mitarbeiter unterstützen

Wer weiß, welche emotionalen Kraftreserven für einen Menschen entscheidend sind, kann ihn gezielt dabei unterstützen, Resilienz aufzubauen. Wer hingegen alle Mitarbeitenden über einen Kamm schert, läuft Gefahr, die Tendenz zum Burn-out zu verstärken.

„Erlauben Sie Ihren Mitarbeitern, am Arbeitsplatz auf sich selbst, den individuellen Arbeitsrhythmus und die persönlichen Bedürfnisse zu achten“, empfiehlt Schmehl daher. „Das ist eine Herkulesaufgabe, weil die entsprechenden organisatorischen Rahmenbedingungen oft erst geschaffen werden müssen. Aber diese Möglichkeit überhaupt ins Kalkül zu ziehen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.“

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