ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2015HPV-Impfung und demyelinisierende Erkrankungen: Zwei Studien ergeben keinen kausalen Zusammenhang

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

HPV-Impfung und demyelinisierende Erkrankungen: Zwei Studien ergeben keinen kausalen Zusammenhang

Leinmüller, Renate

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Die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) geht nach zwei aktuellen Analysen nicht mit einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose (MS) oder andere demyelinisierende Erkrankungen des zentralen Nervensystems einher. In einer Kohortenstudie aus Skandinavien (1) wurde auf Basis der nationalen Register das Risiko für alle dänischen und schwedischen Frauen im Alter zwischen 10 und 44 Jahren analysiert. Erfasst wurden die Daten von fast 4 Millionen Mädchen und Frauen (2006–2013), darunter knapp 800 000, die insgesamt zwei Millionen Dosen des tetravalenten HPV-Impfstoffs erhalten hatten.

In der zweijährigen „Risikoperiode“ nach Vakzination traten 73 Fälle von MS und 90 demyelinisierende Erkrankungen auf. Die Kohortenanalyse ergab kein erhöhtes MS-Risiko bei der geimpften Gruppe im Vergleich mit Nicht-HPV-Geimpften (6,12 vs. 21,54 Fälle/100 000 Personenjahre; adjustierte Rate Ratio [RR]: 0,90; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: 0,70–1,15). Auch die Inzidenz für andere demyelinisierende Erkrankungen war mit 7,54 im Vergleich zu 16,14 Fällen pro 100 000 Personenjahre (RR: 1,00; 95-%-KI: 0,80–1,26) nicht erhöht. Die Autoren sehen deshalb keine kausale Verbindung zwischen HPV-Impfung und diesen Erkrankungen.

Ein ähnliches Ergebnis hatte eine genestete Fall-Kontroll-Studie bei Versicherten der Kaiser Permanente Southern California (2). Es wurde anhand der elektronischen Krankenakten das Risiko für diese Erkrankungen nach HPV- und Hepatitis-B-Impfungen ermittelt. Erfasst wurden die spezifischen Krankheitsfälle (n = 780) im Zeitraum zwischen 2008 und 2011 bei 9- bis 26-Jährigen und jeweils 5 Kontrollen (n = 3 885) zugeordnet. Bis 3 Jahre nach Impfung war das Risiko weder bei HPV- noch bei Hepatitis-Geimpften erhöht (Odds Ratio [OR]:1,05; 95-%-KI: 0,62–1,78 und OR:1,12; 95-%-KI: 0,72–1,73).

Die fehlende langfristige Korrelation spricht nach Ansicht der Autoren gegen eine Kausalität, das kurzfristig erhöhte Risiko für demyelinisierende Erkrankungen (OR: 2,32; 95-%-KI: 1,18–4,57) in den ersten 30 Tagen nach Impfung dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Vakzinierung bei bereits bestehender Erkrankung dazu beiträgt, subklinische in manifeste Formen zu transformieren.

Fazit: Die Ergebnisse stützen anekdotische Berichte zum Auftreten von Symptomen einer MS oder anderer demyelinisierender Erkrankungen kurz nach der Impfung, so die Autoren. Prof. Dr. med. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik der TU München, kommentiert (3): „Daraus ergibt sich aber keine Notwendigkeit, die Impfpolitik zu ändern. In der Gesamtbilanz senken HPV-Impfungen das Risiko einer Krebserkrankung, und diese Studien sprechen klar gegen ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von MS und ähnlichen Erkrankungen.“ Prof. Dr. med. Heinz Wiendl präzisiert: „Wir Neurologen können Mädchen und jungen Frauen eine HPV-Impfung guten Gewissens empfehlen, der Schutz vor Gebärmutterhalskrebs wird nicht durch Erkrankungsrisiken des Nervensystems erkauft“ (3).

  1. Scheller NM, et al.: Quadrivalent HPV vaccination and risk of multiple sclerosis and
    other demyelinating diseases of the central nervous system. JAMA 2015; 313: 54–61.
  2. Langer-Gould A, et al.: Vaccines and the risk of multiple sclerosis and other central nervous system demyelinating diseases. JAMA Neurol 2014; 71: 1506–13.
  3. www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/50-pressemitteilungen/pressemitteilung-2015/3002-hpv-impfung-zum-schutz-vor-gebaermutterhalskrebs-kein-erhoehtes-risiko-fuer-multiple-sklerose

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